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Invasive Arten: Eine Begleiterscheinung der Globalisierung

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Ursprünglich 300 Grauhörnchen wurden um 1889 in England ausgesetzt, heute hat sich die Stückzahl auf mehrere Millionen Tiere vervielfacht. Dadurch macht das Grauhörnchen dem Eichhörnchen Lebensraum streitig. In Österreich ist das Tier nicht heimisch (Foto: Tim M. Blackburn/University College London)

Klein und unscheinbar sind viele Tier- und Pflanzenarten, die vom Menschen in fremde Gebiete eingebracht wurden. Doch ihre Auswirkungen auf die Umwelt können fatal sein. Franz Essl von der Universität Wien untersucht, wie sich invasive Arten ausbreiten.

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Das Drüsige Springkraut, der Riesen-Bärenklau oder die Spanische Wegschnecke – zahlreiche Tiere und Pflanzen wurden durch den Menschen in neue Regionen verschleppt und sind dort heimisch geworden. Diese, auch Neobiota genannten, Lebewesen sind für große Schäden an der Umwelt und in der Landwirtschaft verantwortlich. Die Europäische Komission beziffert den Schaden, der durch Neobiota in der Europäischen Union verursachen, auf zwölf Milliarden Euro. An der Universität Wien forscht Franz Essl zu invasiven Arten. Er versucht nachzuvollziehen, warum und wie sich invasive Arten ausbreiten.

BIORAMA: Welche Rolle spielen diese invasiven Arten in Österreich?

Franz Essl: Die Verbringung von Pflanzen und Tieren ist ein wichtiger Faktor dessen geworden, was wir als biologische Globalisierung bezeichnen. Angetrieben vom Handel und den Reisetätigkeiten der Menschen haben sich die Distanzen für Tiere und Pflanzen verkleinert. Auch in Österreich hat die Zahl der Neobiota seit dem Zweiten Weltkrieg enorm zugenommen. Grundsätzlich haben wir in Europa und Österreich geringe Barrieren für die Ausbreitung von Lebewesen. Eurasien ist die größte Landmasse der Erde.

Wie bewerten Sie die Gefahr für die österreichische Biodiversität, die von invasiven Arten ausgeht?

Franz Essl: In den letzten Jahren sind invasive Arten, wie der Asiatische Marienkäfer oder der Buchsbaumzünsler aufgrund ihrer negativen Auswirkungen auf ihre Umwelt aufgefallen. Österreichweit gibt es mittlerweile 1.200 nicht heimische Pflanzenarten und 600 solche Tierarten. Nicht heimische Arten sind nicht gut oder schlecht, sie müssen auf den Einzelfall beurteilt werden. Es geht darum, ob die Arten Lebensräume verändern oder für die Landwirtschaft schädlich sind. Ein älteres Beispiel ist die Krebspest, die um 1860 mit nordamerikanischen Flusskrebsen eingeschleppt wurde. Da die heimischen Krebsarten keine Resistenzen hatten, hat das zum flächendeckenden Aussterben der heimischen Krebsarten beigetragen. Klassischen Gefährdungsursachen für die Natur, wie die Veränderung und Zerstörung naturnaher Lebensräume sind in Österreich jedoch definitiv gravierender als die Auswirkungen von Neobiota. Auf Inseln und in anderen abgeschlossenen Systemen sind invasive Arten aber ein massives Naturschutzproblem.

Ursprünglich wurde der Asiatische Marienkäfer als Schädlingskontrolle in Glashäusern eingesetzt, heute gilt er in Österreich als Gefahr für andere verwandten Marienkäferarten und Fliegen- und Fliegenlarven (Foto: shutterstock/jps)

In ihrer Forschung haben Sie den Zusammenhang zwischen der Ausweitung des weltweiten Handels und der Verbreitung von Neobiota skizziert. Wie sieht der Zusammenhang zwischen beidem konkret aus?

Franz Essl: Wir leben in einer Periode, wo der Austausch zwischen Gütern und Menschen sehr schnell und großräumig stattfindet. Es gibt die unterschiedlichsten Transportmittel- und Transportwege mit denen Tiere- und Pflanzen verschleppt werden. Zierpflanzen werden weltweit gehandelt und verwildern, und der Handel mit Holzprodukten ist für die Einschleppung von holzbewohnenden Neobiota verantwortlich. Als Haustier gehaltene Tieren entkommen oder werden freigesetzt. Ein prominentes Beispiel ist die Ausbreitung der Python in den Everglades in Florida.

In einem von Ihnen mitveröffentlichten Artikel gehen sie von einem weiteren Anstieg von Neobiota aus – warum?

Franz Essl: Für diese Studie haben wir eine globale Datenbank aufgebaut, die alle verfügbaren Daten zu den Erstnachweisen von nicht heimischen Pflanzen- und Tierarten beinhaltet. Wir wollten wissen, ob die Tendenz der Ausbreitung von Neobiota steigend oder fallend ist. Abgesehen von Säugetieren und teilweise Fischarten, die kaum unabsichtlich verschleppt werden, haben Neobiota in nahezu allen Arten und Orten zugenommen. Es haben sich die Triebkräfte wie das Handelsvolumen und Tourismus in dieser Zeit vergrößert. Neue Handelspartner, wie China, sind hinzugekommen. Eine ganze Reihe der invasiven Arten stammt aus Ostasien, wie etwa der Buchsbaumzünsler. Die Einschleppung aus China wird auch dadurch begünstigt, dass das Klima im Großteil von China dem mitteleuropäischen sehr ähnlich ist.

Im 19. Jahrhundert mit dem Nordamerikanischen Flusskrebs (Bild) eingeschleppt hat die Krebspest große Teile der heimischen Flusskrebse ausgerottet (Foto: shutterstock/Aleksey Stemmer)

Mit Ihrer Verordnung zu gebietsfremden, invasiven Arten hat die Europäische Union (EU) 37 Arten benannt, die von den Mitgliedsstaaten an ihrer Ausbreitung und Einschleppung gehindert werden sollen. Sie sind im Beratungsgremium der Europäischen Union, sowie auf nationalstaatlicher Ebene durch das Umweltbundesamt unterstützend tätig – wie bewerten Sie bisher den Erfolg der Verordnung?

Franz Essl: Seit Jänner 2015 ist diese Verordnung in Kraft. Es wird erst eine Zollinfrastruktur aufgebaut und ein Früherkennungssystem etabliert. Der Erfolg der Verordnung ist davon abhängig, wie effizient die Mitgliedsstaaten sie umsetzen. Denn besonders wichtig ist die Prävention. Wenn eine Art erstmals etabliert ist, kann meist nichts mehr gemacht werden. Wenn einzelne Länder bei der Umsetzung dieser Verordnung nachlässig sind, schwächt dies das ganze Instrument und die Ausbreitung ist nur eine Frage der Zeit. Dennoch halte ich die Verordnung für einen Schritt in die richtige Richtung. Sie kann dazu beitragen, dass die Ausbreitung von einzelnen Arten verhindert wird. Dabei ist aber klar, dass solange es den weltweiten Handelsaustausch zwischen Ländern gibt, Neobiota immer eine Begleiterscheinung sein werden. Alles andere ist unrealistisch.

Sie gehen davon aus, dass viele neuangesiedelte, invasive Arten aus einer Entfernung von ungefähr 10.000 Kilometern von ihrer eigentlichen Heimat stammen. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Franz Essl: Der Handel und der Tourismus ist sehr stark entfernungsabhängig. Wir handeln zwar mit ostasiatischen Ländern, aber es ist immer noch wenig im Verhältnis zu unseren Haupthandelspartnern in direkter Umgebung. Ein Großteil des österreichischen Handels passiert innerhalb der Europäischen Union, weil die Entfernungen und Transportkosten niedrig sind. Daher könnte angenommen werden, dass Neuansiedelungen von Pflanzen und Tieren mit größeren Handelsbeziehungen zwischen nahegelegenen Volkswirtschaften zunehmen. Jedoch sind die Artengemeinschaften der Nachbarländer sehr ähnlich, ein Austausch fällt nicht auf. Die Unterschiede der Arten werden mit der Distanz zwischen den Ländern größer. Weitentfernte Arten können sich oft nicht in den entfernten Ländern ansiedeln, da sie sich an die klimatischen Bedingungen nicht anpassen können. Wir haben nun statistisch errechnet, dass die höchste Verschleppungswahrscheinlichkeit bei diesen 10.000 Kilometern (km) liegt. Dies zeigt auch wieder den Zusammenhang mit dem Handel. Handelsdestinationen, wie China und Westeuropa, sind rund 10.000 km voneinander entfernt.

Der aus Ostasien stammende Falter Buchsbaumzünsler frisst als Raupe die Blätter bis zum Stängel und gilt somit als Schädling im heimischen Garten (Foto: shutterstock/ LisaS.)

Wenn sich jedoch die klimatischen Bedingungen verändern: Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Verbreitung von Neobiota aus?

Franz Essl: Der Klimawandel führt dazu, dass sich Artenareale verschieben. Arten werden aus dem Süden in den kälteren Norden wandern. Obwohl diese Ausbreitungsprozesse natürlich sind, sind die klimatischen Veränderungen vom Menschen gemacht. Wir stehen am Anfang dieses Phänomens, welches künftig wesentlich wichtiger werden wird. Es stellt sich die Frage, wie und wo die bedrohte heimische Arten erhalten werden können. Das wird wahrscheinlich dort sein, wo sie die klimatisch passenden Bedingungen vorfinden, was wiederum zu Konflikten mit heimischen Tierarten führen wird. Der Klimawandel führt auch in Österreich dazu, dass sich invasive Arten, nicht nur in wärmeren Tieflagen, sondern großräumiger etablieren werden. Die Mehrzahl der invasiven Arten in Österreich wird vom Klimawandel profitieren.

Franz Fessl ist Privatdozent am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien. Er ist Experte für invasive Arten beim Umweltbundesamt (Foto: BIORAMA/ Achorner)


Schon an dieser Stelle hat sich BIORAMA mit einem tierischen Einwanderer, der Nosferatu-Spinne, beschäftigt. Ausführliche Informationen zu den Neobiota finden Sie auf der Informationswebseite des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.

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