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Die größten Bio-Vorurteile

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die grossen biovoruteile

Hartnäckige Vorurteile, gefährliches Halbwissen und aufgeschnappte Ressentiments: Die BIORAMA-Leserschaft hat tief in die Klischeekiste gefasst und herausgeholt, was widerlegt werden soll. Wir haben bei den Experten nachgefragt. 

»Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom«, soll der berühmte Physiker Albert Einstein einst gesagt haben. Tatsächlich ist es oft kompliziert gegen Vorurteile, Stereotype und Klischees anzukommen, wenn sie erst einmal eine entsprechende Verbreitung in den Köpfen der Menschen gefunden haben. BIORAMA versucht es trotzdem und hat Experten und Expertinnen aus den unterschiedlichsten Bereichen zu den häufigsten Bio-Vorurteilen befragt, die BIORAMA-Leser zuvor an uns geschickt hatten. Hier die Ergebnisse – damit in der nächsten Diskussion über heimlich düngende Bio-Bauern und Hippies in Öko-Klamotten dem gefährlichen Halbwissen mit argumentativem Rüstzeug gegenüber getreten werden kann. Jeden Tag folgt ein neues Vorurteil und die dazugehörige Antwort.

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VORURTEIL: Man kann nicht von allen erwarten, dass sie Bio essen. Weil wenn alle Menschen Bio essen würden, dann könnte man die Weltbevölkerung gar nicht ernähren. Man braucht einfach Insektenvernichter und so Zeug, weil sonst viel zu viele Lebensmittel kaputt gehen würden.

Michael Bilharz

Dr. Michael Bilharz, Umweltbundesamt Deutschland, Fachgebiet Nachhaltige Konsumstrukturen.

Mit „Bio“ kann man nicht nur die Wohlhabenden, sondern durchaus auch die Weltbevölkerung ernähren, wie verschiedene Studien zeigen. Gerade auf ertragsarmen Böden in vielen Entwicklungsländern können ökologische Anbauweisen sogar zu Ertragssteigerungen führen (z.B. durch Mehrfruchtanbau). Intensiv-Landwirtschaft hingegen zerstört u.a. mehr und mehr die Grundlagen für zukünftige Erträge: fruchtbare und lebendige Böden. Deshalb kommen wir zur Sicherung der Welternährung um eine umweltschonendere Landwirtschaft gar nicht umhin. Unabhängig von der Anbauweise gilt aber auch: Wir essen zu viel Fleisch und andere tierische Erzeugnisse. Das bedeutet Stress für Klima und Umwelt. Der Fleischkonsum erfordert nicht nur deutlich mehr Flächen als pflanzliche Ernährung, sondern setzt auch dem Klima durch Methangasemissionen stark zu. Während viele Menschen auf der Welt weiterhin kaum Fleisch essen, steigt der globale Fleischbedarf durch das Aufholen der Schwellenländer weiter an. Fleisch ist ein Luxusgut, das wir uns bei weiter steigender Weltbevölkerung in diesen Mengen nicht mehr leisten können.
VORURTEIL:  Öko und Bio, das ist doch alles dasselbe.

 Ernst Trettler

Ernst Trettler, Geschäftsführung, Bio Austria Burgenland.

Achten sie auf die Kennzeichnung! Die Begriffe »Bio« und »Öko« sind im Zusammenhang mit Lebensmitteln ein durch EU-Recht europaweit geschützter Begriff. Bio-Lebensmittel müssen zwingend mit dem EU-Bio-Logo, einer Bio-Kontrollstellennummer und einem Herkunftshinweis gekennzeichnet sein. Eine Verwechslung mit Bezeichnungen wie »aus naturnahem Anbau«, »regional«,  »umweltgerecht« oder »kontrollierter Anbau« sind deshalb ausgeschlossen, denn diese haben mit Bio nichts zu tun.

 

VORURTEIL: Wenn ich Sachen wie Fleisch und Eier bio kaufe, dann tu ich den Tieren was Gutes, weil bei Bio werden die nicht in einen Stall gesperrt, sondern dürfen den ganzen Tag frei herumlaufen.

Anet Portrait

Anet Spengler Neff, Fachgruppe Tierhaltung, FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau), Schweiz.

Die Tiere auf Biobetrieben haben natürlich auch alle einen Stall (außer die Robustrinderrassen, die nur einen Unterstand brauchen). Es handelt sich in der Regel um Freilaufställe, so dass sich die Tiere auch im Winter im Auslauf draußen frei bewegen können. Die Anbindehaltung von Rindern ist zwar auf Biobetrieben erlaubt, aber nur, wenn die Tiere an mindestens zwei Tagen pro Woche Auslauf und im Sommer Weidegang haben. Dem Geflügel wird mindestens während eines Drittels der Lebenszeit freier Zugang zu Freigelände gewährt. Schweine haben meistens Auslaufflächen auf befestigtem Boden, aber nicht auf Weiden zur Verfügung. Die Endmast von Rindern darf in Stallhaltung ohne Auslauf erfolgen, sofern diese Zeit nicht mehr als ein Fünftel der Lebensdauer der Tiere und nicht mehr als drei Monate ausmacht.

 

VORURTEIL: Ich bin Genussmensch und deshalb kann ich auch kein Bio essen – das Zeug schmeckt doch nach nichts.

Thalmayr Martina

Martina Thalmayr, Besitzerin von »Bio Bäuerin – Bio-Lebensmittel und Bistro«, Gronsdorf/Haar, Deutschland.

Ernährungsphysiologisch gesehen wird das Essverhalten des Genussmenschen emotional bestimmt. Ein Apfel, der schmeckt wie der, den ich als Kind frisch vom Baum gepflückt habe – eine Karotte, die die ganze Intensität der Erde, in der sie gewachsen ist, in sich trägt – ein Ei, von einer glücklichen Henne, die in der Hühnerschar von ihrem Hahn bewacht fröhlich durch die Gegend pickt … Solche Lebensmittel kommen vom Bauern nebenan – oder aus dem Bioladen. Von Hybridzüchtungen und Massenerzeugung kann ein derartiges Geschmackserlebnis nicht erwartet werden. Der Genussmensch will den urspünglichen Geschmack … Spitzenköche verwenden natürliche Zutaten, die sie meisterlich kombinieren und zubereiten. Mit Ihrem individuellen und typischen Geschmack werden die Lebensmittel zu einem großartigen Ganzen verschmolzen.

Dazu braucht es keine Fruchtaromen, die aus Holzabfällen gewonnen werden, keine Gelatine im Orangensaft, um eine bestimmte Konsistenz vorzutäuschen und auch keine Schweineborsten im Brot, die die Kruste besonders knusprig machen sollen. Der Genussmensch will wissen, was er isst …

Oft ist der Gaumen bereits übersteuert und an eine künstlich erzeugte Intensität gewöhnt, die mit dem ursprünglichen Geschmack nichts mehr zu tun hat. Dann können Bio-Produkte tatsächlich blass wirken. Vor allem bei hoch verarbeiteten Produkten, wie z.B. Fertigsuppen, Trockenmahlzeiten aber auch Milchmischprodukten kommt es zu solchen Wahrnehmungen. Im Umkehrschluss schmecken viele konventionelle Lebensmittel für Menschen, die sich hauptsächlich Bio ernähren, extrem künstlich und werden abgelehnt. Der Genussmensch will den echten Geschmack …

 

VORURTEIL: Ich kaufe kein Bio-Obst und Bio-Gemüse mehr. Das ist mir bis jetzt immer nach ein bis zwei Tagen verschimmelt!

 Monika Jasansky

Monika Jasansky, Bio-Gärtnerei Jasansky, Bad Erlach, Niederösterreich.

Biogemüse hält wegen der reicheren Inhaltstoffe an und für sich besser als konventionelles. Natürlich, dadurch, dass es nicht bestrahlt und mit Chemie besprüht ist, unterliegt es dem normalen Alterungsprozess. Man sollte es daher im Kühlschrank in der Gemüselade aufbewahren, bzw. in einem nicht zu trockenen Keller. Manches Gemüse, wie zum Beispiel Kürbis, Gurken und Tomaten hält sich bei Zimmertemperatur am Besten. Direkt beim Biobauern erhalten Sie auch ungewaschenes Gemüse, wie Karotten und anderes Wurzelwerk. Dieses hat die natürliche Schutzschicht und hält dadurch auch länger.

 

VORURTEIL: Ich würd ja gern Bio kaufen, aber das kann sich ein Normalsterblicher ja gar nicht leisten

Judith Rührer

Judith Rührer, Expertin für biologische Landwirtschaft (ehem. BOKU und Global 2000):

Meiner Meinung nach gibt es mehrere Argumentationslinien: 1. Zusammensetzung des Speiseplanes: wer Softdrinks, Knabbergebäck und Süßigkeiten reduziert, tut nicht nur seiner Gesundheit eine Gefallen, sondern es bleibt auch Geld übrig, um wirklich wertvolle Lebensmittel in Bio-Qualität zu kaufen. Ebenso: die von Ernährungsexperten empfohlene Fleischmenge (2–3 mal pro Woche) kann sich in Bio- Qualität fast jeder leisten 2. Die prinzipielle Frage lautet: was ist mir mein Körper, meine Ernährung wert? Es gibt nichts, das unserem Körper näher kommt als die Nahrung. Da sollte man auch bereit sein, für Qualität einen angemessenen Preis zu zahlen. Bei Gebrauchsgegenständen, wie Autos oder Einrichtung oder Schuhen oder … ist das eine Selbstverständlichkeit. 3. Qualität hat ihren Preis. Das führt zu der Diskussion, ob Bio-Lebensmittel wirklich die bessere Qualität sind. Allein die Tatsache, dass in Bio-Gemüse keine Pestizide zu finden sind, dass in der Verarbeitung keine Aromen verwendet werden und dass in der Tierhaltung durch die artgerechte Haltung die Tiergesundheit wesentlich besser ist, sollte genug Beweis sein für die höhere Qualität der biologischen Lebensmittel.

 

VORURTEIL: Im Supermarkt, zum Beispiel bei Spar und Hofer, brauch ich erst gar kein Bio kaufen. Das ist doch alles nur Alibi-Bio!

Katharina Watzka

Katharina Watzka, Institut für Bioforschung, Wien.

Eines gleich vorweg: „Wo Bio draufsteht, ist Bio drin!“ Ein österreichischer Biobetrieb wird jährlich von akkreditierten Kontrollstellen geprüft, womit sie zu den am häufigsten kontrollierten landwirtschaftlichen Betrieben zählen. Die Rede ist hier natürlich von Lebensmitteln und diese sind durch das EU-Bio-Label, AMA-Bio Zeichen und andere diverse Biolabels gekennzeichnet. Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin – das gilt selbstverständlich auch für den Supermarkt. Ohne den Einstieg einer großen Supermarktkette im Jahr 1994 wäre die rasante Entwicklung der österreichischen Biolandwirtschaft so nicht möglich gewesen. Österreich ist heute mit seinen rund 16% der Biobetriebe, das sind stolze 21.900 landwirtschaftliche Betriebe und 19% der landwirtschaftlichen Fläche das Bioland Nummer Eins in Europa. Und das ist, unter anderem, dem Engagement der österreichischen Supermarktketten, Bio für Konsumenten im großen Stil anzubieten, zu verdanken. Denn wenn’s keiner kauft, wird’s nicht angebaut … das gilt natürlich auch für Bio. Und was die Qualität betrifft: Die strengen Bio-Verordnungen der EU sind für alle Erzeuger und Verarbeiter von Biolebensmitteln verpflichtend einzuhalten. Privatrechtliche Labels wie Bio Austria oder Demeter verpflichten ihre Mitglieder, nach deren Richtlinien zu arbeiten, die durchwegs strenger als die der EU sind. Immerhin sind rund 60% der österreichischen Biobetriebe Mitglied bei Bio Austria und arbeiten somit nach strengeren Richtlinien als verpflichtend. Neben den zahlreichen, sehr engagierten Direktvermarktern, die für eine kleinräumige, kreative Biolandwirtschaft in Österreich stehen und derzeit einen Aufschwung erleben, kann man hochwertig biologisch erzeugte Lebensmittel mit ruhigem Gewissen im Supermarkt kaufen, und das jeden Tag – flächendeckend in Österreich! Also daher auch für den Supermarkt: Am besten Bio!

 

VORURTEIL: Fleisch und tierische Sachen zu kaufen ist nie vertretbar. Bio hin oder her. Weil die Tiere dürfen zwar keine Antibiotika und so bekommen, aber sie werden genau so tierunwürdig transportiert wie bei konventionellen Firmen auch.

Manfred Pledl

Manfred Pledl, Tiertransportinspektor des Tiergesundheitsdienstes Salzburg.

Es existieren in Österreich keine gesetzlichen Vorschriften für Bio-Betriebe beim Transport von Tieren, die über die EG-Bio Verordnung hinausgehen. Bio-Tiere werden in denselben Transportmitteln gefahren und auf den gleichen Schlachthöfen geschlachtet. Daher lässt sich auch kein zwingender Vorteil für die Tiere und kein „besseres Gewissen“ beim Fleischkonsum ableiten. Allerdings gibt es auch immer weniger tierunwürdige Transporte, dafür sorgen die zahlreichen Tiertransportkontrollen. Was den Transport von Schlachttieren angeht, so gibt es gerade in Salzburg eine große Anzahl von Kleinstschlachthöfen, die kürzest mögliche Transporte auch für konventionell gehaltene Tiere garantieren.

 

VORURTEIL: Dass die Biobauern nicht spritzen, ist doch eine Marketing-Lüge. Ich habe gehört, dass die das über Nacht machen, damit niemand etwas mitbekommt.

Susanne Kummer

Susanne Kummer, Arbeitsgruppe Wissenssysteme und Innovationen am Institut für Ökologischen Landbau, Universität für Bodenkultur Wien.

Nein, Biobauern spritzen auch am helllichten Tag! Allerdings nur biologische Substanzen, die in den Richtlinien zur biologischen Bewirtschaftung ausdrücklich erlaubt sind, wie etwa Pflanzenauszüge und -öle, homöopathische und biodynamische Präparate, oder eingeschränkte Mengen an Kupfer und Schwefel. Chemisch-synthetische Substanzen, wie sie in der konventionellen Landwirtschaft angewendet werden dürfen, sind im Biolandbau aus gutem Grund verboten, da Wirkstoffe in diesen Präparaten ernsthafte Schäden an Umwelt und Gesundheit anrichten können. Die Mär von den mitternächtlich spritzenden Biobauern darf man getrost als “urban legend” bezeichnen. Jährliche Kontrollen aller Biobetriebe überprüfen die Einhaltung der biologischen Richtlinien und sanktionieren Verstöße.

 

VORURTEIL: Also, wenn ich mir diese ganzen Hippies so anschaue, die in Bioklamotten rumlaufen – die sehen doch alle aus wie wandelnde Kartoffelsäcke!

melitta testemonials 2010

Magdalena Schaffrin, Designerin und Koordinatorin Ethical Fashion Show Berlin und Green Showroom.

Biomode sieht zum Glück schon lange sehr gut aus und kann im Design problemlos mit konventioneller Mode, die auf den Catwalks dieser Welt gezeigt wird, mithalten. Mit kratzenden Wollpullovern oder gebatikten Leinenkleidern hat Eco Fashion nichts mehr zu tun. In der grünen Mode ist inzwischen für jeden Geschmack etwas zu finden – von luxuriösen Accessoires über glamouröse Abendmode bis hin zu coolen Lederjacken, sportlichen Mänteln oder lässigen Jeans. Und das wissen inzwischen auch die Konsumenten. Gerade junge Menschen haben Lust auf nachhaltige und modische Kleidung. Sie wissen allerdings oft nicht, wie die grünen Modelabels heißen, wo man sie kaufen kann und was sie kosten. Und das ist genau die Lücke, die Messen wie der GREENshowroom und die Ethical Fashion Show Berlin, die parallel zur Fashion Week Berlin stattfinden, schließen können. Renommierte Brands wie Leibschneider, Deepmello, Studio Jux oder Recolution, aber auch Newcomer wie Aleks Kurkowski, Elsien Gringhuis oder Milde finden hier eine Plattform, um sich Fachbesuchern und Pressevertretern zu präsentieren. Bei den vorgestellten Produkten wird eine faire und umweltbewusste Produktion vorausgesetzt, einige Labels arbeiten zudem mit herausragenden sozialen Projekten zusammen. Das Design steht jedoch immer an erster Stelle.

 

VORURTEIL: Warum soll ich Fairtrade-Bio-Honig aus Südamerika kaufen, wenn ich doch auch lokal hergestellten Honig kaufen kann? Das nimmt doch den Produzenten hier die Geschäftsgrundlage weg!

BILD Peter Tuma

BILD Peter Tuma

Veronika Polster, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Fairtraide Österreich.

Der Einkauf von lokalen Produkten oder nach Fairtrade-Standards erzeugten Produkten schließt sich nicht gegenseitig aus. Fairtrade konzentriert sich auf tropische/subtropische Agrarprodukte, wie Kaffee und Bananen, die im gemäßigten Klima unserer Breitengrade nicht angebaut werden können aber in den Industrieländern nachgefragt werden. Theoretisch könnten die Konsumenten in diesen Ländern auf tropische Agrarprodukte verzichten und z.B. Zichorie- oder Gerstenkaffee trinken, bzw. Äpfel statt Bananen essen. Das ist in einer freien Gesellschaft wohl nicht durchzusetzen und würde auch bedeuten, dass die Kleinbauernfamilien in den Entwicklungsländern einen drastischen Rückgang ihrer Einnahmen hinnehmen müssten und in noch größere Schwierigkeiten geraten, als das ohnehin schon der Fall ist. In den Fällen, in denen regional produzierte Agrarprodukte mit Fairtrade-Produkten konkurrieren, lohnt sich ein sorgfältiger Blick auf die Ökobilanz. Fairtrade-Produkte werden nachhaltig produziert und sind daher umweltverträglich und ressourcenschonend. Hinzu kommt, dass gewisse Produktgruppen, wie Honig und Blumen, in den europäischen Ländern nicht in ausreichender Menge hergestellt werden. Da die heimische Produktion die Nachfrage nicht decken kann, sind auch in diesem Fall die Industrieländer auf Importe angewiesen. Die Konsumenten haben daher häufig gar nicht die Wahl zwischen heimischen und Fairtrade-zertifizierten Produkten, sondern müssen sich zum Beispiel entweder für eine importierte  Fairtrade-Honigsorte oder für einen auf konventionellen Wege importierten Honig aus den USA oder China entscheiden. Es bleibt jedem selbst überlassen, hier die Vor- und Nachteile abzuwägen und seine Entscheidung zu treffen.

 

VORURTEIL: Es gibt ja mittlerweile tausend verschiedene Bio-Siegel. Ich kenn mich da gar nicht mehr aus. Dann kauf ich lieber konventionelle Produkte, da weiß ich wenigstens, woran ich bin.

Peter Jossi
Peter Jossi, bionetz.ch – Die Bio-Plattform der Schweiz.

Die Ausgangslage für die Konsumenten ist eigentlich sehr einfach: Bio-Lebensmittel dürfen bereits seit vielen Jahren (weltweit!) nur mit Zertifizierung durch eine staatlich anerkannte Zertifizierungsstelle (muss zwingend auf jeder Verpackungsdeklaration vermerkt sein) vermarktet werden. Im deutschsprachigen Raum ist auch der Begriff „Öko“ analog zu „Bio“ geschützt. Die Biozertifizierung überwacht die Separierung der Warenflüsse und die Einhaltung der Biogrundsätze von Feld und Stall bis an den Verkaufspunkt: Produktion unter Einbezug natürlicher Kreisläufe, keine chemisch-synthetische Hilfsmittel, keine GVO-Anwendungen, artgerechte Tierhaltung, Anzahl der Tiere an die Hoffläche angepasst etc., Je nach Land und Marktsituation dominieren staatliche Biosiegel, Bioverbandlabels oder weitere Biozeichen, z.B. von Zertifizierungsstellen oder Bioprogrammen von Vermarktern. Alle müssen selbstverständlich die Biogrundsätze einhalten, verlangen aber teilweise viel weiter gehende Anforderungen, die ebenso wie die Zertifizierungsverfahren laufend weiterentwickelt werden: Ein gesunder Wettbewerb zum Nutzen der Konsumenten. Der immer wieder zu hörende Ruf nach dem einen Biozeichen würde wohl zu einer gegenteiligen Entwicklung führen.

 

VORURTEIL: Ich kaufe aus Überzeugung Bio, weil ich damit immer auf der moralisch guten Seite stehe.

Jonas Grauel

Jonas Grauel, Sozialwissenschaftler auf der Universität Siegen (Konsumsoziologie und Lebensstilforschung).

Menschen sind besorgt um ihren moralischen Status. Sie möchten imstande sein, sich als ein im ethischen Sinne gutes Wesen wahrzunehmen und streben danach, ihr Handeln in Einklang mit einem solchen Selbstbild zu bringen. Für viele überzeugte Bio-Kunden sind die umwelt- und tierfreundliche Herstellung von Bio-Produkten sowie gesundheitliche Aspekte eine Möglichkeit unter anderen, eine solche Selbstwahrnehmung zu fördern. Zum Glück verwenden aber nur wenige Bio-Käufer dieses Motiv, indem sie sich gegenüber anderen als moralisch überlegen positionieren.

 

VORURTEIL: Bio ist doch nur ein Trend bei den ganzen jungen, hippen Menschen. Die tun doch nur so als ob! Wenn der nächste Lifestyle »in« ist, dann sind die alle ganz schnell weg und laufen dem nächsten Trend hinterher.

Marc Schüling

Marc Schüling, Managing Director im Trendbüro Hamburg – Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel.

Der Bio-Trend ist nicht von der Industrie oder den Medien erfunden, sondern wurde wie alle anderen Konsumententrends von den Menschen selbst erschaffen, denn Trends sind die von Menschen eigeninitiativ entwickelten neuen Handlungsstrategien auf sich veränderte Lebensumfelder. Bio würde nicht sogar den Discount-Markt erreicht haben, wenn es nur für ein paar junge, hippe Menschen in Berlin-Mitte interessant wäre. Bio ist letztlich die Erkenntnis, dass aus dem eigenen Körper nur Gutes herauskommen kann, wenn man auch Gutes hineinfüllt. Da sind wir Menschen nicht anders, als die von uns mit viel Aufwand und Hingabe gepflegten Motoren unserer Autos. Wer das – in welchem Alter auch immer – begriffen hat, wird daran auch nichts mehr ändern. Diese Erkenntnis ist der Treiber des Bio-Trends. Keiner läuft ihm einfach nur so hinterher. Immer mehr Verbraucher erkennen einfach, dass Gesundheit nicht nur ein Wunsch ist, sondern jeden Tag aufs Neue genussvoll gepflegt werden kann. Deshalb entsteht auch für konventionell erzeugte Nahrungsmittel aus der Region eine neue Aufmerksamkeit, denn auch die können „gute Ernährung“ sein. Daher auch schon Slogans wie „Local ist das neue Bio“.

 

VORURTEIL: Immer, wenn ich an Weingärten von Bio-Winzern vorbeilaufe, sieht es da total chaotisch und verwildert aus. Ich persönlich glaube ja, die sind einfach zu faul, um sich um ihren Grund und Boden zu kümmern.

Holger Hagen

Holger Hagen, Bio-Winzer, Carpe Vinum, St. Veit am Vogau.

Ja, optisch-ästhetisch muss man sich umstellen, wenn man zum ersten Mal einen Bioweingarten sieht. Der Biowinzer möchte bei seiner Bodenbegrünung eine möglichst vielfältige Mischung aus Kräutern, Leguminosen und anderen Nutzpflanzen fördern. Das ist die Grundbasis für ein gesundes Bodenleben und somit für ein Gedeihen der Weinreben ohne künstliche Düngung. Um diese Vielfalt zu fördern, wird das Mulchen, der Grasschnitt, bewusst weniger oft durchgeführt. So haben die Nutzpflanzen die Chance, zur Blüte zu kommen und Samen zu bilden. Auch für Insekten ist das wichtig zum Überleben. Die konventionelle Arbeitsweise – ein regelmäßiger, sehr kurzer Schnitt, fördert einzig und allein das Gras, die anderen Pflanzen können dabei nicht fortbestehen. Das führt zu einem armseligen „Golfrasen“ im Weingarten – außer schön sein kann der gar nichts, und selbst die Schönheit möchte ich in Frage stellen, denn wer genau hinsieht, der wird die traurige Einfalt bemerken und die Vielfalt im Bioweingarten genießen. Ein weiterer Unterschied ist, dass im Bioweinbau keine Herbizide in dem Streifen um die Reben herum ausgebracht werden. Das streifenförmig verdörrte Gras, das jeder kennt, wird vom konventionell arbeitenden Winzer durch mehrmals im Jahr ausgebrachte Gifte erreicht. Der Boden um die Reben herum ist dadurch stark beeinträchtigt, fast tot, kann man sagen. Inwiefern die Weinreben diese Chemikalien auch aufnehmen, wissen wir derzeit nicht. Gewiss ist aber, dass die Gifte ins Grundwasser gelangen. Ohne die chemische Keule bleibt dem Winzer nur das Ausmähen des Unterstockbereichs, was sehr arbeitsaufwendig ist. Hin und wieder steht der Bewuchs auch bei uns recht hoch, bis wir dann endlich auf allen Flächen die Zwischenräume ausgemäht haben.

 

VORURTEIL: Bio ist doch nur so ein neuer Trick von Marketing-Fuzzis, um noch mehr Zeug zu verkaufen!

Kati Drescher 

Kati Drescher, Geschäftsführerin der Marketing und PR Agentur Sieben & Siebzig, Berlin.

Das Thema Bio zieht sich zum Glück mittlerweile durch alle Lebensbereiche und dient somit nicht nur den Konsumenten selbst, sondern auch der Umwelt in vielen Facetten. Die Aussage, dass Bio nur dem Marketing nutzt, um mehr zu verkaufen, ist eine Aussage, die zu überdenken ist. Denn ja, bestimmt werden im Marketing alle verkaufsfördernden Neuheiten und somit auch vermeintliche qualitative Upgrades genutzt, um mehr Käufer zu generieren. Aber genau das fordert uns als Konsumenten ja auch heraus, wachsam zu bleiben. Gut hinschauen, Bio immer sinnvoll hinterfragen, das sind die Mittel, mit denen wir uns nicht in die Marketingfalle locken lassen. Biologische Lebensmittel zu verkaufen ist manchmal gar nicht so leicht, denn oft ist der Preis zu recht auch etwas höher. Aber auch da ist es an uns als Konsumenten zu hinterfragen, ob nicht vielleicht konventionelle Lebensmittel zu billig sind und weder dem Konsumenten noch der Umwelt Gutes tun, oder ob es tatsächlich die Bio-Produkte sind, die zu teuer sind.

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4 Antworten

  1. Danke für diese Beiträge! So oft wird gegen Bio gewettert, aber die Studien, die beweisen, dass biologische Lebensmittel besser sind, gehen schnell einmal unter.
    z.B. brasilianische Studie- Bioparadeiser hatten deutlich mehr Vitamin C, besseren Geschmack etc – hier mehr: http://blog.wernerlampert.com/2013/03/sauerei-pferdefleischskandal/

  2. Joyce sagt:

    Gut ist, dass Thema Bio-Vorurteile anzusprechen. Etwas sehr oberflächlich erscheint jedoch der Beitrag zu diesem Vorurteil. Was in die Köpfe reinmuss, ist doch, dass grundsätzlich überall, wo Bio oder Öko draufsteht, auch erst einmal Bio drin sein muss. Denn „bio“ und „öko“ sind geschützte Begriffe – Produkte, die damit gekennzeichnet sind, müssen nach gesetzlich festgelegten Standards hergestellt sein. Und der ist nunmal das absolut beste, was man an Lebensmittel bekommen kann derzeit – zumindest wenn man auf die Erzeuugung schaut, die Tierhaltung, Einsatz von Chemie und Umgang mit Boden, Ressourcen etc. schaut. Damit steht Bio im krassen Gegensatz zu anderen Kennzeichnungen bzw. Marken- oder PR-Maßnahmen, die natürlich, nachhaltig etc auf die Etiketten schreiben und den Kunden damit von vorn bis hinten täuschen bzw. nur einen einzelnen Aspekt der Produktion verbessern – wohingegen bio das Gesamtpaket beinhaltet.
    Hinterfragen kann man, ob die gesetzlich definierten Bio-Standards oder die Kontrollen angemessen sind. Oder für sich als Konsument überlegen, ob das ganze Einkaufsverhalten denn auch so Bio ist (Themen Verschwendung, Transport etc.)

    • Hallo!

      Wie oben eingangs erwähnt: Wir starten hier eine Serie von Bio-Vorurteilen, die täglich um neue Fragen und Antworten erweitert wird. Natürlich gibt es da noch einen ganzen Batzen mehr zu hinterfragen 🙂

      Wir haben letztes Jahr unsere Leserschaft dazu aufgerufen, uns die gängigsten Vorurteile zu schicken und haben dann redaktionell die, die am häufigsten vorgekommen sind oder uns am interessantesten erschienen sind, ausgewählt.

      Die gesammelte Reihe gibt’s ja schon in der aktuellen Ausgabe (online auch zier zu lesen: http://issuu.com/biorama/docs/biorama_23_issuu/47).
      Da wird u.a. auch das Vorurteil „Öko und Bio, das ist doch alles dasselbe“ behandelt (S. 52).

      Liebe Grüße,
      Johanna

  3. Martin sagt:

    Hallo,
    prinzipiell eine gute Initiative diesen Dinge sachlich zu begegnen denn nur Fakten bringen uns weiter und nicht mit diesem Thema oft verbundene Emotionen. Leider sind diese Fragen bzw. Vorurteile an Lahmheit fast nicht zu übertreffen und klingen fast künstlich lächerlich um ja nur einen unverrückbaren Standpunkt Bio-Landbau einzuzementieren (siehe Vorurteile 1, 2, 4 und 6). Wenn man schon über Expertenwissen und Fakten sprechen will, warum dann nicht zb:
    ad Vorurteil 1) Intensivierte Bodenbehandlung mit massivem Maschinen- u. Treibstoffeinsatz wegen Verunkrautung im Biolandbau
    ad Vorurteil 5) Steht man moralisch auf der guten Seite wenn man Bio unterstützt? Wie stehen Sie zu dem „Vorurteil“, dass man die Nahrungsmittelproduktion von Europa nur in ärmere Teile der Länder „exportiert“ – Länder die dafür noch gänzlich unberührte Flächen opfern und mit Mitteln arbeiten die bei uns schon längst verboten wären.
    ad Voruteil 7) Bio Weinbauern müssen alle paar Tage mit Maschinen und Kupferspritzmittel ausrücken um dem Krankheitsdruck Herr zu werden. Da rührt sich kein Regenwurm mehr. Was ist damit?
    lg,
    Martin