„Hin und weg“ – Schauspielerin Julia Koschitz im emotionalen Zerreißakt

julia koschitz als kiki

Bild: Wolfgang Ennenbach / Filmladen Filmverleih

Die starke Frau im Film „Hin und weg“ von Christian Zübert ist definitiv Kiki, gespielt von Julia Koschitz. BIORAMA hat sich mit ihr über den Film, das Leben, den Tod und natürlich das Radfahren unterhalten. Ein Interview. 

Jedes Jahr veranstalten die Freunde und Freundinnen von Hannes eine Fahrradtour an einem Ort ihrer Wahl. Dieses Jahr bestimmt Hannes, wohin es gehen wird: nach Belgien. Doch nicht, um dort Pralinen oder Pommes zu essen, sondern um Sterbehilfe zu beziehen. Denn Hannes leidet unter ALS und möchte einen qualvollen Tod entgehen … „Hin und weg“ – Eine Hymne an die Freundschaft und das Leben.

BIORAMA: Seit der Icebucket Challenge wissen nun hoffentlich viele mehr, was ALS ist und dass es das überhaupt gibt. Auch wenn der Film die Krankheit nicht im Fokus hat, werden sich trotzdem einige Zuseher und Zuseherinnen wieder erinnern. Wie versiert bist du auf diesem Gebiet?

Julia Koschitz: Im Rahmen der Vorbereitung habe ich mich natürlich mit der Krankheit ALS auseinandergesetzt. Davor wusste ich darüber noch sehr wenig. Im Grunde genommen kannte ich nur Stephen Hawking, ein Beispiel für eine chronisch juvenile ALS und die hat einen komplett anderen Verlauf. Man kann sogar damit alt werden, im Gegensatz zu der ALS, deren Überlebenszeit zwischen drei bis fünf Jahren beträgt. Und die in den meisten Fällen zum Erstickungstod führt.

Wie habt ihr in der Crew über die Krankheit geredet?

Wir haben uns alle damit auseinander gesetzt, klar. Aber der intensivste Diskurs war sicher zwischen Florian und Christian Zübert, dem Regisseur. Ich musste mich über die Symptome, den Verlauf der Krankheit und die psychischen Auswirkungen informieren, um seine Entscheidung nachvollziehen zu können.

Ich denke für die Freunde löst die Tatsache, dass er sich selber ein Ende setzten möchte, die viel größere Diskussion aus. Sie werden mit zwei schrecklichen Nachrichten gleichzeitig konfrontiert: Erstens dass er sterbenskrank ist und zweitens, dass er beschlossen hat, Sterbehilfe zu beziehen. In dem Fall ist der zweite Punkt ausschlaggebender, weil die Konsequenz schneller eintritt.

Bild: Wolfgang Ennenbach / Filmladen Filmverleih

Bild: Wolfgang Ennenbach / Filmladen Filmverleih

Glaubst du, dass mit Social-Media-Kampagnen besser auf solche Themen aufmerksam gemacht werden kann als beispielsweise mit Film?

Die Frage kann ich nicht beantworten, weil es schon mal darauf ankommt, wie viele Menschen den Film sehen werden. Wir hoffen natürlich alle, dass es viele sein werden. Aber es hängt bestimmt auch von dem jeweiligen Menschen ab, was er braucht, um sich einem Thema zu öffnen. Es gibt Leute, die wollen lieber eine Dokumentation sehen, andere die wollen sich einem schwierigeren Thema eher über die Fiktion annähern. Ich glaube, dass es ein Potenzial gibt, über eine fiktive Geschichte Menschen mit einem schwierigen Thema zu erreichen. Dieses Potenzial finde ich spannend. Auf der einen, sowie auf der anderen Seite, ist das aber keine umfassende Auseinandersetzung mit der Krankheit. Wir haben keinen Film über ALS gemacht, oder über Sterbehilfe, sondern in erster Linie einen Film über das Leben.

Unter dem Jahr mag man sich vielleicht auseinanderleben und so manches verpassen – wie im Film die Krankheit von Hannes. Doch gemeinsame Unternehmungen, wie die Fahrradtour, führen Freunde wieder zusammen und lässt sie am gegenseitigen Leben teilhaben. Will Hannes deshalb sein Leben damit beenden?

Du meinst, dass er mit seinem Termin in Belgien auf seine Freunde wartet? Ich muss zugeben, darüber habe ich nie nachgedacht. aber das macht schon Sinn, ja. Ich bin immer davon ausgegangen, dass er diesen Termin ausgewählt hat, weil es mit seiner Konstitution seit einem halben Jahr rapide bergab geht und er zu einem Zeitpunkt gehen möchte, in dem er noch Herr seines eigenen Körpers ist. ob es für ihn jetzt unbedingt im Rahmen dieser Fahrrad-Tour hätte stattfinden müssen, oder einer anderen Zusammenkunft weiß ich nicht, er möchte auf jeden Fall eine letzte unbeschwerte Woche mit seinen Freunden verbringen und da bietet sich die alljährliche Fahrrad-Tour natürlich an.

crew am radfahren

Bild: Wolfgang Ennenbach / Filmladen Filmverleih

Wie ich mir den Film angesehen habe, dachte ich mir: Na zum Glück bin ich nicht diese Kiki. Die hat’s nämlich am schlimmsten erwischt. Was macht die Figur interessant, bzw. was sind ihre Stärken?

Ich finde auch, dass Kiki eine große Aufgabe zu bewältigen hat. Und genau ihre Stärke ist es ja, das zu ertragen. Eigentlich unvorstellbar und nur nachvollziehbar für mich mit dem schon so oft gehörten Satz, dass Menschen in Extremsituationen „über ihre Grenzen hinaus wachsen“. Man kann es nicht vergleichen und ich kann Gott sei dank beides nicht beurteilen, ob es schwieriger ist, sich selber ein Ende zu setzen oder seine große Liebe/seinen Partner in den Tod zu begleiten. Derjenige, der einen nahestehenden Menschen verliert, hat es zumindest länger schwer, weil er mit dem Verlust weiterleben muss. Ich empfinde den Prozess, den Kiki da durchmacht, als Grenzerfahrung. Nicht nur, dass sie mit dem Wissen leben muss, ihren Partner bald an einer schrecklichen Krankheit zu verlieren, dass sie ihm dabei zuschauen muss, wie seine körperlichen Möglichkeiten sukzessive verschwinden und wie er psychisch darunter leidet. Sie wird außerdem mit seinem Wunsch, sein Lebensende selber und vorzeitig zu bestimmen konfrontiert. Sie nimmt sich vor, ihn in seiner Entscheidung zu begleiten, ohne ihn mit ihrem Schmerz zu belasten, hofft aber unbewusst weiter, dass er sich noch umentschließt. Es ist ein emotionaler Zerreißakt, den sie nur bewältigen kann, in dem sie ihn wirklich loslässt.

Anfangs vom Film sind die Freunde noch sehr ängstlich um Hannes, vor allem Kiki. Vor allem die Szene, wo er hinfällt, wie er mit dem Rad den Berg hinunterfährt. Die Stimmung ist sehr ängstlich, aber wovor haben sie alle eigentlich genau so viel Angst?

Ich würde nicht sagen, dass sie primär Angst haben. Ab dem Moment wo sie wissen, was mit ihm los ist, hat in ihnen eine Wandlung stattgefunden. Sie behandeln ihn jetzt plötzlich wie ein rohes Ei. Die Leichtigkeit und der Spaß, den sie noch am Anfang der Reise hatten, ist weg. Mit diesem Unfall, den Hannes am Berg provoziert, will er ihnen sagen, dass sie ihn nicht wie einen schwer Kranken behandeln sollen. Genau deshalb wollte er ihnen seinen Zustand und seine Entscheidung verschweigen, weil er diese Reaktion schon befürchtet hat. Durch die Betroffenheit der Freunde kommt er nicht zu dem, was er sich eigentlich wünscht – diese letzte Woche in seinem Leben noch einmal richtig zu genießen.

Die Nachhaltigkeit wird immer mehr zum Thema – auch im Mainstream. Ist „Hin und qeg“ die neue, ökologische Form von Easy Rider? Bzw. hat das Radfahren vielleicht sogar einen symbolischen Wert?

Nein, das glaube ich nicht. Ich bin ein Fahrrad-Fan und fand es eine schöne Idee mal ein Fahrrad-Roadmovie zu machen, aber nein, ich denke nicht, dass es einen symbolischen Wert hat. Da müsstest du die Autorin fragen, ob es für sie noch eine andere Bedeutung hat. Für mich ist es einfach simpel eine logische Konsequenz, aus der Dramaturgie der Geschichte. Würden sie mit dem Auto oder Zug fahren, würde sie so nicht funktionieren.

plakat hin und weg

Bild: Wolfgang Ennenbach / Filmladen Filmverleih

Hin und weg

Filmstart: 24.10.2014


Und HIER geht’s zu den Fotos der Österreisch-Premiere des Filmes mit Julia Koschitz, Florian David Fitz, Mirjam Stein und Volker Bruch.

www.hinundweg-film.de

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