So könnten die Küchen der Zukunft aussehen

Bild: Team7 Küchen

Bild: Team7 Küchen

Wir haben den Ernährungssoziologen Daniel Kofahl gefragt, wie es 2025 in unseren Küchen aussehen wird.

BIORAMA: Moderne Küchen sind viel offener gestaltet als z.B. Küchen aus den 50er und 60er Jahren. Das hat viel mit gesellschaftlichem Wandel zu tun. Wie sieht die typische Küche im Jahr 2025 aus?

Kofahl: Meiner Einschätzung nach wird es drei größere Entwicklungen geben. Einerseits wird es die Küche geben, die als Statusmerkmal herzeigbar ist und die unterschiedlichsten Apparate und Features beherbergen wird. Andererseits wird es in vielen Haushalten auch eine Art Funktionsküche geben. Entweder aufgrund des Haushaltsbudgets oder auch weil Kochen als lästige Sisyphusaufgabe empfunden wird. Und eine dritte Entwicklung könnte der komplette Verzicht auf eine Küche in der eigenen Wohnung sein, da essen völlig an die Außer-Haus-Verpflegung und in den öffentlichen Raum ausgelagert wird, was z.B. für Single- oder Double-Income-No-Kids-Haushalte eine praktikable und kostensparende Vision ist.

Werden sich Trends wie Curated Food auf die Einrichtung der Küche auswirken?

Auch wenn Selberkochen als Ideal gepriesen wird: In einer arbeitsteiligen und funktional immer ausdifferenzierteren Gesellschaft wird das Zubereiten von Speisen im Alltag noch mehr als heute Aufgabe von Spezialisten sein. Das heißt, es wird sicherlich mehr geliefert, aber auch mehr im öffentlichen Raum verzehrt. Wenn dann selber gekocht wird, dann werden die ambitionierten Hobbyköche sich immer mehr informieren und dafür geeignete Angebote nutzen.

Wie schlägt sich die Zuwanderung auf die Koch- und Essgewohnheiten hierzulande nieder? Sind irgendwelche aktuellen Trends zu beobachten?

Zuwanderung verändert stets die Esskultur. In den Ländern des globalen Nordens wird es immer mehr Einflüsse aus Ländern des globalen Südens, vor allem aus Afrika und den muslimischen Esskulturen, geben. Das betrifft übrigens auch Fragen der Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen. Zum anderen wird es, sofern hier nicht zu Tode reguliert wird, ein zunehmendes Street-Food-Angebot geben, denn die Gastronomie ist ein typisches Einstiegsfeld für viele Migranten in den ersten Arbeitsmarkt.

Wir hätten lieber einen Kühlschrank, der sich selbst putzt, als einen, der selbst einkauft. Was meinen Sie: wird sich die Küche als Ort vernetzter Technologien im Internet der Dinge durchsetzen?

Der sich selbst reinigende Kühlschrank wäre auf jeden Fall ein unglaublicher Fortschritt! Denn im Gegensatz zum Einkaufen und Kochen sind die hedonistischen und individualisierenden Effekte des Putzens doch sehr überschaubar. Dennoch: auch andere Technologien werden den kulinarischen Alltag ergänzen und erleichtern. Warum nicht bestimmte Beobachtungsaufgaben an die Technik auslagern? Man muss ja nicht gleich in eine Technikhörigkeit verfallen. Wenn der Herd ans Smartphone die Information sendet, dass das Gemüse nun fertig gedünstet ist, kann man überprüfen, ob das stimmt, oder ob man noch etwas Finetuning betreiben will. Die Technologie kann das wiederum registrieren und verarbeiten. So bringen sich Technik und Mensch gegenseitig neue Dinge bei und wachsen aneinander.

Daniel Kofahl 2015_neu

Bild: Daniel Kofahl

Maggi ist es mit Tütensuppen gelungen, die Hoheit über die Töpfe zu erobern. Weber Grill hat Jahrzehnte später die Terrassen erobert. Beide Unternehmen haben damit den kulinarischen Zeitgeist ziemlich gut getroffen. Wenn Sie einen Trend der nächsten Jahre zu Geld machen wollten, auf was würden sie setzen?

Ich setze auf jeden Fall auf etwas, das Gesundheit mit Genuss verbindet und den Konsumenten das Gefühl gibt, etwas zur Entstehung des fertigen Essens beizutragen. Denn das sind die beiden Megathemen moderner Ernährung, kombiniert mit dem Anspruch des individuellen Menschen, sich in seinem Essen sowohl auszudrücken als auch wiederzufinden.

Veganismus ist immer beliebter, ob aus gesundheitlichen Gründen, aus ökologischer oder ethischer Überzeugung. Ist das ein Trend, der bleiben und unsere Küche(n) verändern wird?

Es stimmt, dass in einigen Ländern des globalen Nordens einen Veganismus-Trend gibt. Wie hoch der Anteil der Veganer aber wirklich ist, weiß niemand. Es scheint sich oftmals eher um Lippenbekenntnisse als um tatsächlich verändertes Essverhalten zu handeln. Der Veganer-Anteil liegt wohl zum Beispiel bei 1–2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland und darunter sind viele Frauen, die auch schon früher eine Kost präferiert haben, die arm an tierischen Produkten gewesen ist. Was früher eher als nicht beachtenswert galt, ist nun hip und im Trend. Sicher, es werden mehr vegetarische oder vegane Produkte verkauft, aber der Fleischkonsum ist weiter auf hohem Niveau und die Fleischproduktion erreicht z.B. in Deutschland neue Spitzenwerte. Dazu passt, dass es nicht nur einen Veggie-, sondern auch einen Beef-Trend gibt. Global gesehen – und wir leben nun mal in einer globalisierten Weltgesellschaft – steigt der Fleischkonsum weiterhin an. Da gibt es keine »Veggie-Wende«.

Ich gehe davon aus, dass sich der Konflikt zwischen Verfechtern einer Ernährung, die arm an tierischen Produkten ist und solchen Essern, die eine karnivore Kost bevorzugen, noch weiter zuspitzen wird. Starke tierethische aber auch ökologische Argumente unterstützen auf jeden Fall die Veganer bzw. Vegetarierseite, aber auch hier gilt es zu differenzieren. Gelegenticher Fleischkonsum aus artgerechter Tierhaltung ist nicht dasselbe wie jeden Tag Fleisch aus Massentierhaltung zu essen, und auch Insekten oder Fisch zu essen ist nicht das Gleiche wie Schweine oder Rinder zu verzehren. Die Diskussion birgt noch viel komplexen Diskussionsstoff.

Entscheiden wir überhaupt wirklich selbst, was wir als lecker empfinden, oder nimmt uns das die Nahrungsmittelindustrie längst ab?

Sicher, die Kommunikationsmacht der Nahrungsmittelindustrie hat Einfluss darauf, was als wohlschmeckend angepriesen wird. Doch auch weiterhin sind Individuen keine ferngesteuerten Ess-Zombies. Nicht nur, dass die Industrie sich selbst nicht immer einig ist und unterschiedliche Angebote anpreist, sondern sich ja auch noch andere Akteure an der Debatte beteiligen. Das Ernährungswissen wird auch weiter zunehmen. Das heißt nicht, dass damit klarer ist, was richtig und was falsch ist, aber die Reflexions- und Kritikfähigkeit steigt an und damit die Möglichkeit, neue Abweichungen vom Mainstream zu erzeugen. Bis 2025 werden wir noch so manche unerwartete kulinarische Entwicklung erleben. Wie immer stellen sich dann viele als Sackgassen heraus, doch einige werden auch neue Geschmackswelten hervorbringen. Es wird noch einiges entdeckt werden!

Daniel Kofahl ist Ernährungssoziologe und arbeitet zu den Themen Ernährungsethnologie, Ernährungskultur, Agrarsoziologie / Agrar- und Ernährungspolitik, Gastrosophie und Kulinaristik. Man kann ihm bei Twitter folgen. 

VERWANDTE ARTIKEL