Eine Reise – zwei Welten

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BILD Susanna Hagen

In Israel und dem Westjordanland konzentriert sich mehr an historischem, religiösem und kulturellem Erbe als anderswo auf der Welt. Ein israelisch-palästinensisches Joint Venture regt nun unter dem Motto »Fair Travel« zu friedensstiftenden Studienreisen an.

Mit dieser neuen Initiative bieten der israelische Reiseveranstalter SK-Tours in Nature und das christlich-palästinensische Lifegate Rehabilitationszentrum erstmals die Möglichkeit zu anspruchsvollen Reisen, die unparteiisch die touristischen Attraktionen und gleichzeitig die Lebensumstände in Israel und Palästina zeigen, denen zwei unterschiedliche Realitäten bzw. Narrative zugrunde liegen. Neben den bestehenden Konflikten werden dabei auch die konstruktiven Lösungsansätze von beiden Seiten angesprochen. Dabei bleibt viel Raum für informelle Begegnungen. »Wir wollen unseren Gästen die Chance geben, sich wertfrei ein Bild über die Situation der Menschen zu machen«, sind sich die Masterminds des Fair-Travel-Konzepts, Georg Roessler, Tzachi Kedar und Gedi Hampe von SK-Tours und Burghard Schunkert von Lifegate einig.

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BILD Susanna Hagen

Früchte der Kooperation

Die meisten Einkünfte aus dem Tourismus bleiben bislang in dem dichten Netz an Reiseunternehmen in Israel hängen, selbst wenn die Besucher zur Weihnachtszeit zu Hunderttausenden nach Bethlehem pilgern. Nach der Stippvisite führen israelische Busse sie zum Übernachten stets wieder nach Jerusalem, obwohl es im Westjordanland inzwischen eine Auswahl an Hotels gibt, die mit internationalen Standards Schritt halten können. Den Palästinensern entgehen dadurch dringend benötigte Einkommensquellen, gleichzeitig nimmt man den Touristen die Möglichkeit, mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu treten. Dieses Muster versucht die Fair-Travel-Initiative zu brechen: »In dieser von Konfliktgräben gezeichneten Region wollen wir mit dem Vehikel des Tourismus eine Kooperation zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern erreichen. Durch die gemeinsame Arbeit lernen sich die Menschen unwillkürlich kennen, es entstehen Berührungspunkte und gemeinsame Interessen, die auf ökonomischen Füßen stehen«, ist Georg zuversichtlich.

Reise der Kontraste

In einem israelischen Reisebus, gelenkt von einem arabischen Israeli und mit einem palästinensischen Christen als Reiseführer, geht es vom leichtlebigen Tel Aviv und der pittoresken Hafenstadt Jaffa über die palästinensischen Städte Nablus, Jenin, Jericho, Bethlehem und Hebron bis nahe an den Gazastreifen in der Negev-Wüste im Süden. Die Route verläuft durch biblische Landschaften und grüne Wadis, vorbei an Beduinencamps, bewässerten Plantagen, verstädterten Flüchtlingslagern, Olivenhainen und israelischen Siedlungen, die mit ihren roten Dächern und hohen Schutzzäunen wie riesige Festungen die Hügel dominieren. Immer wieder gilt es Checkpoints zu passieren, was für Besucher problemlos vonstatten geht. Am Straßenrand bezeichnen große rote Schilder mit A, B oder C, welche Befugnisse die palästinensische Autonomiebehörde und der israelische Staat jeweils in dieser Zone haben. Viel zu oft bleibt der Blick an den bis zu neun Meter hohen Betonmauern und Zäunen der 700 Kilometer langen Sperranlage hängen, die das Kernland Israel vom Westjordanland trennt.

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Momentaufnahmen in Palästina und Israel

So vielfältig wie die kulturellen und landschaftlichen Eindrücke, die sich im Rahmen einer Reise in dieser spannenden Region ansammeln, sind auch die Begegnungen, die sich dies- und jenseits der Grenzen geplant oder auch ganz zufällig ergeben.

In der hauptsächlich von Muslimen bewohnten Stadt Jenin hat sich ausgehend von dem Film »Das Herz von Jenin« des deutschen Filmemachers Marcus Vetter ein Kulturzentrum etabliert. Es richtet sich mit einem dichten Workshop-Programm speziell an Frauen, Kinder und Jugendliche. »Im Sinne der Gewaltprävention ist es wichtig, die Jugendlichen weg von der Straße zu bekommen«, betonen die Betreiber, Dr. Lamei Assir und seine Frau Maisa.

Mit dem Lifegate-Reha-Zentrum in Beit Jala bei Bethlehem leitet der gebürtige Deutsche Burghard Schunkert eine der modernsten Einrichtungen dieser Art in Palästina, die er auch gerne den Gästen aus aller Welt zeigt. Derzeit fördert Lifegate 150 Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zur abgeschlossenen Ausbildung. »Durch Fair Travel können wir Arbeitsplätze für behinderte Menschen im touristischen Servicebereich schaffen«, freut sich Burghard.

Frieden ohne Mauern

Die Terrassenfelder des palästinischen Dorfes Battir bei Jerusalem stammen aus der Antike. Ein einzigartiges Kanalsystem, das von den Familien des Dorfs zu streng geregelten Bewässerungszeiten in Anspruch genommen wird, verteilt das Wasser von sieben Quellen. Pläne der israelischen Regierung, die Sperranlage durch dieses Gelände zu bauen,  konnten durch Intervention der Umweltschutzorganisation Friends of The Earth Middle East gestoppt werden, die einen Schulterschluss zwischen den Bürgern von Battir und ihren israelischen Nachbarn erreichte. Wenn alles gut geht, soll es Battir 2014 auf die Unesco-Weltkulturerbeliste schaffen. »Wir wollen ein Pilotprojekt für den Frieden ohne Mauern sein«, zeigt sich der beherzte Bürgermeister Akram Bader hoffnungsvoll.

Um Wasser geht es auch in Ouja in der Nähe von Jericho im Jordantal. »Als vor 15 Jahren die Siedler kamen, ist unsere Quelle ausgetrocknet, denn die riesigen landwirtschaftlichen Siedlungsflächen werden rund um die Uhr bewässert«, klagt Mohammed Saahida, der Wirtschaft studiert hat und aus einer Bauernfamilie stammt. Inzwischen hat seine Familie auf  Ziegenzucht umgesattelt. Er selbst arbeitet zusätzlich im örtlichen Umweltschutz-Zentrum und führt Wandertouren durch das Jordantal. »Wie die meisten ehemaligen Bauern aus der Gegend müssen jetzt auch zwei meiner Brüder für die Siedler arbeiten, weil sie keinen anderen Job finden«, erklärt Mohammed. »Aber was können wir machen? Ich werfe sicher keine Steine, sondern möchte die Situation mit meiner Arbeit verbessern. Heutzutage kämpfen wir in den Sozialen Medien.«

Leora Sella-David managt die 33 Gästehäuser im traditionellen Kibbuz Tze’elim. Sie genießt den einfachen Lebensstil, den sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern führt. Dennoch ist es nicht leicht, so nah am Gazastreifen zu leben: „Bis hierher reichen die Raketen nicht, aber die Schule und der Schulbus sind gefährdet.“ An das Artilleriefeuer, das oft zu hören ist, hat sie sich längst gewöhnt: „Das kommt vom Armeelager hier um die Ecke…“

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BILD Susanna Hagen

Auf der anderen Seite der Grenze

Roni Keidar ist eine gestandene Frau in ihren 70ern. Die jüdische Israelin steht seit Jahren als Aktivistin bei der Friedensorganisation The Other Voice im Einsatz. Sie lebt im Moshav Netiv Ha’assera, einer Genossenschaftssiedlung an der Grenze zum Gazastreifen, die immer wieder unter Raketenbeschuss gerät. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist ihr der enge Kontakt mit den Menschen in Gaza wichtig. Interessierte Besucher lädt sie gerne in ihr Wohnzimmer ein, um ihre Arbeit zu erklären und führt sie sogar hinter die Scharfschützenwand, um ihnen den Ausblick nach Gaza zu zeigen: „Ich möchte meinen Mitbürgern begreiflich machen, dass die Menschen auf der anderen Seite der Grenze genauso leiden wie wir. Sie kämpfen nicht gegen uns, sondern für ihre eigene Existenz.“

Batsheva Dori-Carlier ist Israelin mit irakisch-jüdischen Wurzeln. Obwohl sie ihre politische Orientierung als links bezeichnet, war sie bis vor einigen Jahren wie die meisten ihrer israelischen Mitbürger nie „auf der anderen Seite“. Erst durch ihre Arbeit im Tourismus hat sie die Angst vor ihren Nachbarn verloren: „Ich habe erkannt, dass ich viel mehr mit Arabern gemeinsam habe als mit Israelis, die aus Osteuropa oder sonst woher stammen. Bei meinen Reisen habe ich gesehen, dass eine Zusammenarbeit zwischen Palästinensern und Israelis funktionieren kann. Voraussetzung ist der direkte Kontakt.“

„F s’htek“ heißt „Prost“ auf Arabisch. Madees Khoury, die erste weibliche Braumeisterin von Palästina, begrüßt ihre Gäste mit einem kühlen Blonden. Ihre Eltern gründeten die Mikrobrauerei 1995 in dem größtenteils von Christen bewohnten Dorf Taybeh in der Nähe von Ramallah. Seit 2005 organisiert die Familie das Taybeh Oktoberfest mit gutem Essen, palästinensischem Hip-Hop und verschiedenen Biersorten. 2013 feierten 15.000 lokale und internationale Besucher mit. Madees: „Wir wollen, dass unsere Besucher die Politik vergessen und endlich ein anderes Palästina sehen und genießen!“

Sehenswürdige Reise-Highlights:

–       Tel Aviv. Bauhausarchitektur. Bunte Kultur- und Lokalszene. Reges Strandleben.

–       Jaffa. Pittoreske Altstadt. Petruskirche. Haus von Simon dem Gerber. Osmanischer Uhrturm. Großer Flohmarkt.

–       Nablus. Boomende 130.000-Einwohner-Stadt. Souk. Historisches Hammam. Olivenöl-Seifensieder. Knafeh-Bäckereien. Samaritaner am Berg Garizim. Jakobsbrunnen. Josefsgrab. Archäologische Ausgrabungen von Tel Balata.

–       Jenin. Cinema Jenin. Freedom Theater im Flüchtlingslager.

–       Jericho. Hisham Palast. Berg der Versuchung. Wandern in der Schlucht von Wadi Quelt. Archäologische Stätten von Khirbet Naaran.

–       Bethlehem. Krippenplatz mit Geburtskirche.

–       Hebron. Ibrahim Moschee mit dem Grab der Patriarchen. Machpela-Höhle. Souk. Historische Hammams. Glasbläser.

–       Beit Guvrin Nationalpark. Ausgrabungen von Tel Maresha. Unterirdische Höhlensysteme.

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BILD Susanna Hagen

Die Teilnahme an dieser Reise wurde unterstützt vom Staatlichen Israelischen Fremdenverkehrsbüro, von der israelischen Fluglinie El Al, sowie dem israelischen Reiseveranstalter SK-Tours in Nature. Die in dem Artikel ausgedrückten Meinungen beruhen auf den subjektiven Erfahrungen der Autorin.

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