Unsere große kleine Farm

»The Biggest Little Farm«: ein Glücksfall von einem Film, auch wegen der noch nie gesehenen Aufnahmen von Wildtieren am Bauernhof

Die Sau Emma spielt nicht nur im Film eine gewichtige Rolle, sondern wurde mittlerweile auch zur Protagonistin des Kinderbuchs »Saving Emma The Pig« (Bild: Neon Rated)

»The Biggest Little Farm« zeigt wie ein Wildlife-Filmmacher und eine Foodbloggerin ödes Wasteland in einen fruchtbaren Bauernhof verwandeln. Ein wunderbarer Film.

Am Anfang des Films stehen die apokalyptischen Buschfeuer, die Kalifornien im Sommer 2018 heimgesucht haben und die Unsicherheit, ob das vermeintliche Idyll diese Katastrophe überdauern wird. Die dramatischen Aufnahmen von nahenden Rauchwolken, die Hektik am Bauernhof spannen den Bogen für die folgenden 90 Minuten, in denen uns John Chester und seine Frau Molly in epischer Breite und größtenteils chronologisch an ihrem abenteuerlichen Selbstversuch teilhaben lassen. »Alle sagten uns, diese Idee wäre verrückt«, hören wir und werden zurückgeführt ins Jahr 2010. Damals ging das Paar – er Naturfilmer, sie Köchin und Foodbloggerin – mit der Idee schwanger, das kleine Apartment in Santa Monica hinter sich zu lassen. Ihre Sinnsuche führte sie aufs Land, wo sie eine Stunde nördlich von Los Angeles 81 Hektar aufgegebenes Land kauften. Der Boden ausgelaugt und erschöpft wie die beiden Kreativen, das Areal artenarm und weithin umgeben von Monokulturen und in direkter Nachbarschaft der Ruinen der einstmals weltgrößten Legebatterienfabrik.

»Our Biggest Little Farm« von oben betrachtet: 81 Hektar arrondiertes Land, die seit bald 10 Jahren biodynamisch bewirtschaftet werden. (Bild: Neon Rated)

Disharmonic Orchestra
Die folgenden acht Jahre, in denen das Land unter Begleitung von Alan York, einem Pionier der biodynamischen Landwirtschaft, wieder fruchtbar gemacht werden soll, hat Chester filmisch dokumentiert. Auf dem Weg zum Bilderbuchbauernhof durchleben wir Glücksmomente, kleine Erfolge, vor allem aber auch Niederlagen und Rückschläge. Dürre, Starkregen, Schwärme gefräßiger Stare, eine Schneckenplage und eine Schweineinfektion und die immer wiederkehrenden Kojoten als Hühnerkiller. Als wären es biblische Plagen werden John und Molly auf die eigene Existenz zurückgeworfen. Was sie dabei allerdings von Alan York lernen: Wenn sie auf Gift verzichten und ein Gleichgewicht schaffen wollen, dann lassen sich Probleme nur durch beharrlichen Versuch, Irrtum und eine genaue Beobachtung der Natur lösen. Alles und jeder hier hat seine Rolle, wie es immer wieder heißt, »jeder Nützling, jeder Schädling«. An John und Molly liegt es, behutsam zu steuern und korrigierend einzugreifen. Beispielsweise kommen Hunde irgendwann nicht bloß zum Schutz der Lämmer zum Einsatz, sondern kümmern sich dann auch um den Schutz der Hühner vor Kojoten. Kojoten erlegen möchte man deshalb nicht, weil diese wiederum – gemeinsam mit den Eulen, die sich irgendwann in der Scheune einquartieren – die gefräßigen Nager in den Obstkulturen dezimieren. Im siebenten Jahr der Bewirtschaftung hat sich ein fragiles Gleichgewicht eingestellt, scheinen alle ihre Rolle gefunden zu haben, auch viele Wildtiere sind zurückgekehrt. Es ist allerdings keine Harmonie, die hier beschworen oder behauptet wird, sondern ein »comfortable level of disharmony with nature«, wie John Chester aus dem Off bekennt.

Ein Glücksfall von einem Film
Mögen seine Aufnahmen und Einstellungen manchmal auch kitschig sein, sie werden doch nie verklärend. Seite an Seite mit dem Naturfilmer, der die biodynamische, an ökologischen Kreisläufen orientierte Landwirtschaft für sich entdeckt und als gestaltender Beobachter dokumentiert, nehmen wir nicht nur Anteil am intensiven, oft beschwerlichen Leben auf einer von Handarbeit und Vielfalt geprägten Farm. Er zeigt uns auch so nie gesehene Aufnahmen von Wildtieren am Bauernhof. Ein Glücksfall von einem Film und auch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass »tierfreie« Landwirtschaft letztlich wider die Natur ist – zumindest wenn wir ernsthaft an komplexen Kreisläufen interessiert sind.

John Chester und seine Frau haben ein fragiles Gleichgewicht geschaffen. (Foto: Neon Rated)

Wobei es sich bei der »Biggest Little Farm«, auch wenn das an einer Stelle des Films einmal als Ziel genannt wird, natürlich um keinen klassischen und »traditionellen Bauernhof wie früher» handelt. John und Molly hatten wohl von Anfang an das Big Picture im Sinn, mit dem Masterplan als Teil des Geschäftsmodells einen Film und damit die eigene Farm weit über die Vororte von L.A. hinaus zur Marke zu machen. Das Experiment ist geglückt, der Film wird – absolut zu Recht – von der Kritik gefeiert. Mögen ihre Apricot Lane Farms als mustergültiges Modell herhalten, wie Landwirtschaft heute und in Zukunft auch funktionieren kann. Den mittlerweile zur Familie angewachsenen Chesters wird abseits der üblichen Arbeit am Hof auch weiterhin nicht langweilig. John Chester hat Verträge für eine Kinderbuchserie unterschrieben und pünktlich zum Kinostart in den USA wurde die Sau Emma mit ihren 17 Ferkeln, die uns auch auf der Leinwand begegnen, zur Heldin eines ersten Büchleins. »Saving Emma The Pig« heißt es da wie dort.
Ein Bilderbuchbauernhof eben.

»The Biggest Little Farm« (»Unsere große kleine Farm«) ist ab 11. Juli (in Deutschland) bzw. ab 12. Juli (in Österreich) im Kino zu sehen.

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