Ein Olé auf Doctor Ojé

Wie Biodiversität heilt: Mit einem Naturführer unterwegs im peruanischen Regenwald.

»Tenia que llorar«, erzählt Rolin traurig. Der 24-jährige peruanische Naturführer wirkt nicht so, als würde er schnell in Tränen ausbrechen. Aber beim Anblick riesiger Verwüstungen durch Abholzung des brasilianischen Regenwalds für Rinderherden und Sojaanbau musste er weinen. Unzählige Tiere verlieren ihren Lebensraum und irren umher, Zigtausende Pflanzenarten sind einfach verschwunden, 600 Jahre alte Urwaldriesen umgeknickt wie Streichhölzer.

Amazonien ist der größte zusammenhängende tropische Regenwald auf der Erde. Neun Länder Südamerikas haben unterschiedliche Anteile an ihm. Brasilien besitzt fast 60% der Fläche, dann kommt schon Peru mit 11,3%. Zwar nimmt der tropische Regenwald insgesamt nur 6% der Erdoberfläche ein, er bindet aber 10% des globalen terrestrischen Kohlenstoffs. Eine großflächige Abholzung setzt CO2 frei und verstärkt die Erderwärmung und damit den Klimawandel. Wir sollten also mit Rolin weinen. (Hinweis auf extra Infokasten zu den Zahlen der Abholzung)

Rolin entdeckt das Lianengewächs Itininga, dessen Säfte gegen Schlangenbisse helfen. Foto: Susanne Salzgeber.

Im tropischen Regenwald tummelt sich das Leben wie nirgendwo sonst: 50 bis 80 Prozent der Tier- und Pflanzenarten weltweit sind hier beheimatet ­– eine unermessliche Vielfalt der Arten, von denen die meisten noch gar nicht entdeckt sind. Darunter auch viele medizinische Pflanzen, die im Primär- und Sekundärregenwald wachsen und für die indigene Bevölkerung seit Tausenden von Jahren eine große kulturelle Bedeutung besitzen und ihre Hausapotheke darstellen. Mehr als 10.000 verschiedene Pflanzenarten und 3000 Pilze haben Biologen allein im peruanischen Regenwald um den Rio Madre de Dios identifiziert. Die Dschungelstadt Puerto Maldonado liegt an der Mündung des Tambopata in den Rio Madre de Dios – einen kleinen, 1400 Kilometer langen Amazonas-Nebenfluss – und wird als Hauptstadt der Biodiversität bezeichnet. Auf kleinstem Raum leben in den Schutzgebieten 632 Vogelarten, 169 Säugetiere und 1200 Schmetterlinge, schwarze Kaimane, diverse Schlangen und viele Fischarten nicht zu vergessen. Aber wir sind mit unserem Naturführer auf der Pirsch nach Heilpflanzen.

Die roten Wurzeln der Palmito-Palme (Euterpe edulis) werden gekocht und zur Reinigung des Magens und der Nieren eingesetzt. Foto: Susanne Sazlgeber.

Lange müssen wir nicht suchen und weit müssen wir nicht wandern im Naturschutzreservat Tambopata am Sandoval-See, um sie zu finden. Ob in Baumrinden, Blättern, Früchten, Blüten oder im Baumsaft: In vielen Pflanzen steckt etwas Besonderes, das den Menschen hilft, Krankheiten vorzubeugen oder abzuwehren. Rolin kennt sich gut damit aus. Sein Vater und bereits sein Großvater waren Heiler oder Medizinmänner. Sie gehörten der ethnischen Minderheit der Yine an, seine Mutter der der Machiguenga. Beide Stämme leben im Manu-Nationalpark in Peru.

In Gesamt-Amazonien gibt es 350 ethnische Minderheiten. Rolins Mutter starb an dem Biss einer Lanzenotter, als er drei Jahre alt war. Obwohl sein Vater die Pflanze kannte, deren Saft gegen diesen Schlangenbiss hilft, konnte er sie nicht retten, weil der Unfall in der Nacht passierte. Innerhalb von zwei Stunden muss man das Gegengift einnehmen. Aber dem Heiler gelang es nicht, die helfende Jergonzacha oder Itininga in der Nacht im Urwald schnell genug zu finden. Die Natur hält viele Grausamkeiten bereit. Dennoch hat die Dschungelapotheke auch viel gegen gängige Krankheiten eines Mitteleuropäers zu bieten: Die roten Wurzeln der Palmenart Palmito reinigen zum Beispiel Magen und Nieren, heilen Infektionen, während man die Rinde des Ficus estrangulador bei Verletzungen, Aufschürfungen oder Hämatomen auflegt. Gegen Arthritis, Rheuma und Krämpfe helfen die Blätter des Ishanga und die Rinde des Chuchuhasi.

Die Rinde des Chuchuhasi-Baums (Maytenus krukovii) wird drei Wochen in Zuckerrohrschnaps eingelegt und bei Rheuma und Arthritis angewendet. Foto: Susanne Salzgeber.

»Busanga« nennt Rolin die Pflanzen, die Wirkung auf die Psyche eines Menschen haben. Bei hyperaktiven Kindern und Schreibabys nutzen die Menschen vor Ort Busanga de Pancar. Man badet die Kleinen einfach in den eingeweichten Blättern, danach schlafen sie selig. Das Öl des Riesenbaums Cobaiba soll, regelmäßig eingenommen, gegen Geschwüre und Krebs helfen. Auch das Gel des Baums Peine de Mono soll, täglich verabreicht, einer Krebstherapie nahe kommen. Dieser Baum hat seinen Namen Affenkamm deshalb, weil sich die Affen mit den bürstenartigen Schalen der Früchte gegenseitig das Fell bürsten.

Gegen Magenverstimmung und Diarrhö gibt es eine große Auswahl an Pflanzen, auch weil es viele Möglichkeiten gibt, sich in den Tropen über Kolibakterien oder über andere Verunreinigungen den Magen zu verderben. Den Anfang macht Ojé, eine der wichtigsten Heilpflanzen, laut Rolin auch Doctor Ojé genannt, weil sie so vielseitig einsetzbar ist. Linderung verschafft auch Ajo Sachas, der Knoblauchbaum, dessen Rinde wirklich nach purem Knoblauch riecht. Einfach Rinde einweichen und Sud trinken – Bauchweh weg. Reibt man sich mit der Knoblauchrinde ein, wehrt man Mücken ab, aber sicher auch potenzielle Verehrer.

Weitere Magenheiler sind Ingwerwurzeln, Palio, eine Meerrettich-Art, Papaya-Früchte und die Blätter des Kokastrauchs. Rolin überzeugt uns, dass der Regenwald für jedes Wehwehchen die passende Heilpflanze bereithält. Gegen unsere juckenden Mückenstiche ritzt er mit seiner Machete an der Rinde des Pama-Baums und tupft uns die Flüssigkeit auf den Stich. Nichts juckt mehr, und der Stich ist nach kurzer Zeit verschwunden.

Palilo (Curcuma longa) wird gegen Durchfall eingesetzt. Foto: Susanne Salzgeber,

In unseren gängigen Arzneimitteln spielen Wirkstoffe aus tropischen Pflanzen heute eine untergeordnete Rolle. Gemäß dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller e. V. liegt seit 2003 der Anteil von Naturstoffmedikamenten im einstelligen Prozentbereich. Der Verband Botanic Gardens Conservation International (BGCI) schrieb hingegen 2008 in seinem Jahresbericht, dass etwa 25% der verschreibungspflichtigen Medikamente direkt aus Pflanzen gewonnen oder aus pflanzlichen Substanzen modelliert seien. Klar ist aber, dass seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms Anfang der 2000er-Jahre die Naturstoffforschung stark zurückgegangen ist.

Ein klassisches Medikament gegen Malaria, das aus der Rinde des Chinabaums gewonnen und seit der Kolonialisierung eingesetzt wird, ist Chinin. Ein Pulver, das schon präkolumbianische Völker gegen Fieber einsetzten. Durch Zufall entdeckten die Spanier, dass es auch gegen Malaria hilft. Diese Entdeckung unterstützte die Kolonisatoren weltweit bei der Ausbeutung der Kolonien. Ohne Chinin wären die meisten Spanier, Engländer, Portugiesen und Holländer an Malaria gestorben. Eine Ironie des Schicksals.

Im Sandoval See leben u.a. schwarze Kaimane, Piranhas und Riesenotter.
Foto: Susanne Salzgeber.

Das Einzugsgebiet des Amazonas hat eine Fläche von mehr als sieben Millionen Quadratkilometern und ist damit ungefähr so groß wie Australien. Davon sind 6,7 Millionen Quadratkilometer tropischer Regenwald. Er erstreckt sich über neun südamerikanische Staaten, wobei die größte Fläche zu Brasilien gehört. Aber auch Französisch-Guayana, Suriname, Guyana, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien sind am Einzugsgebiet beteiligt. In Gesamt-Amazonien soll es noch 350 indigene Stämme geben, die ca. 10% der gesamten Bevölkerung ausmachen.

Der Amazonas ist der Hauptstrom des größten Fließgewässersystems und der längste Fluss der Erde mit knapp 6800 Kilometern. Mehr als 10.000 Zuflüsse speisen ihn, von ihnen sind rund 1000 bedeutende Nebenflüsse (17 Amazonas-Nebenflüsse sind selbst über 1600 Kilometer lang).

50 bis 80 Prozent der Tier- und Pflanzenarten weltweit sind in den tropischen Wäldern beheimatet. Die meisten davon sind wissenschaftlich noch unentdeckt. Nach Zahlen des WWF wurden seit dem Jahr 1999 im gesamten Amazonien-Regenwald mehr als 2200 Pflanzen und Tierarten neu identifiziert.

Foto: Susanne Salzgeber.

3,3 Millionen Quadratkilometer Regenwald im größten brasilianischen Teil Amazoniens sind heute noch verblieben. 1970 waren es noch mehr als 4 Millionen Quadratkilometer. 20% sind irreversibel verloren. Allein im Jahr 2018 wurden im brasilianischen Urwald 0,8 Millionen Hektar abgeholzt. Peru hat zwischen 1978 und 2012 etwa 3,5 Millionen Hektar Regenwald verloren. Nach Schätzungen von Greenpeace dürfte es im gesamten Regenwaldgebiet Amazoniens eine jährliche Entwaldung von 1,2 bis 1,3 Millionen Hektar sein. Das bedeutet: Alle 20 Sekunden wird die Fläche eines Fußballfeldes abgeholzt. Hört sich dramatisch an, ist aber noch eine zurückhaltende Schätzung. Andere Zahlen, z. B. der Annual Forest Lost, gehen von einem Gesamtverlust an Regenwald allein im Jahr 2017 von 4,6 Millionen Hektar aus. Das entspräche einer Entwaldung von der Größe eines Fußballfeldes alle 5 Sekunden.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #61 erschienen

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