Die Millisekunde

Was, wenn jemand stirbt? Das hätte ich mir auch nicht gedacht, dass die Antwort auf diese Frage sich so gravierend ändern kann.

Es gibt eine lange, scheinbar sogar endlose Liste der Dinge, die sich ändern, sobald man ein Kind bekommt. Erst vor ein paar Tagen habe ich darüber mit meiner Freundin M. gesprochen, die gerade zum ersten Mal schwanger ist. Man muss da ja immer ein bisschen aufpassen, was man sagt, eine gute Balance finden zwischen Ehrlichkeit (Einlauf, Dammriss, wunde Brustwarzen etc.) und trotzdem keine Angst machen (Einlauf, der am Gang wieder ausläuft, Dammriss, der nach Jahren noch spürbar ist, Brustwarzen, die nicht nur wund sind, sondern bluten, Nachtwache, die sich wie Folter anfühlt, etc.). Jedenfalls ging es bei unserem Gespräch nicht nur um diese körperlichen Veränderungen, sondern um die echten, die, die wirklich alles auf den Kopf stellen, die vielen Gefühle, die da plötzlich sind und die man nicht mehr wegbekommt.

Ganz vorne mit dabei: Verlustangst. Es ist so was von unglaublich, dass etwas, ohne das man jahrelang ganz wunderbar gelebt hat (das Baby), sich plötzlich, und zwar von null auf dreitausend, ganz vorne reinschiebt in die Wichtigkeits-Skala. Dass in der gleichen Millisekunde, in der das Muttergefühl, die ganze Liebe, das ganze Oooooh einschießt, auch diese schrecklichste aller Ängste auftaucht: es wieder verlieren zu können. Dass sich plötzlich der potenzielle Verlust dieses bis vor zwei Millisekunden noch unbekannten Wesens schlimmer anfühlt, als selber zu sterben. Und dass sich das bis ans Lebensende, also das eigene, nicht mehr ändern wird.

»Wurde es für mich zum fiesen Endlichkeits-Reminder, eine tote Maus zu sehen, war es für die Söhne pure Faszination.«

Ursel Nendzig, Autorin und Mutter zweier Söhne

Die Kinder selber wiederum haben dafür einen superentspannten Umgang mit diesem Thema, Kontrastprogramm. Und wie auch noch! Zwischen meiner eigenen, mütterlichen, neuen Sicht auf die Endlichkeit und der frischen, naiven der Kinder. Wurde es für mich zum fiesen Endlichkeits-Reminder, eine tote Maus zu sehen (ich berichtete an dieser Stelle bereits davon), war es für die Söhne pure Faszination. Wurde der Besuch des Grabes meiner Schwiegermutter für mich zur reinsten Emo-Achterbahnfahrt, war den Söhnen dort vor allem: fad. Sie sprangen herum und rechneten aus, wie alt die Menschen geworden sind, die da unter der Erde liegen, Wettbewerb inklusive: Wer findet den jüngsten, wer den ältesten. Und mein Herz: schwer wie Blei.

Spannenderweise beobachte ich zurzeit, wie sich der Umgang mit dem Tod bei den Söhnen unterscheidet. Der eine, sechs Jahre alt, nach wie vor sehr locker mit tot oder nicht tot. Der andere, neun, jetzt schon ehrfürchtiger. Vor Kurzem blieben sie zum ersten Mal für mehrere Tage bei ihrer Oma, und dort, beim Einschlafen, kamen dem großen Sohn die großen Gedanken: Was, wenn jemand stirbt? (Pragmatische Antwort der Oma: Ach, es stirbt doch ständig und überall jemand.)

Ich denke mir: Was, wenn ich heute sterben würde? Ich hätte vor allem Angst davor: dass meine Söhne dann traurig wären. Das gehört wohl zu der Kategorie, von der ich meiner Freundin M. nicht erzähle.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #62 erschienen

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