Alarmstufe Rot – Die Mission Roter Veltliner
Zehn WinzerInnen, acht vom Wagram, einer vom Kremstal und ein Weinviertler, allesamt BiowinzerInnen, sitzen an einer Tafel im Gut Oberstockstall ...
»Wollen wir maschinelle Lese erlauben?«, »Wie kann garantiert werden, dass ein fairer Preis erzielt wird?« oder auch »Von welchen ›Klonen‹ reden wir überhaupt?«: Die Fragen, die sich diese Weinbäuerinnen und Weinbauern stellen, sind in der Tat essenziell. Immerhin sind sie gerade dabei, den Roten Veltliner zum Presidio-Projekt innerhalb der Slow Food Stiftung für biologische Vielfalt zu machen. Damit wird die Rebsorte auf eine Stufe mit (derzeit) 17 anderen Weinen gestellt, für deren Schutz sich Slow Food einsetzt. Dabei geht es um die Sicherung der Sorte, um höchste Qualität und den Erhalt des Handwerks.
Herkunft und Familiengeschichte
Die historischen Wurzeln des Roten Veltliners liegen weit im Osten. Genauer gesagt im slawischen Siedlungsgebiet am Rand des Pannonischen Beckens bis hin zum östlichen Kaukasus. Angebaut wurde er von SlowakInnen, KroatInnen und mährischen SlowenInnen. Viel blieb von dieser Verbreitung allerdings nicht übrig. In ihrer Rebsorten-Enzyklopädie spricht Jancis Robinson von einer kleinen Fläche in Ungarn, etwas mehr in der Slowakei. Auch in Tschechien gibt es noch ein paar Rebstöcke. Der Wagram ist sozusagen das Refugium für den Roten Veltliner.
Eine Frage, die natürlich auf der Hand liegt, ist das Verhältnis zum Grünen Veltliner. Immerhin der bedeutendsten Rebsorte des Landes. Sind sie Geschwister? Ist der eine ein Elternteil des anderen? Hatten beide einmal was mit dem Traminer? Rebsorten-Gossip im Seitenblicke-Format. Aber die Ampelographie, die wissenschaftliche Rebsortenkunde, stellt hier unmissverständlich klar: kein wie immer geartetes Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem Grünen und dem Roten Veltliner. Vielmehr gilt er als Urrebe und Elternteil für eine ganze Reihe nicht unbekannter österreichischer Rebsorten: Frühroter Veltliner, Neuburger, Zierfandler und Rotgipfler.

Der Rettungseinsatz
Presidi-Projekte, früher hießen sie Förderkreise, wurden ins Leben gerufen, um gefährdete Produkte, Produktionsweisen und einzigartige Regionen zu bewahren. Hier geht es also nicht ausschließlich um die Rebsorte Roter Veltliner. Es geht auch um das Handwerk seiner Herstellung. Ist die begehrte Slow-Food-Schnecke erst einmal an der Flasche angebracht, werden die WinzerInnen gemeinsam auftreten. Auf Messen und Slow-Food-Veranstaltungen.
Die WinzerInnen, die sich zusammengefunden haben, um den Roten Veltliner zu retten, sind eine illustre Schar. Rädelsführer der Truppe ist Hans Czerny vom Familienweingut Wimmer-Czerny in Fels am Wagram. Ein Demeter-zertifizierter Biopionier, bei dem die Rebsorte traditionell eine hohe Bedeutung hat.

Mit dabei sind auch das Weingut Mantlerhof und Daniela Vigne und Toni Soellner. Beides Betriebe, die sich um den Roten Veltliner sehr verdient gemacht haben. Toni Soellners Irden ist mittlerweile eine Ikone. Ebenso wie der Rote Veltliner Reisenthal, der vor allem bei der Verkostung älterer Jahrgänge beweist, wie hoch das Potenzial des Weins ist. Das können übrigens auch die Weine von Stephan Mehofer vom Neudeggerhof. Im vergangenen Jahr hat das Weingut zu einer Vertikalverkostung von Roten Veltlinern aus den letzten 25 Jahren eingeladen. Für WeinfreundInnen ein doppelt seltenes Vergnügen. Die rare Rebsorte einerseits, längst vergessene Jahrgänge andererseits. Es war eine Verkostung mit einigen Überraschungen. 1994 zum Beispiel. Der Wadenthal »Wagramer Selection« mit kaum 12% Alkohol (wie oft am Neudeggerhof) überzeugte als eleganter, filigraner Wein mit Noten von Bergamotte und Waldhonig. Es war ein warmes Jahr und trotzdem blieb der Wadenthal schlank und straff. 2014 hingegen war eher kühl. Der Wein bekam dadurch ein kühles, aber geschärftes Profil. Orangenspeigerl (immer wieder in der Beschreibung von Roten Veltlinern genannt), Quitten und Quittenkäse, Ringlotten, Nektarinen und, ja, auch gelber Paprika.
Die Verkostung dieser alten Jahrgänge zeigt vor allem eines: Der Rote Veltliner hat das Zeug, im Alter zuzulegen. Und er ist jede Mühe wert, geschützt zu werden.

Ein Roter Veltliner aus einer anderen Lage von Stephan Mehofer ist der Riesmein. Der schaffte es 2010 zum höchstbewerteten Weißwein der Best-of-Bio-Weinverkostung – die Notizen von damals lauten »hellgelb mit ganz deutlich grünen Reflexen, hat ein zartes, aber markantes Bukett, das ein wenig an grüne Kräuter erinnert. Die Fruchtnoten sind elegant, aber bereits recht klar entwickelt.« Erst kürzlich, zehn Jahre später, wurde der Riesmein erneut probiert. Und erstaunt festgestellt, dass der Wein seither noch einmal deutlich zugelegt hat.

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