Plan auf Zeit

Das Gemeinschaftsgefühl im Sonnenpark begeistert – und motiviert, die Herausforderungen der anstehenden Sanierung anzugehen.

Die Möglichkeiten für die Sanierung der Vereinsgebäude im Sonnenpark in St. Pölten wurde in mehreren Wochenend-Workshops diskutiert. Bild: Jasmina Dzanic.

Ein »magischer Ort«, den die Menschen in St. Pölten lieben. Wer mit den TeilnehmerInnen des Architekturprojekts »design.build 2020« spricht, hat danach hohe Erwartungen an den über 50.000 Quadratmeter großen Sonnenpark und die beiden Vereinshäuser. Was vor über 20 Jahren als Proberaum für junge MusikerInnen genutzt wurde, ist mittlerweile Veranstaltungsort für Ausstellungen, Clubveranstaltungen, das Sonnenparkfest und das Symposium Parque del Sol, bei dem KünstlerInnen und Gäste gemeinsam an verschiedenen Kunstprojekten arbeiten. Darüber hinaus gibt es Werkstattbereiche und Projekte wie das »Klimaforschungslabor« und die Free University, ein vielfältiges Workshopangebot, die Wissen vermitteln sollen. 
Bis 2016 war unklar, ob das Gelände bestehen bleiben wird. Die Stadt hatte es an einen Bauträger verkauft, Wohnungen sollten entstehen. Diese Pläne wurden nach Protesten der BürgerInneninitiative »Sonnenpark bleibt« und durch das Engagement der Vereine Sonnenpark und Lames, die den Park und die Gebäude bespielen und verwalten, wieder verworfen, der Verkauf wurde rückgängig gemacht.

Im Rahmen ihrer Lehrveranstaltung am Design-Build-Studio der TU Wien entwickeln derzeit 21 ArchitekturstudentInnen Entwurfsideen für den Umbau und die Sanierung der über 100 Jahre alten Gebäude. Sie werden später auch eigenhändig an den Baumaßnahmen beteiligt sein. Geleitet wird das Projekt von Professor Peter Fattinger und seinem Kollegen Wolfgang Thanel, der es als Architekt schon länger begleitet und mit den Vereinen am Nutzungskonzept gefeilt hat.

»Je besser und nachhaltiger wir den Umbau gestalten, desto mehr Berechtigung haben die Gebäude auch zu bleiben.«, hofft Peter Fattinger, Leiter des Design-Build-Studios und assoziierter Professor am Institut für Architektur und Entwerfen der TU Wien. Bild: Markus Fattinger Architekturfotografie.

Ein Ort der Gemeinschaft

Der Park soll den Menschen in St. Pölten einen Ort geben, an dem jedeR zusammenkommen kann und an dem verschiedenste Projekte umgesetzt werden können. »Das Potenzial des Ortes liegt im Gemeinschaftsgefühl. Auch wenn die Bausubstanz nicht toll ist, merkt man, dass die Menschen diesen Ort lieben«, beschreibt Architekturstudentin Aknur Zhussip den Sonnenpark nach einer zweitägigen Exkursion ihres Studiengangs. 

Im Dornröschenschlaf

Bisher sei der Sonnenpark mit seinen Gemeinschaftsgebäuden noch nicht ausreichend bekannt unter den StadtbewohnerInnen, schätzt die an dem Projekt beteiligte Architekturstudentin Mia Neustädter den Bekanntheitsgrad ein. »Viele, die zum ersten Mal vorbeikommen, sind überrascht, was es alles gibt«, ergänzt Student Max Lanske, der ebenfalls Architektur an der TU Wien studiert. Mit dem Umbau soll sich das ändern. »Ich glaube, wenn man zeigt, dass der Raum nicht exklusiv ist, sondern dass er von allen genutzt werden kann, öffnet er sich noch viel mehr der Öffentlichkeit«, sagt Mia Neustädter. 
Die Vereinsgebäude bergen nicht ausgeschöpftes Potenzial – seit 2006 wurden nur notdürftige Ausbesserungen vorgenommen, da unklar war, was aus dem Park wird. »Die Gebäude liegen im Dornröschenschlaf, der Bauzustand ist zum Teil sehr desolat«, bewertet Peter Fattinger die Ausgangssituation. Das Ziel ist es, die Räumlichkeiten zu flexibel nutzbaren Gemeinschaftsräumen umzubauen, die sowohl von den Vereinsmitgliedern als auch von den AnwohnerInnen genutzt werden können. Wie umfassend der Umbau stattfinden kann, ist derzeit noch Gegenstand von Verhandlungen.

Die ArchitekturstudentInnen waren auf einer mehrtägigen Exkursion in St. Pölten um die Gegebenheiten des Parks und der Vereinsgebäude kennenzulernen. Bild: Viktoria Bayer.

»Die Gefahr ist noch nicht gebannt«

Wie lange die Gebäude tatsächlich bestehen bleiben, ist immer noch unklar. Der aktuelle Nutzungsvertrag zwischen der Stadt und den beiden Vereinen, die auch die Bauherren des Projekts sind, ist für zehn Jahre abgeschlossen. Ob es im Zuge der Renovierung eine Verlängerung geben wird, ist noch offen. Im vergangenen Jahr fanden mehrere Wochenend-Workshops statt, um die Zukunftsmöglichkeiten des Parks zu erarbeiten. Der Architekt und Projektleiter Wolfgang Thanel hat den Prozess von Beginn an begleitet. »Ich denke, dass urbane Grünräume im Zuge der Klimaerwärmung künftig wichtiger werden und zum Beispiel nur schwer in Flächen für den Wohnbau umgewandelt werden können. Besonders, wenn sie nicht nur einen reinen Grünanteil haben, sondern darüber hinaus eine wichtige kulturelle Rolle spielen und außerdem Wissen vermitteln«, meint er. »Wir gehen bei unserem Projekt natürlich davon aus, dass der Park langfristig bestehen bleibt. Je besser und nachhaltiger wir den Umbau gestalten, desto mehr Berechtigung haben die Gebäude auch zu bleiben«, hofft auch Fattinger. 

Flexibilität und Charakter

Formale Vorgaben zur Umsetzung des Umbaus gibt es keine, das bleibt den TeilnehmerInnen des Projekts überlassen. »Noch sind wir dabei, grob zu strukturieren, wie wir Räume schaffen können, in denen die Menschen sich wohlfühlen und sich ausleben können«, beschreibt Architekturstudent Max Lanske im November 2020 den Stand des Projekts. Die Herausforderung ist, die Räume möglichst flexibel zu gestalten und trotzdem den Charme und Charakter der ursprünglichen, alten Gebäude nicht zu verlieren. Die Ideen reichen von einer offenen Küche, die für alle StadtbewohnerInnen nutzbar sein soll, über erweiterte Probe- und Musikräume bis zu Ateliers für GastkünstlerInnen und Ausstellungsflächen. Eine weitere Idee sind Gemeinschaftswerkstätten, die je nach Bedarf flexibel genutzt und einfach und schnell umgebaut werden können. Man könne es sich wie einen Mehrzweckraum vorstellen, wo kombinierbare Möbel je nach Bedarf platziert und umgesteckt werden können, erklärt Max Lanske das Konzept der flexiblen Raumnutzung. So könne der Charakter der Räumlichkeiten bewahrt und um neue Funktionen erweitert werden, erklärt Fattinger. Ein Beispiel sei der »schwarze Raum«, ein Clubraum mit alten, auffälligen Fabrikfenstern. Diese sind aus Schallschutzgründen luft- und lichtdicht verschlossen. Wenn sie saniert würden, könnte der Raum wieder mit Tageslicht gefüllt und auch für andere Zwecke genutzt werden, schlägt Fattinger vor.

»Sportliches Budget«

Das Budget sei zu knapp, um alle Ideen sofort umzusetzen, so Thanel. Von Stadt, Land und Bund sind momentan in Summe (Stand Oktober 2020) 400.000 Euro zugesagt, das sei für eine nachhaltige Sanierung recht wenig und für ein Areal dieser Dimension generell »sehr sportlich«, sagt Fattinger. Da viele grundlegende Sanierungsarbeiten notwendig seien, wird ein großer Teil des Budgets in Maßnahmen wie neue Dachabdichtungen fließen müssen. Das bedeutet auch, dass sich alle Beteiligten darauf einstellen müssen, dass nicht alle Ideen sofort umgesetzt werden können. »Das Projekt muss in Stufen realisierbar sein«, erklärt Thanel.

»Das Projekt muss in Stufen realisierbar sein. Das Budget ist zu gering, um sofort alle Ideen umzusetzen.«, erklärt Wolfgang Thanel, der das Projekt als Architekt schon länger begleitet und gemeinsam mit den Vereinen am Nutzungskonzept gefeilt hat. Bild: Privat.

Alte Gebäude dennoch eine Besonderheit

Auch wenn nicht alle Ideen umgesetzt werden können, ist auch die grundlegende Sanierung bereits ein großer Fortschritt für die Zukunft des Sonnenparks und das Projekt eine wichtige Praxiserfahrung für die Studierenden, die so Entscheidungen treffen und Lösungen finden müssen – eine ideale Vorbereitung auf das Berufsleben. Eine Besonderheit des Projekts sei das Bauen im Bestand, erklärt Peter Fattinger. Die Studierenden sollen lernen, mit bestehenden Materialien und Raumstrukturen zu arbeiten. Das sei zum einen nachhaltiger als ein Neubau, zum anderen müsse man sich in die bestehenden Strukturen und Gegebenheiten hineinversetzen. Die Herausforderung ist, eine nachhaltige Entwicklungsstrategie zu konzipieren, die flexibel und über mehrere Jahre hinweg in Stufen umsetzbar ist. Es geht darum, einen »Ort« zu generieren, der aus St. Pölten in Zukunft nicht mehr wegzudenken ist — und mehr ist als ein Plan auf Zeit.

Zum WeiterlesenMehr aus St. Pölten: Im Landhaus hat der ehemalige Chefkoch Karl Grübler Landesbedienstete, PolitikerInnen und Prominente bekocht und den Bioanteil der Küche hinaufgeschraubt. Wie das geht? Hier nachlesen!

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin # erschienen

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