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Küchenkollektiv: Wenn politische Arbeit Nahrung braucht

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Ulrich Pohanka, 23, möchte dass politischem Widerstand nicht die Kraft ausgeht. Deshalb sorgt er mit seinem Küchenkollektiv für die nötige Grundlage: das Essen. (Foto: Achorner/ BIORAMA)

Essen ist für Ulrich Pohanka ein Politikum. Sein Widerstand beginnt mit dem Kochlöffel. Der Niederösterreicher gründete ein Küchenkollektiv und versorgt damit europaweit Aktivisten mit Eiweiß und Kohlenhydraten.

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Vor einem halben Jahr wurde das Küchenkollektiv minimal.is.muss gegründet – was ist das genau?
Ulrich Pohanka: Wir sind eine solidarische Mitmach- und Aktionsküche. Das heißt, wir fahren mit unserem Kochequipment zu politischen Veranstaltungen, wie Demonstrationen oder Aktionscamps, und bekochen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir entscheiden uns gemeinsam wofür, für wen und wie wir kochen. Unser Spektrum reicht von einem kalten Buffet für zehn Leute bis zu einer Tagesverpflegung für Hunderte von Leuten. Im Oktober 2016 haben wir beispielsweise zusammen mit anderen Kochkollektiven in Rumänien beim Forum für Ernährungssouveränität für über 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gekocht: Frühstück, Mittag- und Abendessen.

Wie werden die Gerichte für derartig viele Menschen geplant?
Ulrich Pohanka
: Es ist wichtig, ungefähr zu wissen, wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einer Demonstration oder einem anderen Event anwesend sind. Unsere Erfahrungswerte sind, dass jede und jeder im Durchschnitt einen Kilo Lebensmittel pro Tag isst. Dabei teilen wir eine Mahlzeit in vier Komponenten ein. Eine Gemüsekomponente, eine Sattmacherkomponente – das sind Kohlenhydrate – und eine StarkmacherInnenkomponente, also Lebensmittel mit vielen Proteinen, wie beispielsweise Hülsenfrüchte und Nüsse. Dazu gibt es Salat oder etwas anderes Grünes. Diese Komponenten rechnen wir dann hoch auf die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Dass wir etwas wegschmeißen müssen, ist eher selten. Aus dem Essen werden großteils Saucen und Aufstriche gemacht. Was und wie aufwändig wir aber schlussendlich kochen, ist davon abhängig, wie viele beim Kochen mithelfen können.

Wie viele Köche engagieren sich für minimal.is.muss?
Ulrich Pohanka
: Zurzeit sind wir zwei Hauptverantwortliche und zirka zehn bis fünfzehn Leute, die regelmäßig mitkochen. Während unserer Veranstaltungen in den letzten sechs Monaten haben rund hundert Menschen bei den verschiedenen Aktionen mitgeholfen. Das Mithelfen erstreckt sich von Gemüse schneiden über Abwasch bis zum Organisieren von Lebensmitteln.

Die Essensausgabe des Küchenkollektivs beim Forum für Ernährungssouveränität in Rumänien im Oktober 2016 (Foto: minimal.is.muss)

Woher bezieht minimal.is.muss die verkochten Lebensmittel?
Ulrich Pohanka
: Wir verwerten überschüssige Lebensmittel, bevor diese im Müll landen oder sonst weggeworfen werden. Beispielsweise gehen wir kurz vor dem Abbau der Stände durch Märkte in Wien und fragen, ob es Lebensmittel gibt, die nicht mehr verkäuflich sind. Gelegentlich ernten wir auch im Wiener Stadtgebiet. Es ist bemerkenswert, wie viel Obst und Früchte in der Stadt verloren gehen und ungenutzt bleiben. Zum Beispiel haben wir im Herbst am Wiener Karlsplatz Haselnüsse gesammelt. Durch die Verwertung von Überschusswaren halten wir unsere Kosten gering.

Wie werden die restlichen Lebensmittel beschafft?
Ulrich Pohanka
: Der zweite Teil unserer Lebensmittel stammt aus dem Direktbezug von regionalen und biologisch wirtschaftenden Betrieben, die kleinstrukturiert arbeiten. Wir kaufen auch Gewürze und Sonnenblumenkerne über Food Coops. Uns ist wichtig, dass wir die Waren nicht von einem Agrar-Großbetrieb beziehen. Auch der Supermarkt ist für uns nur eine Notlösung, da die Auswahl schlecht und die Produkte sehr teuer sind. Prinzipiell finanzieren wir das Kochen durch Spenden bei den Events und gelegentlich durch die Budgets der Veranstalter. Alles was über Kostendeckung hinausgeht, wird zurück in die Küche investiert oder an andere Projekte gespendet. Privatpersonen verdienen nichts mit dem Küchenkollektiv.

Wenn dahinter kein Geschäftsmodell steckt, mit welcher Intention wurde dann minimal.is.muss gegründet?
Ulrich Pohanka
: Für viele Menschen ist es schwierig sich zusätzlich zur Organisation einer Aktion um das Essen zu kümmern, gerade wenn es um Hunderte Portionen geht und das Budget knapp ist. Deshalb bleibt oft das wichtigste auf der Strecke: das Essen. Wir unterstützen Demonstrationen auf die sinnvollste Art und Weise, indem wir für gutes und pünktliches Essen sorgen. Essen ist Grundlage für jede politische oder aktionistische Arbeit.

Das Küchenkollektiv hat auch beim österreichischen Klima-Camp der Organisation „System Change, not Climate Change“ in in Enzersdorf an der Fischa im Herbst 2016 gekocht (Foto: minimal.is.muss)

Wie ist das Interesse an Gemeinschaftsküchen entstanden?
Ulrich Pohanka
: Gemeinsam mit einem befreundeten Aktivisten vom Kochkollektiv Liechtenstein bin ich 2013 zur Demonstration gegen die neue Zentrale der Europäischen Zentralbank nach Frankfurt gefahren. Als ich damals gesehen habe, wie in Zelten und mit einfachsten Mitteln tausende Portionen zubereitet wurden, habe ich gesehen, wie verhältnismäßig einfach es ist für so viele Menschen zu kochen. Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Ich habe dann drei Jahre in England Umwelt und Nachhaltigkeit studiert. Bereits neben dem Studium habe ich bei anderen Kollektivküchen angedockt. So war ich auf dem Energiewendefestival in der Schweiz, bei der „Wir haben es satt“-Demo in Berlin und im Flüchtlingslager Traiskirchen sowie in Paris bei den den Demonstrationen rund um den Klimagipfel 2015 dabei. Nach meinem Abschluss habe ich mit meinem Ersparten 1.000 Edelstahlteller gekauft. So war klar: ich werde in Wien ein Küchen-Kollektiv gründen.

Es wird ausschließlich vegan gekocht – was sind die Gründe?
Ulrich Pohanka
: Jeder kann vegane Gericht essen, egal, ob er oder sie sonst auch Fleisch oder Käse isst. Es ist einfacher nur vegane Lebensmittel aufzubewahren, da dafür beispielsweise keine Kühlkette benötigt wird. Die Auflagen sind zudem geringer und wir benötigen weniger Equipment. Auch ist der Anbau von heimischen pflanzlichen Lebensmitteln ressourcenschonender und braucht weniger Landfläche als tierische Produkte. Schlussendlich wollen wir den Menschen zeigen, dass es nicht immer Fleisch sein muss.

Wie soll sich minimal.is.muss in den nächsten Jahren entwickeln?
Ulrich Pohanka
: Mein Traum ist eine Hausgemeinschaft, in der die Kerngruppe der Küche gemeinschaftlich wohnt. In unserem „Headquarter“ können wir Kochequipment lagern und in einem Garten unsere eigenen Lebensmittel anbauen. Finanziert würde dies durch Gruppen, die gegen einen Beitrag nach Selbsteinschätzung mit Räumlichkeiten und Essen versorgt werden. So können wir uns auf das „Hosten“ und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich auf das konzentrieren was sie gut können: ihre politische Arbeit.


Weiterlesen? An dieser Stelle hat sich BIORAMA mit der „Poesie der Lebensmittelverschwendung“ beschäftigt. 2011 haben wir den Koch-Aktivisten Wam Kat interviewt. Wer minimal.is.muss helfen will kann dies auf zweierlei Art tun. Einerseits findet sich unter diesem Link eine Wunschliste für dringend benötigtes Koch-Equipment. Andererseits könne prinzipiell jeder bei dem Küchenkollektiv mitmachen. Minimal.is.muss kann unter minimal.is.muss@riseup.net erreicht werden, im Online-Kalender finden sich die nächsten Termine des Kollektivs.

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