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Chelsea Fringe: Das alternative Gartenfestival

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Tim Richardson (c) Charles Hopkinson

Tim Richardson
Bild: Charles Hopkinson

Von 17. Mai bis 8. Juni 2014 findet das Chelsea Fringe Festival zum zweiten Mal in Wien statt. BIORAMA hat vorab mit dem Initiator und Garten-Historiker Tim Richardson über das Festival und die vielseitigen sichtbaren und unsichtbaren Bedeutungen von Gärten gesprochen.

BIORAMA: Worum geht’s beim Chelsea Fringe Festival?

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Tim Richardson: Es geht darum, die Energie der Bewegung rund um Gärtnerei, Landschaft und öffentlichen Raum mit einer Reihe von Aktivitäten zu feiern. Weil es keine Plattform, keinen Platz gibt, durch die viele dieser kleinen Initivativen – die meisten davon sind freiwillige Initiativen – bemerkt werden könnten. Meine Idee war also ebensolche Initivativen rund um Gemeinschaftsgärten, Guerilla Gardening und Umweltaktivismus zu feiern und eine Art Forum zu kreieren, mit dessen Hilfe eine Vernetzung und Überschneidung mit anderen Disziplinen möglich ist, wie zum Beispiel mit Kunst, Design oder Literatur. Und letztendlich möchte ich Menschen dazu ermutigen, sich mehr zu vermischen und zu vernetzen. Denn die Umweltsituation ist katastrophal und somit ein dringliches Thema für viele Menschen aus den unterschiedlichsten Disziplinen.

Ursprünglich wurde das Chelsea Fringe Festival als Alternative und Ergänzung zur traditionellen Chelsea Flower Show, der weltweit berühmtesten Schau für Blumen und Gärten, geplant. Warum war diese Alternative und Ergänzung aus deiner Sicht notwendig?

Die Chelsea Flower Show ist eine noble Show. Sie findet auf einem sehr kleinen Ausstellungsgelände statt, in einem sehr wohlhabenden Teil Londons. Sie ist stark wirtschaftlich ausgerichtet, der Verkauf ist ein zentrales Thema. Banken und große Konzerne sind Sponsoren und es gibt ein großes Gala-Event, die Verknüpfung mit der Firmenwelt ist also sehr stark. Und davon wollten wir weg: Wir haben keine Sponsoren, sind an keine Firmen oder staatlichen Einrichtungen gebunden. Wir sind also vollkommen unabhängig. Firmen und Politiker lieben Projekte wie die Chelsea Flower Show. Sie gehen hin, um sich dort fotografieren zu lassen und damit assoziiert zu werden. Aber was ändern diese Projekte in den Straßen? Was tragen sie zum wirklichen Leben bei?

Was möchtest du mit diesem Festival verändern und erreichen?

Wir wollen die Ambitionen vieler kleiner Projekte unterstützen, denn jedes von ihnen hat eine eigene Idee. Wir haben kein Motto, dem man sich durch die Teilnahme verschreibt. Wir sind ein Festival mit völlig freiem Zugang – jeder, der möchte kann mitmachen, wir haben keine richtigen Teilnahmebedingungen, keine Jury, keine Preise. Jeder kann mitmachen, solang sein Beitrag interessant ist und zum Thema passt. Das ist mir wichtig. Es gibt viele Festivals, die in die Richtung „Los! Verändern wir die Welt! Seien wir gute Umweltschützer!“ gehen. Viele Menschen werden mit dieser Einstellung moralisch unter Druck gesetzt. Und das muss hinterfragt werden. Ich möchte mit diesem Festival einen angemessenen Raum schaffen, an dem wir frei diskutieren können und nicht einen, an dem es verboten ist, bestimmte Dinge zu sagen.

Das Festival fand 2012 in London statt, 2013 gleichzeitig bereits in mehreren englischen Städten sowie in Wien und heuer zusätzlich noch in Australien. Gibt es denn Unterschiede zwischen den jeweiligen Gartenkulturen?

Ja, da gibt es große Unterschiede. Die britische Gartenkultur ist hoch entwickelt. Das, was für die Franzosen das Kochen ist – nämlich eine Art Kunstform – ist für uns das Gärtnern. Sehr viele Menschen in England betreiben es auf einem hohen ästhetischen und technischen Niveau. Gärtnern handelt immer auch vom Scheitern und passt deswegen sehr zur britischen Denkweise. Die Briten lieben das Scheitern und sie lieben es, über das Scheitern zu sprechen, mehr als alles andere. Sollte ich jemals ein Buch über meine Erfahrungen als Garten-Historiker schreiben, werde ich es „Du hättest letzte Woche hier sein sollen“ nennen, diesen Satz hört man so oft! Man besucht Menschen in ihrem Garten und sie erzählen, man habe dies und das verpasst und diese und jene wunderschöne Pflanze sei erst vor Kurzem eingegangen, aber man steht in einem wunderschönen Garten und wundert sich.
Ich merke, dass es wesentlich schwieriger ist, in anderen Kulturen solche Initiativen ins Leben zu rufen, weil dort Gärten einfach keine so große Rolle spielt. Das mag natürlich auch am Klima liegen, das britische Klima eignet sich hervorragend zum Gärtnern. Oder daran, dass viele Zier- und Nahrungspflanzen im Laufe der Geschichte des Empires importiert wurden, als Ausdruck politischer Macht. Jeder Garten ist in gewisser Weise ein politischer Akt und jede Pflanze ein politischer Gefangener.

Bicycle Beer Garden  Bild: Chelsey Fringe

Auch so kann ein Garten aussehen: Bicycle Beer Garden.
Bild: Chelsey Fringe

Was macht einen guten Gärtner aus?

Viele Menschen unterschätzen die Ernsthaftigkeit und den Aufwand, der hinter dem Gärtnern steckt. Sich mit Pflanzen zu befassen, bedeutet immer auch die Pflanzen – also deren lateinische Namen – zu kennen. Als ich anfing mir das selbst beizubringen, bei meinem allerersten Job in der Bibliothek der Royal Kew Gardens, wählte ich jeden Tag eine andere Route, um durch den Garten in die Arbeit zu gelangen. Der Grund hierfür waren die Namensschilder, die an jeder Pflanze angebracht sind. Und das war jedesmal wie das Besuchen einer großen Party, auf der man die Gäste erkennen muss. Und wenn man sich nicht an ihren Namen erinnert, ist es peinlich. Dieses Backgroundwissen ist essentiell, auch wenn man sich hauptsächlich für Gartendesign und -kunst interessiert.

Welche Art von Gärten magst du am liebsten?

Es gibt so viele verschiedene Gartentypen. Ob eher künstlerisch oder natürlich gestaltet  und ausgerichtet – ich mag sie alle!
Es gibt auf jeden Fall eine neue Gärtner-Generation. Es sind hauptsächlich junge Menschen, aber nicht ausschließlich, und diese Bewegung gibt es weltweit: Gärtnern wird nicht mehr als Hinterhof-Aktivität betrachtet, sondern vielmehr als Weg, um Freundschaft und Gemeinschaft entstehen zu lassen. Und gemeinsames Gärtnern ist wirklich wie ein langer gemeinsamer Spaziergang: Man spricht nicht die ganze Zeit, spürt dennoch stundenlang jemandes Präsenz, unterstützt sich bei einem gemeinsamen Bemühen und kommt sich dadurch auf eine ganz bestimmte Art und Weise näher. Wenn man das über längere Zeit immer wieder macht, entsteht eine Freundschaft, auch wenn man nicht viel übereinander weiß und sich auf anderen Ebenen vielleicht gar nicht so gut versteht.
Es gibt also so viele verschiedene Zugänge zu Gärten und es geht immer auch um die unsichtbaren Komponenten, nicht nur um die sichtbaren. Solang eine gewisse Fantasie und Richtigkeit mit dem Ort gegeben ist, schätze ich jeden dieser vielfältigen Zugänge sehr. Ich betrachte Gärten sogar zunehmend als Beziehungsobjekte: ein Garten ändert sich, er atmet, er kann dich verärgern und er ist launenhaft, ein wenig wie eine Person eben. Die Beziehung zum Garten ist eine stark körperlich geprägte, man wühlt in der Erde, gräbt herum. Da ist es nicht verwunderlich, dass manche Menschen entweder eine stärkere Beziehung zu ihrem Garten haben als zu ihrem Partner oder so etwas wie eine Ménage à trois führen.

Und wie sieht öffentlicher Raum idealerweise für dich aus?

Das eine perfekte Modell gibt es nicht, das Schlüsselwort für mich ist auch hier Vielfalt. Denn mit Vielfalt gehen Überraschungen einher und mit Überraschungen wiederum Freude. Das ist wovon ich denke, dass es überall gesucht wird – ob in der Stadt oder anderswo: Menschen möchten beim Aufsuchen von öffentlichen Räumen Freude verspüren.
Ich halte nichts von der Idee Städte „top down“ zu gestalten, mit Hilfe von grünen Korridoren oder Zonierungen. Das ist wieder etwas, das der Politik und den Beamten gefällt, weil es einfach zu kontrollieren und zu systematisieren ist. Das Schöne an Gemeinschaftsprojekten ist doch, wenn sie aus der Gemeinschaft selbst entstehen und genau das passiert häufig auf dem Chelsea Fringe. Oder es bewirkt bei den Menschen einfach das Gefühl nicht isoliert zu sein.

Welche Art von Aktivitäten gab es in den letzten Jahren im Rahmen des Chelsea Fringe Festival und wie kann man heuer mitmachen?

In den letzten Jahren gab es Bars und Geschäfte, die mitmachten oder Museen boten einen Tag-der-offenen-Tür an. Wir hatten Ausstellungen, Projekte, Performances, Pop-up-Stores, Radio-Shows, Poesie-Events. Je überraschender und vielseitiger desto besser!
Mitmachen kann jeder, der möchte. Es gibt sehr wenige Voraussetzungen: Solang es um Gärten, Landschaft, Pflanzen oder Umwelt geht, interessant und legal ist, bist du dabei!

 

Vortrag & Informationsveranstaltung mit Tim Richardson:
Chelsea Fringe Vienna 2014: Wien wird zum Garten!
Donnerstag, 16. Jänner 2014, Vortrag: 19.00 – 20.00 Uhr, anschließend öffentliche Diskussion
Ort: Depot – Raum  für Kunst und Diskussion, Breite Gasse 3, 1070 Wien

Mehr Infos:
www.chelseafringe.com
www.landscapeart.at
www.facebook.com/landschaftskunst

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