Wie die SDGs in die Uni kommen

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Alle Formen der Armut weltweit beenden und eine hochwertige Bildung für alle Menschen ermöglichen. Was utopisch klingt, soll bis 2030 Realität werden. Unis spielen dabei eine große Rolle.

New York, September 2015. Der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung tagte. Ziel des Gipfels war, die 2000 beschlossenen Millennium Development Goals durch neue, bis 2030 geltende Ziele abzulösen. Zuvor mahnte der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan noch, dass es intensivere Bestrebungen zur Bekämpfung der Armut geben müsse. Aber er prangerte auch andere Probleme wie den fortschreitenden Klimawandel, den Verlust der Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt sowie die sozialen Ungleichheiten zwischen Ländern an. Um auf diese und noch weitere Probleme zu reagieren, beschloss die uno 17 Sustainable Development Goals für eine nachhaltige Entwicklung unserer Erde. »Komplexe und schwierige Ziele für komplexe und schwierige Probleme«, hieß es damals seitens der UNO.

Wechselwirkung

Vor allem mit dem vierten Ziel, einer hochwertigen Bildung für alle, rückten die SDGs verstärkt in den Aufgabenbereich der Universitäten. »Universitäten haben sehr viele Möglichkeiten, mit den SDGs umzugehen«, so Professor Gerd Michelsen von der Leuphana Universität Lüneburg, der dort den UNESCO-Lehrstuhl für nachhaltige Entwicklung innehat. In Deutschland haben sich daher 50 Hochschulleitungen zusammengeschlossen und einen Nachhaltigkeitskodex mit dem Ziel, Nachhaltigkeit in Hochschulen voranzutreiben, verfasst. Entscheidend für die Umsetzung der Ziele ist laut Michelsen, zu erkennen, dass es sich um Ziele handelt, an denen sich die Politik orientieren kann. »

Diese Politik sieht von Land zu Land unterschiedlich aus und muss auch unterschiedlich aussehen, weil es in den Ländern unterschiedliche Voraussetzungen gibt – sei es nun kulturell oder ressourcentechnisch.« So hat beispielsweise ein Land wie Deutschland im Bereich der Ernährung ein völlig anderes Problem als ein afrikanisches Land. »Der Blick aufs Ganze darf dabei nicht fehlen«, so Prof. Helga Kromp-Kolb, die das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur Wien leitet. Dies schildert sie anhand eines Beispiels: »Ich kann natürlich Klimaschutz betreiben, indem ich Solarenergie auf den Feldern erzeuge. Dann bin ich dem Klimaschutz näher gekommen, habe aber womöglich fruchtbares Land für die Nahrungsmittelproduktion verloren. Also Nahrung, die dann womöglich woanders fehlt.« Gerade die Erforschung solcher Wechselwirkungen sei die Stärke und Aufgabe der Universitäten, und dafür bedarf es eines nationalen, aber auch eines internationalen Austauschs.

Trump, Brexit und Systemverlierer

»Wichtig ist genauso, dass diese Ziele in die Lehre eingebunden werden. Ich bin der Meinung, dass Studierende heutzutage nicht mehr davon absehen können, sich mit den SDGs auseinanderzusetzen«, betont Michelsen. Um dies zu erreichen, hat die Universität Lüneburg ein Studienmodell entwickelt, das im deutschsprachigen Raum einmalig ist. So absolvieren Studierende aller Studienrichtungen im ersten Semester ein Pflichtmodul, in dem die Hintergründe der globalen Herausforderungen im Mittelpunkt stehen. Klimawandel, soziale Ungleichheiten, das exponentielle Wirtschaftswachstum und deren Zusammenhänge werden hierbei kritisch aufbereitet. Der Ansatz, der damit verfolgt wird, lautet: weg von disziplinärem Monolog und hin zu einem interdisziplinären Dialog. Schließlich müssen wir uns alle eine Welt teilen. Auch aus der Sicht einer Universität ist es daher wichtig, dass alle Schichten einer Gesellschaft an der Umsetzung der Ziele teilhaben. »Eine der großen Herausforderungen dahingehend ist, Personen zu erreichen, die man typischerweise zu den Themen nicht befragt. Sogenannte Systemverlierer oder auch Leute, die für Trump oder Brexit stimmen«, so Kromp-Kolb. Transdisziplinäre Forschungsprojekte, also Projekte, die Personen einbeziehen, die mit Forschung nichts am Hut haben, sind daher unumgänglich.

Die Kritik

Kritisiert werden die SDGs der UNO von vielen Seiten. Unter anderem seien die insgesamt 169 Unterziele zu umfangreich und daher auch auf universitärer Ebene schwer umsetzbar. Im Mittelpunkt der Kritik steht wiederum das leidige Thema des Wirtschaftswachstums, welches als achtes Ziel formuliert wurde. Dieses stehe im Konflikt zum dreizehnten Ziel, der Bekämpfung des Klimawandels, denn die Vergangenheit zeigte, dass ein wirtschaftliches Wachstum mit erhöhten Treibhausgasemissionen Hand in Hand gehe. Auch die Universitäten sind sich dieser Problematik bewusst. Wirklich glücklich ist Kromp-Kolb daher über das achte Ziel nicht. Zugleich sehe sie aber auch die Chance, dass man damit die vorherrschende, konservative Idee des Wirt- schaftswachstums verändern kann. »Wenn man die Ziele gemeinsam betrachtet, dann ergibt sich womöglich ein neuer Blickpunkt. Ich will ja auch das Leben zu Lande und zu Wasser sichern oder auch Armut bekämpfen.« In diesem Zusammenhang werden schließlich oft auch andere Geldsysteme diskutiert, wodurch man die konservative Idee des Wirtschaftswachstums, die oft in der Politik noch vorherrscht, womöglich neutralisieren könne, so Kromp-Kolb.

Gesellschaftliche Verantwortung

Eine wichtige Rolle bei der Umsetzung des vierten Ziels kam den Universitäten 2015 zu, als allein in Deutschland mehr als 800.000 Flüchtlinge registriert wurden. Um die Integration junger Flüchtlinge im Hochschulbereich zu gewährleisten, stellte das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung 2016 27 Millionen Euro bereit. Weitere 73 Millionen Euro folgen in den nächsten Jahren. Wie eine vernünftige Integration ermöglicht werden kann, zeigt hierbei auch die Flüchtlingsinitiative MORE der österreichischen Universitäten. Bei einem Buddy-Programm treten Studierende mit Flüchtlingen in Kontakt und helfen diesen ihren Unialltag zu bewältigen. Dabei werden sie nicht in eigenen Kursen unterrichtet, sondern besuchen gewöhnliche Lehrveranstaltungen. Dies sei wichtig, um die Personen möglichst schnell und vernünftig zu integrieren, und diene auch einem interkulturellen Austausch, wie Samira Seferovic vom Projekt erklärt.

Durchlässigkeit

Freilich müssen sich die Universitäten intern auch den Herausforderungen der SDGs stellen. Ein großes Problem sowohl deutscher als auch österreichischer Universitäten stellt die geringe soziale Durchlässigkeit dar. Hierbei geht es um die Frage, ob auch Menschen aus niedrigen sozialen Schichten zu einem Studium kommen können. So zeigte eine Studie der OECD aus dem Jahr 2014, dass in Deutschland nur knapp 20 Prozent der Personen, die aus einem nichtakademischen Haushalt kommen, dem akademischen Bildungsweg folgen. Ähnlich sieht es auch in Österreich aus. Der Weg ins oder weg vom Studium ist demnach stark vom Elternhaus geprägt. Die Aufgabe der Universitäten ist daher, eine Bildungsgerechtigkeit zu fördern, wie Professor Michelsen klarstellt. Allerdings müsse eine Universität auch feststellen, ob eine Person überhaupt für ein Studium geeignet ist. Ob das Numerus-Clausus-System hierfür das richtige Instrument ist, ist nur eine von vielen Fragen, die sich die Universitäten bis 2030 stellen müssen.

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