Der vegane Weg

Jakobsveg vegan? Tausende pilgern jedes Jahr den Jakobsweg entlang. Das geht mit und ohne spirituellen Antrieb – und es geht auch vegan!

Westküste Portugal
Sobald der Weg die Stadt Porto hinter sich gelassen hat, führt er die ersten drei Tagesetappen direkt an der Küste entlang. Bild: Luna Wolf.

»Ich bin dann mal weg« – egal ob persönliche Entwicklung und Veränderung oder Einklang mit der Umwelt und sich selbst gesucht wird, die großen PilgerInnenrouten bieten ein gesichertes Wegenetz, die basale Infrastruktur und viel Natur auf dem Weg zum Ziel. 

Sehr beliebt ist der Jakobsweg. Die jährlichen Besuchszahlen haben sich seit 2010 mehr als verdoppelt. 2019 kamen mit über 146.000 PilgerInnen größtenteils SpanierInnen in Santiago de Compostela an. Die Anzahl der deutschen Wanderinnen und Wanderer lag mit 26.000, nach den italienischen, auf Platz drei. 
Doch »den einen« Jakobsweg gibt es gar nicht. Stattdessen verlaufen verschiedene Routen durch Spanien und Portugal zur Kathedrale in Santiago de Compostela, wo die Überreste des Apostels Jakobus begraben liegen sollen. Im christlichen Glauben ist er der Patron der PilgerInnen und soll spanischen Legenden zufolge die Iberische Halbinsel, den Teil Europas, der südwestlich der Pyrenäen liegt, bereist haben, um dort das Evangelium zu verkünden.

Der längste und bekannteste Jakobsweg ist der sogenannte Camino Francés, der ab der französischen Grenze 800 Kilometer durch Spaniens Norden verläuft. Die meisten PilgerInnen brauchen für diese Strecke ungefähr fünf Wochen. Bei weniger Zeit bietet sich der portugiesische Jakobsweg an, der sich mit seinen 240 Kilometern auch in zwei Wochen zurücklegen lässt. Mit weniger als der Hälfte an PilgerInnen ist der Weg weniger überlaufen als der Camino Francés und bietet landschaftlich beeindruckende und abwechslungsreiche Aussichten. 
Da er sehr eben verläuft, ist er vor allem für AnfängerInnen geeignet. Der Weg beginnt in Porto und führt an der Küste nach Norden zur spanischen Grenze. Dort kann im Landesinneren weitergegangen werden und statt Küste und Meer wechselt die Landschaft zu Wäldern, Flüssen und kleinen Dörfchen. 
Die Route kann beliebig individuell geplant werden. Unterwegs gibt es unzählige Herbergen und auch in der Hauptreisezeit ist immer ein Schlafplatz auffindbar. Falls die öffentlichen Herbergen belegt sein sollten, kann auf private Unterkünfte entlang des Weges ausgewichen werden, die zwar etwas teurer sind, dafür meistens aber auch luxuriöser und mehr Privatsphäre bieten. 

Berauschende Einstimmung: Von den Atlantikwellen begleitet wandert man bequem auf Holzstegen Richtung Santiago. Bild: Luna Wolf.

Perfekte Reisezeit: Mai und September

Der »Camino« kann prinzipiell das ganze Jahr über gegangen werden, empfehlenswert sind die Monate zwischen Mai und September, da es in der anderen Jahreshälfte häufig regnet und nicht alle Herbergen geöffnet sind. In den Sommermonaten Juli und August wird es vor allem in Portugal sehr heiß. Hier empfiehlt es sich, frühmorgens aufzubrechen, um die Nachmittage mit Temperaturen über 30 Grad in der Herberge zubringen zu können. In den Monaten Mai und September sind weniger PilgerInnen unterwegs und auch die Temperaturen machen diese zur perfekten Reisezeit! Ab Oktober steigt die Niederschlagsmenge im Norden Portugals dann fast um das Dreifache. 

Wanderurlaub trotz Corona

Nachdem der Jakobsweg-Tourismus in Galizien, der Region im Nordwesten Spaniens, in der auch Santiago de Compostela liegt, 2020 für mehrere Monate untersagt war, hatten die öffentlichen Herbergen ab dem 1. Juli 2020 über den Sommer wieder geöffnet. 
Auch zur Hauptreisezeit zwischen Juni und September ist man auf den Pfaden alleine unterwegs, da sich die Gruppen der Wanderinnen und Wanderer tagsüber gut verteilen – bis sie abends in den Herbergen wieder aufeinandertreffen. 

Die Fortbewegung zu Fuß tut nicht nur dem Körper gut und vermittelt ein neues Gefühl für räumliche Entfernung, es ist auch die umweltschonendste Art und Weise des Reisens. Eine Pilgerreise vegan zu gehen passt hervorragend zu diesem Grundgedanken. Für den CO2-Fußabdruck spielen bekanntlich auch An- und Abreise eine große Rolle, mit Bus oder Bahn sollten aus Österreich wie aus Deutschland rund zwei Tage pro Strecke eingeplant werden.

Richtig packen

Auch wenn die ersten Kilometer mühsam erscheinen, nach wenigen Tagen ist man »eingelaufen« und spürt, wie die Beinmuskulatur stärker wird und das Gehen dem Rücken guttut – solange nicht zu viel Unnötiges im Rucksack ist. Laut dem Rucksackhersteller Deuter liegt die maximal zumutbare Dauerlast bei 20 bis 25 Prozent des Körpergewichts. Die Faustregel für das Gewicht des Rucksacks: das eigene Körpergewicht geteilt durch mindestens vier oder eher fünf.  Unbedingt einpacken: eine dichte Tupperdose und Besteck

Vegane SelbstversorgerInnen

Für eine entspannte vegane Wanderung auf dem »Camino« ist die Selbstversorgung die beste Option. Fast alle Herbergen auf dem Weg verfügen über eine Küche zur freien Nutzung. Dort kann abends gekocht werden und die Mitwanderinnen und Mitwanderer werden kennengelernt. Übriggebliebenes ist ein perfektes Mittagessen für den nächsten Tag. 
In allen größeren Ortschaften auf dem Weg findet man Supermärkte, ihr Biosortiment ist in Portugal und Spanien mittlerweile gut ausgebaut. Dort können neben frischem Obst und Gemüse auch Hülsenfrüchte, Haferflocken, Sojamilch, Nüsse und andere Basics eingekauft werden. Ein erfrischendes veganes Mittagessen für zwischendurch ist auch Gazpacho als Fertiggericht.

Keine Angst vor Sprachbarrieren!

Egal wann und wo: Frag nach! Auch wer kein Spanisch oder Portugiesisch spricht, kann mit wenigen einfachen Vokabeln sein Anliegen verständlich machen. (Notiere dir hierfür die wichtigsten Vokabeln auf einem Blatt oder in einer Handynotiz, damit du sie auch ohne Internet parat hast.) Es ist überraschend, wie viele Cafés unterwegs Sojamilch haben, auch wenn es nicht auf der Karte steht. Teilweise bereiten die Gaststätten auf Nachfrage sogar ein speziell zusammengestelltes veganes PilgerInnenmenü zu. 
Generell gilt: Lass den Weg auf dich zukommen. Es macht genauso wenig Sinn, die gesamte Route von vornherein bis ins Detail zu planen, wie sich darauf festzulegen, was man am nächsten Tag essen möchte. So kannst du dich über kleine Überraschungen, wie ein veganes PilgerInnenmenü oder ein Tofu-Sandwich im unscheinbaren Kiosk am Wegrand, noch mehr freuen. Und obwohl zweifelsfrei die Ankunft für viele das größte Highlight der Reise ist, bringt der Weg selbst viele bleibende Momente. Wer es schafft, etwas von der Entschleunigung, die durch das Gehen erreicht wird, mit nach Hause zu nehmen, hat schon einen erheblichen Teil des Weges verstanden.

Jakobsweg vegan – Tipps für unterwegs:

Landkarte Westküste Portugal und Spanien
Auf dem Weg warten mehrere Highlights für (vegane) WanderInnen – in angenehmen Abständen, wie auf der Karte zu sehen ist. Bild: Biorama.

Porto:
Hier kann die regionale Spezialität, die »Francesinha«, ein überbackenes Sandwich aus Toast, Wurst und Spiegelei, serviert mit Bratensoße, in vegan probiert werden. Sei aber gewarnt: mag nicht jedeR.

Im Sommer stehen entlang des Weges kleine Obststände und reife Obstbäume – im September sind die Feigen reif und geben Energie für den Weg! Ein anschaulicher Saisonkalender für Spanien, der Vorfreude macht und mit dem einige Vokabeln gelernt werden können.

Castelo do Neiva:
Die auf einem Hügel gelegene öffentliche PilgerInnenherberge bietet einen wunderschönen Ausblick auf den Sonnenuntergang über dem Meer. Auf Wunsch fährt die Herbergsmutter müde Wanderinnen und Wanderer zum kleinen Supermarkt an der Küste, bei dem für ein veganes Abendessen eingekauft werden kann. 

Jakobsweg in Portugal
Die Herberge »Albergue Castelo do Neiva« liegt nur noch einen letzten kurzen Anstieg entfernt. Bild: Luna Wolf.

Viana do Castelo:
Sei trotz anpreisender Beschreibung im Reiseführer gewarnt: Die Stadt wirkt durch touristische Plätze und Gassen schnell überlaufen und auch die offizielle PilgerInnenherberge ist mit sechs Euro zwar günstig, bei hoher Nachfrage schläft man jedoch in einem turnhallengroßen Schlafsaal auf dem Boden. Am besten fragt man vorher am Telefon oder der Rezeption kurz nach, ob noch Betten verfügbar sind. 

Tui:
In der Altstadt direkt hinter der spanischen Grenze liegt das Café »Ideas Peregrinas«, in dem es neben Biokaffee auch vegane Essensoptionen gibt. 

Pontevedra:
In der sogenannten Kinderbar (elpatiokinderbar.es), die direkt am Jakobsweg liegt, gibt es nicht nur einen Spielbereich für Kinder, sondern auch explizit vegane Frühstücksoptionen. Etwas weiter durch die Innenstadt liegt das Biorestaurant Hortasán Cociña mit vielen veganen und vegetarischen Gerichten. 

In Pontevedra gibt es auch den Unverpackt-Laden EcoCabana sowie die Biosupermärkte Biotienda Xeno und EcoSabor. 

Die Meeresbucht bei Arcade liegt in der spanischen Provinz Pontevedra. Die gleichnamige Provinzhauptstadt hat schon seit fast 20 Jahren eine nahezu autofreie Innenstadt. Bild: Luna Wolf.

Teo:
Um in Teo ruhig schlafen zu können, sollte hier ausnahmsweise ein Schlafplatz reserviert werden, in der letzten Herberge vor Santiago kann es voll werden.

Santiago:
Wo sich Eintreten nach Heimkommen anfühlt. Ein kleines Café abseits der touristischen Straßen ist das Cadrado Doce. Neben Kaffee verkauft es auch in Santiago gebrautes Craft Beer sowie kleine Snacks und Kuchen, immer auch mit veganen Varianten.
Willkommen im Wunderland der Kuchen. Bei Alice in Wonderpie gibt es eine große Auswahl an veganen Kuchen und Torten. 
Weitere Highlights sind: der ausschließlich vegane Biosupermarkt A tenda das herbas und das vegane und sehr beliebte Restaurant Entre Pedras, das zusätzlich viele glutenfreie Gerichte anbietet. 

»Caminho Português – Outdoor-Pilgerführer«
von Raimund Joos (Conrad Stein Verlag, 2020, 13. Auflage). 

Bisher beschreibt nur dieser Reiseführer sowohl die Route, die ausschließlich an der Küste entlangführt, als auch die »traditionelle Route«, die ab der spanischen Grenze im Landesinneren verläuft. 
Herbergen und Etappen werden sehr anschaulich beschrieben, sodass die Route individuell zusammengestellt werden kann. 
Bild: Conrad Stein Verlag.

BIORAMA #69

Dieser Artikel ist im BIORAMA #69 erschienen

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