Reisebudget erspart, Fernreise gebucht, Impfungen vergessen

Zur kalten Jahreszeit buchen sich viele Leute kostspielige Fernreisen zur exotischen Zielen. Und einige davon vergessen, beim Planen die Kosten für Reiseimpfungen zu berücksichtigen. Braucht man die überhaupt?

Bild: Istock.com/Soft_Light

Dem tiefsten Winter in Europa entgehen und für ein paar Wochen in die Ferne reisen – das leisten sich gar nicht wenige Leute. Ein ziemlicher Luxus, nicht gerade klimafreundlich. Aber die Welt und ihre Kulturen kennenzulernen, das ist eben verlockend. Und so zieht es jedes Jahr Hundertausende Europäer auf andere Kontinente.

Fernreisen sind kostspielig. Ob als Expeditionsreise, Abenteuer-, Bildungsreise oder Luxustrip. Ist das nötige Reisebudget erst einmal mühsam angespart, ist die Vorfreude riesig. Reiseimpfungen und ihre Kosten können die Vorfreude ein wenig eintrüben. Eine Reiseroute entlang exotischer Ziele zu planen, Unterkünfte und Flüge zu buchen, macht schließlich viel mehr Spaß, als in Impfstoffe zu investieren. Dabei sind Impfungen gegen Tropenkrankheiten ein notwendiges Übel bei Reisen an viele Destinationen.

Südostasien ist eine der beliebtesten Fernreisedestinationen für europäische Winterurlauber. Der Impfaufwand bei Reisen in die Region ist nicht klein. Für eine Thailandreise zum Beispiel werden Impfungen gegen eine ganze Reihe von Krankheiten empfohlen: Tollwut, Japan B Encephalitis, Cholera, Gelbfieber, Malaria, Denguefieber. Wer dem Rat der Tropenmedizin folgt, und sich gegen alle dieser Krankheiten impfen lässt, muss dafür tief in die Tasche greifen. Beim Impfservice der Stadt Wien zum Beispiel kostet das empfohlene Impfprogramm für eine Rucksackreise nach Südostasien ohne Vorimpfungen schnell mehr als 200 Euro. Gar nicht wenig Geld. Und in den meisten Reisebudgets sicher ein größerer Posten.

Da drängt sich die Frage auf, ob die ganze Bandbreite an möglichen Reiseimpfungen wirklich immer nötig ist, oder ob man sich die eine oder andere Impfung evtentuell auch sparen kann. Dabei geht’s auch darum, welches gesundheitliche Risiko man bereit ist, in Kauf zu nehmen – und um weitaus mehr. Denn bei Reiseimpfungen geht es nicht bloß um den persönlichen Schutz vor Krankheiten, sondern auch darum, deren weltweite Verbreitung zu verhindern.

Mehr als nur individueller Schutz

Prof. Dr. Martin Haditsch ist Tropenmediziner in Frankfurt am Main. „Für Reisende steht naturgemäß der individuelle Schutz im Vordergrund“, erklärt er. „Allerdings gibt es durchaus Hinweise darauf, dass ungeimpfte Reisende Krankheiten verschleppen bzw. einschleppen. Bei problematischen Krankheiten sieht die Weltgesundheitsorganisation WHO sogar verpflichtende Impfungen vor, um massenhafter Ausbreitung vorzubeugen. Das betrifft zum Beispiel Gelbfieberimpfungen“. Ein anderes Beispiel betrifft die islamischen Pilgerreisenden beim Hadsch. Sie müssen sich vor der Reise nach Mekka impfen lassen, um die Verbreitung von Meningokokken zu verhindern.

Viele Reisende unterschätzen die Wichtigkeit von Impfungen, ist Martin Haditsch überzeugt. Das beginne schon mit der Grippeimpfung. Kein Wunder – schließlich kommen Reiseprospekte, Travelblogs und Instagram-Fotos von exotischen Destinationen in aller Regel ohne Gesundheitshinweise aus. Professor Haditsch macht darin einen Hauptgrund für das mangelnde Impfbewusstsein unter Reisenden aus: „Die Reiseindustrie sieht in der Reisemedizin nach wie vor in manchen Bereichen einen Störfaktor, da ja Hinweise auf Risiken bzw. Zusatzmaßnahmen, die zum Teil erhebliche Mehrkosten bedingen, auch Reisende von der Buchung abhalten könnten.“

Beratung macht Sinn

Natürlich ist nicht für jede Reise derselbe Impfschutz vonnöten – selbst dann nicht, wenn exotische Gefilde das Ziel sind. Ein Strandurlaub ist mit anderen Risiken verbunden als eine Dschungelexpedition – selbst wenn sie im gleichen Land stattfindet. Reiseziel, Reisesaison, Reisezweck, Reiseroute, Reisedauer und die gesundheitliche Ausgangssituation der Reisenden haben Einfluss auf das sinnvolle Ausmaß der Vorsorgemaßnahmen. Der Reisemediziner betont, dass es dabei nicht nur um Impfungen geht, sondern auch um andere Formen der Prophylaxe: „Denken Sie beispielsweise nur an die Thromboseprophylaxe, Unfallvorsorge, Schutz vor Blutsaugern. Ganz aktuelle Stichworte sind da Zikavirus und Pest.“

Für Reisende macht es durchaus Sinn, sich mit ausreichend zeitlichem Abstand zum Reiseantritt beraten zu lassen. Bei der Vielzahl an kommerziellen Reisemedizinanbietern drängt sich allerdings auch der Verdacht auf, dass Institute dazu neigen könnten, Reisende zu überimpfen. „In meiner Praxis sehe ich viel häufiger Klienten, die vom Hausarzt unnötigerweise aufgefrischt wurden“, meint Martin Haditsch. „Es gibt allerdings Impfungen mit weicher Indikation. Hier spielt das Beratungsgespräch sicherlich eine große Rolle und da mag es vorkommen, dass Risiken etwas übertrieben dargestellt werden, um den Klienten zur Impfung zu motivieren.“ Australischen Studien zufolge, dürften Reiseimpfungen langfristig im Sinne der Reiseindustrie sein, erklärt Haditsch: „Gesunde Heimkehrer bedingen durchschnittliche fünf weitere Reisen in eine Region, wogegen kranke Heimkehrer durchschnittlich 25 Personen von Reisen in eine bestimmte Region abhalten.“

Falsches Sparen lohnt nicht

Wer unbedingt ausgerechnet bei den Impfungen sparen möchte, sollte vielleicht eine Zusatz-Reiseversicherung in Betracht ziehen. Denn auch wenn Tropenkrankheiten im Heimatland behandelt werden, sind die Behandlung vor Ort oder auch ein Akuttransport zurück in die Heimat nicht unbedingt von der Krankenversicherung abgedeckt. Üblicherweise werden Reiseimpfungen nicht von der Krankenkasse übernommen. Bei beruflichen Auslandsreisen sollte der Arbeitgeber für nötigen Impfschutz aufkommen.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #52 erschienen

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