Kein Spaziergang

Von der Haustür weg weit wandern...

Eine Karte Europas mit einigen eingezeichneten Wanderwegen.
Vier Weitwanderwege in und um Österreich herum. Bild: BIORAMA.

Wandern ist ein Sport für fast alle – es gibt Wege für jede Kondition und Erfahrungsstufe. Außerdem ist überschaubar viel Ausrüstung nötig, es braucht kaum mehr als geeignete Schuhe, Kleidung für jede Witterung und ausreichend Verpflegung. Wandern unterscheidet sich vom Spazierengehen vor allem durch die Länge. Ab mehreren Stunden Gehens spricht man von einer Wanderung. Diese kann auf einen Berg führen oder entlang einer ebenen Strecke.

Europäische Fernwanderwege

Die seit 1969 bestehende Europäische Wandervereinigung setzte sich bei ihrer Gründung zum Ziel, ein Fernwanderwegenetz zu schaffen, das den ganzen Kontinent überzieht. Die längsten der derzeit zwölf Wege sind E1, der über eine Strecke von 7000 Kilometern vom Nordkap bis Sizilien führt, sowie der mehr als 12.000 Kilometer lange E4 von Portugal bis Zypern. Die Wege sind nur teilweise ausgeschildert, manche existieren noch nicht vollständig. Viele regionale Weitwanderwege verlaufen parallel zu den Europäischen Weitwanderwegen.

Von »Weitwandern« spricht man bei mehrtägigen Touren über längere Strecken. Wandern beschränkt sich aber nicht auf längeres Spazieren oder sportliches Gipfelstürmen, neuer Beliebtheit erfreut sich in den vergangenen Jahren das Weitwandern. In aller Welt locken Fernwanderwege zu mehrtägigen oder mehrwöchigen Touren. Es muss nicht unbedingt der spanische Jakobsweg, der Appalachian Trail in den USA oder der Annapurna Circuit in Nepal sein. Weitwandern ist von vielen Orten direkt von der eigenen Haustür weg möglich. Ein Netz aus Fern- und Weitwanderwegen durchzieht Europa und bindet die meisten größeren Städte ein.

Ein Fluss mit schnee an der Böschung vor einem Bergpanorama.
Nach Durchwanderung des Salzburger Stadtzentrums führt der Voralpenweg entlang des Bachs Glan aus der Stadt und Richtung österreichisch-deutsche Grenze. Bild: BIORAMA/Zelewitz.

Vom Kahlenberg nach Bregenz

In Österreich gibt es mehr als hundert Weitwanderwege – manche sind regional begrenzt, andere führen über hunderte Kilometer durch mehrere Bundesländer, darunter auch die »zehn großen österreichischen Weitwanderwege«. Diese sind jeweils mehr als 300 Kilometer lang und gehen durch mindestens drei Bundesländer: Der Voralpenweg trägt innerhalb des österreichischen Weitwanderwegesystems die Nummer 4, startet in der Bundeshauptstadt und geht sogar über das österreichische Bundesgebiet hinaus. Vom Wiener Kahlenberg aus führt der Weg in 23 Etappen durch Niederösterreich, Oberösterreich und Salzburg bis nach Bad Reichenhall. Hier schließt direkt der Maximiliansweg an, auf dem man die Wanderung über die bayerischen Voralpen bis nach Bregenz fortsetzen kann.


Schuhe

Dem Weg angemessene Wander- oder Bergschuhe sind der wichtigste Ausrüstungsgegenstand. Diese werden in vier Kategorien eingeteilt. In Kategorie A fallen leichte Wanderschuhe, unter D Schuhe fürs Extrembergsteigen. Die für die meisten Touren geeigneten Schuhe lassen sich demnach im Bereich B/C kategorisieren, also robuste Wanderschuhe, die auch fürs Gebirge geeignet sind.

Gleich am Beginn steht die Entscheidung zwischen zwei Varianten des Voralpenwegs 4. Die nördliche Strecke umrundet den Wienerwald via Klosterneuburg, die südliche führt über Perchtoldsdorf. Im Mostviertler Wilhelmsdorf vereinigen sich die beiden Strecken. Mehr als 500 Kilometer ist der Voralpenweg lang. Dabei bleibt er stets unter 2000 Metern Seehöhe – der Name des Weges weist darauf hin, dass die Alpen lediglich berührt werden. Gute Kondition ist dennoch nötig, denn trotz der geringen Höhe weist der Weg auch anspruchsvollere Passagen auf. Wer die gesamte Strecke in Angriff nimmt, braucht ohnehin Ausdauer. Doch der Voralpenweg eignet sich – wie alle Fernwanderwege – auch bestens dafür, ihn in zwei oder mehr Etappen auszuprobieren.

Eine Stadt aus der Ferne.
Sieben Varianten des österreichischen Weitwanderwegs 6 haben den Wallfahrtsort Mariazell als Ziel. Bild: Istock.com/Mdworschak.

Von Linz nach Mariazell

Der Mariazellerweg zählt als Nummer 6 ebenfalls zu den »großen österreichischen Weitwanderwegen«. Allerdings handelt es sich nicht um einen einzelnen Weg, sondern um ein Netz aus sieben Wegen, die von unterschiedlichen Startpunkten aus nach Mariazell führen. Der Oberösterreichische Mariazellerweg ist etwa 160 Kilometer lang und startet am Linzer Pöstlingberg. Via Steyr und Waidhofen an der Ybbs ziehen sich die sieben oder acht Etappen vorbei am Lunzer See und dem Ötscher zu dem kleinen Wallfahrtsort an der steirisch-niederösterreichischen Grenze. Auch bei diesem Weg bietet sich zum Ausprobieren die erste Etappe an. Die 18 Kilometer sind für die meisten an einem Tag zu bewältigen. Ein Blick vom Pöstlingberg auf Linz steht am Beginn der Wanderung. Der Weg führt dann hinunter mitten ins Zentrum der oberösterreichischen Landeshauptstadt. Ab dem südlichen Stadtteil Ebelsberg beginnt der ländliche Teil der ersten Etappe. Bereits lange bevor man das Ziel erreicht, tauchen die Türme des barocken Stifts St. Florian am Horizont auf. Wer hier das Abenteuer Weitwandern bereits wieder beendet, kann mit dem Postbus in einer knappen halben Stunde bequem nach Linz zurückfahren. Wer weitergeht, hat sich hoffentlich eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht und startet am nächsten Tag in die zweite Etappe, die bis Steyr führt. Dort wendet sich der Weg Richtung Süden und wird mit jeder Etappe alpiner. Die letzten Teile führen durch den Naturpark Ötscher-Tormäuer bis zur Basilika von Mariazell.

Ein Bergpanorama.
Der Monte Civetta in den Dolomiten bietet eines der vielen spektakulären Bergpanoramen auf dem Traumpfad. Bild: Sjo.

Von München nach Venedig

Es gibt mehrere Routen, auf denen man die Alpen zu Fuß überqueren kann. Eine der bekanntesten ist der vom bayerischen Wanderführerautor Ludwig Graßler 1977 erstmals beschriebene »Traumpfad«. Dieser beginnt am Münchner Marienplatz und endet nach 550 Kilometern in Venedig. Der Weg führt durch die Bayerischen Voralpen, das Karwendel, die Zillertaler Alpen und die Dolomiten. Bis auf knapp 3000 Meter Höhe führt diese Strecke – bevor man am Ende auf Meereshöhe hinabsteigt. Die je nach Variante 28 bis 31 Etappen sind anspruchsvoll und nur bei guter Kondition und Vorbereitung machbar. Doch auch die Teiletappen sind reizvoll. Das erste, mehr als 20 Kilometer lange Stück führt entlang der Isar aus der bayerischen Metropole hinaus und durch Wald- und Wiesenlandschaften bis Wolfratshausen. Wem dieses Hineinschnuppern genügt, kann von hier mit der Bahn zurück nach München fahren. Alle anderen führt der Weg am nächsten Tag Richtung Bad Tölz weiter. Danach, auf der dritten Etappe, fordern schließlich die ersten größeren An- und Abstiege Kondition. Auf der Gesamtstrecke des Traumpfades sind mehr als 20.000 Höhenmeter zu bewältigen.

Ein Feld voller Klatschmohn, im Hintergrund ist ein Haus zu sehen.
Der Europäische Fernwanderweg 11 führt durch die Kleinstadt Buckow im Naturpark Märkische Schweiz. Bild: Istock.com/Hsvrs.

Von Potsdam nach Buckow

Der Europäische Fernwanderweg 11 verläuft vom niederländischen Scheveningen über Deutschland, Polen, Litauen und Lettland bis zur estnischen Hauptstadt Tallinn. Der mehr als 4600 Kilometer lange Weg durchquert mehrere große Städte wie Osnabrück, Halle, Posen oder Riga. Etwa am Ende des ersten Drittels der Gesamtstrecke liegt Berlin. Auf dem Stadtgebiet finden sich mehrere Etappen des E11. Eine beginnt in Charlottenburg und führt durchs Zentrum der deutschen Hauptstadt nach Kreuzberg. Sie bietet sich somit als Ausgangspunkt für E11-Wanderungen Richtung Westen oder Osten an. Von Berlin-Köpenick aus gelangt man beispielsweise in zwei Tagesetappen bis zum östlich gelegenen Buckow. Wer nur einen halben Tag lang gehen will, kann alternativ mit der S-Bahn in 50 Minuten bis Hegermühle fahren und von den Toren der Großstadt aus durchs Grüne in etwa vier Stunden bis Buckow wandern. Wer weitergeht, wandert durch den Naturpark Märkische Schweiz bis Neuhardenberg und von dort aus weiter in Richtung der polnischen Grenze.

Übernachten beim Weitwandern

Unerlässlich für mehrtägige Weitwandertouren ist genaue Zeitplanung, denn am Ende jedes Tages muss man irgendwo übernachten. Entlang vieler Wege gibt es in regelmäßigen Abständen Hütten. Fernwanderwege, die durch Städte führen, bieten zusätzliche Möglichkeiten. Eine grundlegende Entscheidung bei langen Touren ist die, ob man für mehr Unabhängigkeit ein Zelt mitnimmt oder nicht. Das ist nicht nur eine Frage des Gewichts. Denn auch mit Zelt sind die Möglichkeiten beschränkt – Wildcampen bzw. Biwakieren ist in vielen Regionen Österreichs und Deutschlands nur in Notfällen erlaubt.

Gut vorbereitet starten

Ob mehrere Etappen oder nur eine kurze Wanderung: Die richtige Vorbereitung ist für jede Tour wichtig. Beim Weitwandern hängt von der genauen Planung aber ab, ob diese gelingt oder nicht. Für mehrtägige Touren ist nicht nur sorgfältiges und sparsames Packen unerlässlich. Auch die körperliche Verfassung muss stimmen. Kleinere Wanderungen und Konditionstraining sollten im Trainingsplan vor jeder langen Tour stehen. Auch mentale Vorbereitung ist wichtig, denn wer über einen längeren Zeitraum unterwegs ist, erlebt dabei Phasen, in denen die Motivation nachlässt. Eine Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten, ist es, immer wieder am körperlichen Limit oder bei schlechtem Wetter zu trainieren. Auf diese Weise erwirbt man Durchhaltevermögen auch in unangenehmen Situationen. Meistert man diese, steht am Ende das Erfolgserlebnis: Die Tour ist geschafft, das Ziel erreicht.

Wien hat einen stadteigenen Weitwanderweg zu bieten. Der »rundumadum«-Weg führt – wie der Name sagt – um die Stadt herum. Über 120 Kilometer, aufgeteilt in 24 Etappen, bewegt man sich meist an der Stadtgrenze. Einmal jährlich findet ein Lauf statt, bei dem TeilnehmerInnen die ganze oder Teile der Strecke bewältigen.

Marathongehen: Gastautorin Katharina Pichler beschreibt die Route und Realität einer Weitwander-Tagesetappe durch die Normandie.

BIORAMA #96

Dieser Artikel ist im BIORAMA #96 erschienen

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