»Mit den Bauern scherzt man nicht«

Wogegen demonstrieren Bäuerinnen und Bauern am 1...

Erwartet werden nicht nur PS-starke Traktoren, sondern auch protestierende Bauernfamilien mit Kindern. (Bild: Ernst Tschida)
Im Vorfeld haben die OrganisatorInnen der Demo einen Transparentwettbewerb ausgerufen – und verlosen kistenweise Biobier. (Bild: Ernst Tschida)

Ja, es gebe politische Vereinnahmungsversuche – »und das von sämtlichen Parteien und Organisationen«, sagt Sebastian Bauer, einer der Organisatoren der für den 1. April am Wiener Ring geplanten Protestaktion österreichischer Bäuerinnen und Bauern. Dagegen wehre sich das Organisationsteam mit aller Vehemenz. Es handle sich um keine »False-Flag-Aktion des Bauernbundes« der ÖVP.
Bauer ist Landwirt im Burgenland und unter dem Namen »Bauaranger« auch als Farmfluencer aktiv. Im E-Mail-Interview mit BIORAMA erklärt er, wogegen sich die Demo richtet – und warum die Forderungen bewusst breit gehalten sind. Mitunter antwortet er ausweichend, lässt sich nicht festnageln. Als konkretes Ziel nennt Bauer eine »lückenlose Herkunftskennzeichnung« in der Gastronomie. Zudem hofft er auf mehr Verständnis und Unterstützung seitens der KonsumentInnen.

BIORAMA: Für 1. April wurde auf dem Wiener Stubenring ein Aufgebot an Traktoren angekündigt – ein Protestzug vom Ministerium bis zum Parlament unter dem Motto »Mit den Bauern scherzt man nicht!«. Wogegen wird denn konkret protestiert?
Sebastian Bauer: Einerseits für eine rasche Umsetzung der lückenlosen Herkunftskennzeichnung, andererseits für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, welche kostendeckend und planbar sein soll und vor allem für einen Bürokratieabbau in der Landwirtschaft, welche uns Landwirte bei unseren Hauptaufgaben, der wirklichen Produktion der Lebensmittel, aktuell behindert.

Die Demo versteht sich als »Aufschrei der Basis, dass es so nicht weitergehen kann«. Wogegen wird aufgeschrien?
Gegen die aktuelle Situation, der sich Landwirte tagtäglich aussetzen müssen. Dass dieser leise Unmut, der an den Bauern nagt, an die breite Masse getragen wird. Dass Missstände aufgezeigt werden und wir uns endlich Gehör aller Stakeholder verschaffen.


Aufruf zur Mäßigung in der WhatsApp-Gruppe der OrganisatorInnen: »Wir Bauern sind keine Radikalen!« (Bild: BIORAMA/Screenshot aus der WhatsApp-Gruppe)

Wie würdest du die Demo politisch einordnen – ist das ein parteipolitischer Protest oder bewusst darüber hinaus gedacht?
Dieser geht weit über Parteipolitik hinaus. Der ganze Sinn dieser Veranstaltung ist, dass jeder Mensch, ganz gleich welcher politischen Ausrichtung, Herkunft etc., welcher sich mit diesen Forderungen und Werten identifiziert, herzlich eingeladen ist, hier teilzunehmen und mitzuwirken, um genau diesen – durchaus sehr allgemein gehaltenen Forderungen – Gehör und Kraft zu verleihen.

Wie kam es, dass du zum Sprecher dieser Demo wurdest?
Durch mein Engagement als Influencer fällt mir die Kommunikation sehr leicht und deswegen war dann schnell klar, dass mir diese Aufgabe zugeteilt wird.

Wer steckt hinter dem »Bündnis Zukunft Landwirtschaft«, das die Demo organisiert? Bündnis Zukunft lässt einen an die verkümmerte FPÖ-Abspaltung BZÖ denken …
Hier stecken ganz einfach betroffene Landwirtinnen und Landwirte dahinter. Franz-Peter Bresich, Ernst Tschida und meine Wenigkeit vorne an, aber dahinter eine Breite an Landwirten, die durch Betroffenheit der Probleme einen Schulterschluss für den Kampf der gemeinsamen Sache formiert haben. Natürlich kann man hier wildeste Spekulationen anstellen, welche allerdings fernab der Realität sind und der Sache nicht dienen würden.

Es wird beteuert, die Demo sei »auf keinen Fall eine Bauernbund-Geschichte«. Weil einige der Masterminds auch regionale Bauernbundfunktionäre und ÖVP-Agrarpolitiker sind, wie der burgenländische Landwirt Ernst Tschida, wird diskutiert, ob da nicht eine Teilorganisation der ÖVP gegen ihre eigene Regierung protestiert …
Bei diesem Protest geht es um die Sache! Hier ist egal, welche politische Ausrichtung oder welche Zugehörigkeit von Organisationen man hat. Hier wird für Forderungen gekämpft, die uns einen. Jeder hat einen Background, und natürlich vermuten viele eine False-Flag-Aktion des Bauernbundes, welche dieser Protest jedoch nicht ist und nie sein wird.

Auch von der Bio Austria soll es dem Vernehmen nach ein Solidaritätsstatement geben. Wer unterstützt denn den Protest aller?
Unterstützung gibt es von sehr vielen Seiten. Ich kann mich nur wiederholen. Jeder, der sich hiermit identifiziert, ist herzlich willkommen.

Hinter den Bauerndemos der vergangenen Jahre beziehungsweise hinter den Versuchen, solche zu mobilisieren, steckte meist mehr oder weniger explizit die FPÖ oder die FPÖ- nahe AGÖ (Agrargemeinschaft Österreich). Gibt es Versuche, den Protest zu vereinnahmen?
Natürlich, und das von sämtlichen Parteien und Organisationen. Doch das Novum dieses Protests ist, dass wir diese Veranstaltung nicht aus der Bauernhand geben werden. Diese Aktion wurde und wird sich auch in Zukunft niemand auf die Fahne schreiben können. Sie geht von einer gemeinsamen Basis und Werten aus, die Druck auf die politischen Akteure ausüben soll, um diesen Forderungen und Missständen Gehör zu verschaffen. Und genau das ist auch unsere Stärke.

Wo ziehst du persönlich Grenzen – welche Positionen oder Gruppen haben bei diesem Protest nichts verloren?
Jegliche verfassungsfeindlichen Akteure oder Haltungen sowie strafrechtlich relevante Handlungen werden nicht toleriert und haben hier keinen Platz.

Wie stellst du sicher, dass der Protest nicht von extremen Positionen dominiert wird?
Bei großen Demonstrationen ist es naturgemäß herausfordernd, jeden einzelnen Aspekt vollständig zu überblicken. In allen Bereichen, auf die wir direkten Einfluss haben – etwa bei der Auswahl von Sprecherinnen und Sprechern sowie in der Organisation – achten wir konsequent darauf, dass diese unseren Werten entsprechen und frei von extremen Positionen sind. Darüber hinaus distanzieren wir uns klar von jeglichen Haltungen oder Handlungen, die nicht mit unseren Grundsätzen vereinbar sind, und würden in solchen Fällen umgehend entsprechend reagieren.

Auf den Bauerndemos in Deutschland gab es in den Vorjahren vereinzelt auch ziemlich unschöne Transparente und Galgen. Lassen sich solche Grenzüberschreitungen in einer lose organisierten Protestveranstaltung verhindern?
Bei groß organisierten Protestveranstaltungen lässt sich leider nicht jede einzelne Grenzüberschreitung vollständig verhindern. Umso wichtiger ist eine klare Haltung im Vorfeld und während der Veranstaltung. Unsere Position ist hier eindeutig: Der Unmut mag groß sein, doch Darstellungen wie Galgen oder ähnliche Grenzüberschreitungen haben in einer sachlichen politischen Debatte keinen Platz und können dieser sogar schaden. Wir distanzieren uns klar davon.

Konkrete Forderung der Demonstrierenden wird eine »lückenlose Herkunftskennzeichnung der Lebensmittel für die Gastronomie« sein, »vom Feld bis zum Teller«. Woran scheitert denn eine solche bislang?
Aus unserer Sicht hauptsächlich am Wirtschaftsministerium und der politischen Vertretung der Gastronomie, jedoch spielen hier auch das Sozial- und vor allem das Landwirtschaftsministerium eine große Rolle.

Symbolbild zur Demo, das in WhatsApp-Gruppen kursiert. (Bild: Harbich ChatGPT)
Symbolbild zur Demo, das in Whatsapp-Gruppen kursiert. (Bild: Harbich ChatGPT).

Gefordert werden auch »Perspektiven für junge LandwirtInnen«. Das bleibt sehr schwammig. Wenn du drei konkrete Maßnahmen nennen müsstest, die sich kurzfristig ändern sollten – welche wären das?
Es muss klar sein, dass die Forderungen bewusst allgemein und breit gehalten wurden. Aus dem alleinigen Grund, dass sich damit viele Menschen identifizieren können. Denn je breiter die Bewegung, desto mehr Druck und hoffentlich letztendlich Ergebnisse.
Es ist nicht unsere Aufgabe als Landwirtinnen und Landwirte, die Lösungen parat zu haben. Das ist der Job der Politiker. Wir können auf Missstände hinweisen, lösen müssen sie andere. Landwirtschaftliche Betriebe leisten bereits enorm viel – sie produzieren Lebensmittel, erfüllen Dokumentationspflichten und bewältigen zahlreiche Auflagen. Es kann nicht erwartet werden, dass sie zusätzlich auch sämtliche strukturellen Probleme eigenständig lösen.

Was würde sich für dich ganz konkret ändern, wenn eine lückenlose Herkunftskennzeichnung kommt?
Ich verspreche mir dadurch ein Umdenken der KonsumentInnen und eine wachsende Wertschätzung österreichischer Produkte. Dies hilft der Wertschöpfung im Lande, der Glaubwürdigkeit unserer Gastronomie und letztendlich auch der heimischen Landwirtschaft.

Welche politischen Entscheidungen der letzten Jahre siehst du als besonders problematisch für euren Betrieb?
Viele Maßnahmen im ÖPUL (österreichisches Agrarumweltprogramm, Anm.) werden von den Betroffenen als praxisfern wahrgenommen und tragen mitunter die Handschrift von Regelungen, die ohne ausreichende Einbindung landwirtschaftlicher Expertise entstanden sind. Eine stärkere Einbindung der Praxis und der tatsächlich Betroffenen wäre hier ein wichtiger Schritt.

Was hat dich persönlich dazu bewogen, dich hier so exponiert zu engagieren?
Weil meine Zukunft davon abhängt und ich zunehmend das Gefühl habe, meine Leidenschaft bald nicht mehr als Beruf ausleben zu können.

Wo erlebst du in eurem Betrieb konkret Druck oder Fehlentwicklungen?
In unserem Fall bei der Bewässerung, da sich der Betrieb im Seewinkel befindet. Aber ich glaube, ich spreche für alle, wenn ich sage, dass es nicht sein kann, dass Landwirtinnen und Landwirte allein mit den Erzeugerpreisen nicht mehr überleben können und von einem Ausgleichszahlungssystem abhängig sind, welches willkürlich alle paar Jahre komplett unterschiedlich aussieht.

Was hat sich in den vergangenen 5 Jahren für dich als Landwirt spürbar verschlechtert – und was vielleicht auch verbessert?
Verschlechtert – die Hoffnung und Zuversicht innerhalb der Landwirtschaft. Verbessert – die Kommunikation der Probleme aber auch die Öffentlichkeitsarbeit der Landwirtschaft gegenüber den Konsumenten.

Welche Rolle spielt Bio in dieser Bewegung – geht es hier um die gesamte Landwirtschaft oder auch um eine spezifische Richtung?
Am Ende des Tages sind wir alle Landwirte – egal ob Bio oder konventionell. Und wir konzentrieren uns auf das, was uns eint.

Wo siehst du Spannungen zwischen Biolandwirtschaft und konventionellen Betrieben in solchen Protesten?
Nirgends.

Ist mehr Bio Teil der Lösung – oder sehen viele Betriebe darin eher zusätzliche Belastung?
Es geht hier nicht um Bio oder konventionell. Diese genannten Probleme haben alle.

Du bist als »Bauaranger« auch auf Social Media aktiv: Welche Rolle spielen Plattformen wie Instagram oder TikTok für die Mobilisierung?
Eine sehr große. Natürlich darf man klassische Medien wie Fernsehen oder Zeitung nicht außer Acht lassen. Jedoch erreicht man die Leute heutzutage schnell und kostengünstig via Social Media am besten.

Erreichst du dort Menschen außerhalb der Landwirtschaft – und wie reagieren diese auf den Protest?
Bis jetzt eher verhalten. Es sind leider noch zu wenig KonsumentInnen drauf aufmerksam geworden. Wenn wir aber diesen letzten Schritt noch erreichen und Konsumenten Seite an Seite mit Landwirten auf die Straße gehen, dann ist das ein unheimlicher Erfolg.

Hat sich dein Ton oder deine Positionierung durch die öffentliche Rolle verändert?
Nein. Ich verstell mich nicht und bin in meinen Videos und sonstigen öffentlichen Auftritten genauso wie privat.

Wann wäre die Demo aus deiner Sicht ein Erfolg?
Wenn eine Herkunftskennzeichnung umgesetzt wird und die KonsumentInnen auch endlich ein Bewusstsein entwickeln, was es bedeutet, zu österreichischen Produkten zu greifen.

Was passiert, wenn die Politik nicht reagiert und man mit den Bauern doch »scherzt«? Was wäre der nächste Schritt?
Das wird man dann sehen. Eines ist jedoch fix, wir lassen nicht nach – der Druck bleibt konstant. Wie sich dieser Druck dann auswirken wird in Zukunft, entscheidet in Wahrheit die Politik. Sie entscheidet, ob wir wiederkommen müssen oder nicht.

Startpunkt und Route:
Die Demonstration starten am 1. April um 13 Uhr am Stubenring 1 (1010) – und zieht zum Parlament.

Offenlegung: BIORAMA ist stets bestrebt, geschlechtergerecht und inklusiv zu formulieren. Grundsätzlich werden auch Interviewantworten im Zuge der sprachlichen Überarbeitung und Kürzung vor Veröffentlichung gegendert.

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