ReGreen: »Flugscham ist ein irrelevantes Phänomen«

Bali, Sardinien oder Wörthersee: Egal wie nah oder fern die Urlaubsdestination entfernt war, die Reise verursachte Emissionen. Wie diese kinderleicht kompensiert werden können, erklärt Christoph Rebernig vom Wiener Start-up ReGreen.

Fliegen: ein beliebtes und klimaschädliches Verkehrsmittel. Bild: Fuzz, Pixabay.
Fliegen: ein beliebtes und klimaschädliches Verkehrsmittel. Bild: Fuzz, Pixabay.

Es gibt viele Firmen, die CO2-Kompensationen anbieten. Das Prinzip ist dabei immer das gleiche: Die Menge CO2, die man durch Autofahren, Fliegen etc. verbraucht, wird durch Investitionen in klimafreundliche Projekte relativiert. Eine klassische Kompensationsmöglichkeit ist das Pflanzen von Bäumen. Dass man mit einer speziellen Kochmethode in einem Tonkochofen in Ruanda auch Emissionen sparen kann, erklärt Christoph Rebernig, Mitgründer des in Wien ansässigen Anbieters ReGreen, im Interview mit BIORAMA. Im Gespräch lässt der junge Unternehmer nebenbei für alle, die regelmäßig fliegen, einen einfach zu beherzigen Ratschlag fallen:
»Handle nach dem Motto vermeiden, vermindern, kompensieren. Flieg so wenig wie möglich. Wenn du fliegst, dann schau, dass du Economy Class fliegst und nur Direktflüge buchst.  Und kompensiere deine Emissionen. Die Klimakompensation kostet ungefähr 5% des Flugtickets. Aber es ist immer besser, nicht zu fliegen, als zu fliegen.«

BIORAMA: ReGreen ist als Schulprojekt 2015 entstanden, wie seid ihr damals auf diese Geschäftsidee gekommen?

Christoph Rebernig: Wir sind in einer Handelsakademie zur Schule gegangen und mussten für das Fach Entrepreneurship einen Businessplan schreiben. Wir wollten etwas machen, das von unternehmerischer Seite funktioniert, aber auch einen echten Sinn hat. Wir kannten das Konzept vom CO2-neutralen Fliegen und haben uns gedacht, wir machen das fürs Autofahren möglich. Nachdem wir viel positives Feedback bekommen haben, haben wir uns gedacht, wir probieren es jetzt wirklich und haben ReGreen gegründet. Wir waren die Ersten in Österreich, die es ermöglicht haben, eine ganz genaue Kilometeranzahl zu kompensieren und deren Hauptprodukt es war, Autofahren zu kompensieren. Mittlerweile bieten wir mit unserer Seite mindfulflights auch Flugkompensation an.

Mittlerweile kompensiert All I Need seine gesamten Emissionen und Mitsubishi kompensiert für jeden verkauften Wagen eines SUV-Modells die ersten 50.000 Kilometer bei ReGreen. War es zu Beginn schwierig als junges Start-up Fuß zu fassen?

Wir befinden uns sicher immer noch in einer Phase, wo wir schärfen müssen, was unser Unternehmen ausmacht und was wir genau wollen. Aber es wird immer einfacher. Am Anfang ist es natürlich sehr herausfordernd. Es ist schwierig als junges Unternehmen Vertrauen zu bekommen, wenn man noch nichts vorweisen kann. Da ist es umso wertvoller, wenn man dann BusinesspartnerInnen begegnet, die einen für voll nehmen und einem ein Vorschuss-Vertrauen entgegenbringen.

Wie haben die Unternehmen auf euer Alter reagiert? Immerhin wart ihr bei der Gründung von ReGreen erst 18 Jahre alt.

Man erfährt schon viel Negatives zu Beginn. Wir hatten hunderte Termine und nur ein kleiner Teil davon entwickelte sich dann zu einer Partnerschaft. Wobei ich im Nachhinein sagen muss, dass ein gewisser Vorbehalt legitim war. Wir waren halt eine Gruppe ungestümer Jugendlicher, die viel vorhatte. Das muss man zuerst abklopfen, um dann als Businesspartner anerkannt zu werden.

Wann wusstet ihr, dass aus dem Schulprojekt mehr werden könnte?

Ich habe zum ersten Mal realisiert, dass wir etwas erreicht haben, als ich im Supermarkt die All I Need-Dose gesehen habe, die unser Logo trägt. Wenn man sein Unternehmen, an dem man dreieinhalb Jahre gearbeitet hat, plötzlich in der gewohnten Umgebung von Supermärkten liest, dann ist das einfach das geilste Gefühl.

Christoph Rebernig und Karim Abdel Baky gründeten 2015 das Wiener Start-up ReGreen. Es bietet Privaten wie Unternehmen an, ihren CO2-Ausstoß zu kompensieren.
(Foto: ReGreen GmbH)

Profitiert ihr von der „Flugscham“ oder trifft sie euch, weil euer Klientel gar nicht mehr, oder weniger fliegt?

Ich glaube, dass Flugscham in Relation zum internationalen Flugverkehrsaufkommen ein irrelevantes Phänomen ist. Das Handelsblatt hat kürzlich die aktuellen Passagierzahlen veröffentlicht und die sind in Mitteleuropa wahnsinnig gestiegen. Und noch was Interessantes: in einer mehr oder weniger repräsentativen Studie (Anm.: der Forschungsgruppe Wahlen) ist herausgekommen, dass Grün-Wähler die Leute sind, die am meisten fliegen. Die Leute, die in ihrem Wertekonstrukt den Klimaschutz am höchsten stellen, fliegen also am meisten.

Auch Firmen wie Atmosfair oder Myclimate bieten Emissionskompensation an. Was macht ReGreen bzw. mindfulflights besonders?

Wir sind mit unserer Flugkompensation, soweit ich weiß, die Einzigen, die ganz genau sagen, was mit dem Geld passiert. Wir sagen den Kunden, wie viel Quadratmeter Regenwald schon geschützt wurden und wie vielen Menschen in Indien saubere Energie statt Kohleenergie möglich gemacht wurde. Auf Instagram haben wir auch so einen Sticker, mit dem UserInnen zeigen können, dass sie CO2-neutral unterwegs sind. Das machen wir würde ich sagen gut und besser als Konkurrenzunternehmen. Außerdem achten wir darauf, welche Projekte wir genau unterstützen. Da gibt es andere Anbieter, die nicht so qualitative Projekte haben wie wir.

Wenn ich aus meinem Urlaub aus Thailand zurückkomme, wie kann ich meinen CO2-Rucksack bei euch relativieren?

Du gibst bei uns an, wie deine Flugroute war. Du sagst uns, wie viele Personen gereist sind und in welcher Buchungsklasse ihr geflogen seid. Und wir sagen dir dann, welcher CO2– Ausstoß damit verbunden ist. Das basiert auf den Daten der britischen Umweltbehörde. Und den Wert, den wir dir dann zeigen, den kannst du dann kompensieren. Wir unterstützen mit jeder Kompensation einen Mix aus unterschiedlichen Projekten. Die Projekte sparen genau die Menge an CO2 ein, die du ausgestoßen hast.

Mit dem Geld, das ich zahle, investiert ihr dann in klimafreundliche Projekte. Welche sind das genau? Wohin fließt das meiste Geld?

Wir unterstützen ein sehr cooles Projekt in Ruanda. Dort kochen die Menschen auf einem Drei-Steine-Feuer. Das ist eine sehr ineffiziente Methode, weil die Hitze in alle Richtungen entweicht. Was die Menschen dort durch dein Geld bekommen ist ein Tonkochofen. In dem ist die Hitze gebündelt. Um den gleichen Heizwert zu erreichen, braucht man also viel weniger Holz. Diese Methode spart Holz und verbraucht dadurch weniger CO2. Die Rauchbelastung in den Hütten sinkt und die Menschen müssen weniger Holz sammeln, was üblicherweise die Aufgabe von Frauen und Kindern ist. Es ist also auch ein soziales Projekt. Das größte Projekt, welches von uns unterstützt wird, ist ein Waldschutzprojekt in Peru. Für jede kompensierte Tonne CO2 werden 350 Quadratmeter Regenwald geschützt.

Achtet ihr bei der Aufforstung darauf, was genau unterstützt wird? Wenn ja, wie?

Wir hatten bis jetzt nur ein Aufforstungsprojekt. Für All I Need haben wir ein Projekt in Yucatán , Mexiko, unterstützt, wo Bäume gepflanzt wurden. Es war uns wichtig, keine Monokulturen zu pflanzen. Da wurden acht verschiedene heimische Arten gepflanzt. Das war auch kein Nutzwald sondern ein Wald, der sich selbst überlassen wird.

Wie kann ein Klimakompensations-Anbieter garantieren, dass er nachhaltig arbeitet? Woher wissen die KundInnen, wem sie vertrauen können?

Erstens müssen die Emissionen korrekt berechnet werden. Entweder wir erheben die Daten selbst oder wir verwenden vertrauenswürdige Datenbanken. Da halten wir uns an das GHG Protocol (Greenhouse Gas Protocol, dt. Treibhausgasprotokoll) und an den ISO 14064 Standard. Teilweise arbeiten wir mit dem Umweltbundesamt zusammen. Unsere Kompensationen legitimieren wir also über internationale Standards, aber auch unsere Projekte. Ein Projekt von uns wird zum Beispiel von der BOKU (Universität für Bodenkultur) überwacht. Wir haben Projekte, die sind direkt von den United Nations (UN) zertifiziert. Andere Projekte werden nach dem Gold Standard zertifiziert. Das ist eigentlich der höchste Standard und sieht auch zwingend eine öko-soziale Komponente in den Projekten vor.  Es gibt also kein einheitliches Zertifikat, auf das sich KundInnen verlassen können. Projekten, die von der UN, Universitäten oder dem Gold Standard zertifiziert werden, kann man aber jedenfalls vertrauen.

Abgesehen davon, dass ihr daraus ein Geschäftsmodell entwickelt habt – ist Emissionskompensation überhaupt die richtige Antwort auf die Klimakrise?

Ich glaube, dass Emissionskompensation ein Mittel ist. Ich denke, dass es neben einer strukturellen und langfristigen Verhaltensänderung in unserem Konsumverhalten eine Energiewende wie in Deutschland braucht. Wir benötigen ganz viel technologischen Fortschritt. Es gibt einige Tools, um das komplexeste Problem, das wir Menschen haben – die Klimakrise – zu lösen. Eines davon ist die Emissionskompensation. Im Idealfall sollten wir natürlich insgesamt weniger CO2 ausstoßen. Es wird aber vermutlich immer Technologien und Produkte geben, bei denen sich ein CO2-Einsatz nicht vermeiden lässt. Und wenn das der Fall ist, ist es immer besser zu kompensieren, als gar nichts zu tun. 

Werden Menschen durch Anbieter wie euch nicht dazu verleitet, ohne Schuldgefühle weiterzufliegen?

Wer keine Schuldgefühle beim Fliegen hat, der interessiert sich auch nicht für Kompensation. Nur die Leute, die Schuldgefühle haben, kompensieren. Die Autofahrer, die bei uns kompensieren, kompensieren deutlich weniger als die durchschnittliche ÖsterreicherIn an Kilometern zurücklegt. Wir glauben repräsentativ sagen zu können, dass also die Leute Emissionen kompensieren, die eh schon nachhaltiger leben und wenig autofahren. Leute, die mit einem X5 30.000 Kilometer im Jahr fahren, relativieren ihre Fahrt wahrscheinlich nicht. Abgesehen davon glaube ich, dass man in manchen Fällen fliegen muss. Wenn der Job es verlangt oder die Familie in Kanada wohnt, kann man es nur schwer vermeiden.

Flugpreise sind in den vergangenen Jahren drastisch gesunken. Stimmen, die eine CO2– oder Kerosinsteuer fordern, werden immer lauter. Wie seht ihr das?

Wenn man eine Ressource in einem Umfang verbraucht, dass sie für die Allgemeinheit nachhaltig geschädigt wird, dann muss man dafür aufkommen. Es kann nicht sein, dass multinationale Unternehmen Ressourcen wie gesundes Klima, saubere Luft und klares Wasser in einem Übermaß beanspruchen und dafür nicht aufkommen. Firmen sollten nicht nur den finanziellen Aspekt, sondern auch den ökologischen bedenken. Eine CO2-Steuer wäre ein legitimer Mechanismus.

Wenn so etwas wie eine Kerosinsteuer zum Einsatz kommt, wünschen wir uns, dass der Staat die Einnahmen in den Ausbau eines Bahnnetzes steckt. Das ist vor allem in Deutschland dringend notwendig. Wenn eine umweltschädliche Mobilitätsform verteuert wird, muss den Menschen die Möglichkeit gegeben werden zu leistbaren Preisen von A nach B zu kommen. Zugfahren ist oft teurer als Fliegen, obwohl es die umweltfreundlichere Variante ist. Das zu ändern, ist Aufgabe der Politik.

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