»Mutter« Natur?

Über die Möglichkeiten, die Queer Ecology eröffnet...

Ein Regenbogen über einer Landschaft mit Wiesen und Bäumen.
Bild: IStock.com/Rike

Wie queer ist die Natur? Eine ungewöhnliche Frage. Die Bezeichnung »queer« kennt man ja eigentlich nur im Zusammenhang mit Menschen, als Sammelbegriff für all jene, deren Geschlecht und/oder Sexualität von der Gesellschaft nicht als normal angesehen werden. Was hat eine so menschliche Kategorie also mit oft menschenfernen Ökosystemen zu tun? Was könnte normaler sein als Mutter Natur?
Doch wer im Leben zumindest eine Tiefseedoku gesehen hat, dürfte vermutlich wissen, dass unsere Umwelt um einiges komplexer, merkwürdiger – und ja! – abnormaler ist, als wir gemeinhin erwarten würden. Weibliche Seepferdchen legen ihre Eier in die Bauchtasche der Männchen, die diese dann austragen. Männliche Tiefsee-Anglerfische verbeißen sich zum Geschlechtsakt in die Haut der Weibchen und verkümmern zum Samenspendeorgan. Abseits der Meere können diverse Amphibien bei Bedarf ihr Geschlecht ändern. Und bei manchen Amöben lässt sich nicht einmal klar sagen, wo ein Individuum aufhört und das nächste beginnt.
Auf Basis solcher Erkenntnisse hinterfragt das interdisziplinäre Forschungsgebiet Queer Ecology, wie sehr unser Bild einer »normalen« Natur von unserem gesellschaftlichen Wertesystem beeinflusst wird. Rita Baumeister vom Naturschutzverein Alnus nennt als Beispiel das klassische Sexualsystem der Pflanzen, das Carl Linné im 18. Jahrhundert entwickelte: »Er ordnete Pflanzen anhand ihrer Fortpflanzungsorgane und beschrieb sie dabei mit Begriffen und Vorstellungen, die stark von den patriarchalen und gesellschaftlichen Normen seiner Zeit beeinflusst waren.« Solche historischen Sichtweisen würden teilweise bis heute prägen, wie wir über Natur sprechen und sie verstehen.
Die Ursprünge von Queer Ecology gehen zurück auf die Theorien von bekannten KulturwissenschaftlerInnen wie Michel Foucault, Judith Butler und Donna Haraway. Ab den späten Neunzigerjahren wurden dann zunehmend Gedanken aus dem Ökofeminismus mit der damals neuen Queer Theory verknüpft. Wo letztere Normen und binäre Systeme – wie Mann und Frau, hetero- und homosexuell – in der menschlichen Gesellschaft kritisch betrachtet, weitet Queer Ecology diese Fragestellung auf ganze Ökosysteme aus.

Literaturtipps

»Das Manifest für Gefährten: Wenn Spezies sich begegnen.« von Donna Haraway, Merve, 2016.
»Queer Ecologies: Sex, Nature, Politics, Desire« von Catriona Mortimer-Sandilands and Bruce Erickson, Indiana University Press, 2010.

Ein Aspekt davon ist, dass auch die scheinbar klare Grenzziehung zwischen Mensch und Tier, zwischen Kultur und Natur, brüchig wird. So sollten wir nach Haraway nichtmenschliche Lebewesen als »kin«, als – entfernte – Verwandte verstehen. Und sie überlegt, wie wir dann mit ihnen umgehen müssten. In welchen Gemeinschaften wir mit ihnen leben sollten.

Utopische Potenziale

Auf der einen Seite bietet Kunst einen Raum, um solchen Fragen nachzugehen, um mit neuen Möglichkeiten des Zusammenlebens zu experimentieren. Im Kunsthaus Wien ist noch bis 9. August eine Schau des Kollektivs The Institute of Queer Ecology zu sehen. Die internationalen Beiträge veranschaulichen, welch zerstörerische Folgen unser bisheriges, hierarchisches Verhältnis zur Natur hat. Und sie verdeutlichen, wie schön es sein kann, sich als Teil eines großen, komplexen und oft idiosynkratischen Organismussystems zu verstehen.

Anlaufstellen

The Institute of Queer Ecology
queerecology.org
ALNUS e.V.
alnus-eberswalde.de

Doch auf der anderen Seite braucht es neben einer Perspektivenverschiebung auch praktisches Handeln. Denn sich als Teil einer Gemeinschaft mit seiner Umwelt zu verstehen, bedeutet auch, Verantwortung für das eigene Handeln, für die Konsequenzen der eigenen Lebensweise, für die eigene privilegierte Position im Netzwerk der Natur zu übernehmen. Und es bedeutet, als Teil dieser Gemeinschaft tätig zu werden, sich auch um seine nichtmenschlichen Verwandten zu kümmern, wie es beispielsweise der Verein Alnus vorlebt, der unter seinen Naturschutzveranstaltungen regelmäßig auch solche mit theoretischem Input integriert – so etwa bei der »Queeren Wiesenmahd«. Hierbei wird die Wiese Moore Pumpe im Naturschutzgebiet Eberswalde (Landkreis Barnim, Brandenburg) gepflegt, um den Erhalt von Orchideen und Feuerfaltern im dortigen Ökosystem zu sichern. Queer werde die Wiesenmahd dabei auf zwei Ebenen, wie Rita Baumeister, die das Event mitorganisiert hat, erklärt: »Zum einen schaffen wir bewusst einen Raum für queere Menschen, in dem sie gemeinsam aktiv sein, sich austauschen und vernetzen können. Zum anderen verbinden wir die praktische Naturschutzarbeit mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung über das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Vielfalt.« Im Idealfall wird so der queere Begriff der /Chosen Family/, der Wahlfamilie, ausgeweitet und umfasst vielleicht nicht nur den engsten FreundInnenkreis, sondern auch all jene Organismen, mit denen man sich seinen Lebensraum tagtäglich teilt.


Die Ausstellung »The Institute of Queer Ecology – I Wish We Had More Time« war bis 9. August im Kunsthaus Wien zu sehen.

BIORAMA Wien–Berlin #6

Dieser Artikel ist im BIORAMA Wien–Berlin #6 erschienen

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