Das regionale Produkt, das keines ist.

Zum Beispiel: Der durchschnittliche Kohlrabi, den man auf einem deutschen Bauernmarkt erstehen kann.

Christian Hiß sitzt im Vorstand der deutschen »Bürgeraktiengesellschaft«
Regionalwert AG und ist ein glühender Befürworter regionaler Produkte. Genau deswegen ist es ihm ein Anliegen, darüber aufzuklären, dass nicht alles, was regional scheint, auch regional produziert ist. »Auch wenn ich den Supermarkt vermeide, brauche ich mir nicht einbilden, dass ich kein Hybridsaatgut kaufe«, sagt er, und hat BIORAMA im Interview erläutert, warum auch hinter einem scheinbar regionalen Produkt viele nicht-regionale Komponenten stecken können.

DAS SAATGUT

»Die genetische Information für den Kohlrabi wurde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einem der großen drei Gemüsezuchtunternehmen in einem Labor in Basel oder Leverkusen zu einer Hybridsorte gebastelt. Das entsprechende Samenkorn, aus dem die Pflanze wächst, wurde mit 85%iger Wahrscheinlichkeit in China produziert.«

»In der deutschen und österreichischen Landwirtschaft wird zu rund 90% Hybridsaatgut verwendet. In diesen Fällen liegen die Rechte für das Saatgut bei den Saatgutkonzernen.«

DIE ANZUCHT

»Das Samenkorn reist zu einem Gärtnereibetrieb, der sich auf die Anzucht von Jungpflanzen spezialisiert hat – klassischerweise in Holland oder am Niederrhein, dort wird es in einem Torfballen abgelegt.«

DAS SUBSTRAT

»Das Substart kommt zur Hälfte aus russischen Tormooren, darin wächst die Kohlrabipflanze zur Pflanzfertigen Jungpflanze heran.«

DIE ENERGIE

»Landwirtschaft ist in Produktion und Transport treibstoffabhängig, das sind derzeit vor allem fossile Energieträger«.

DIE ARBEITSKRAFT

»Im Betrieb angekommen, wird die Pflanze von einer Saisonarbeitskraft im Akkord in die Erde gepflanzt. Denn die Mehrheit der deutschen Betriebe arbeiten mit Saisonarbeitskräften – zum Großteil aus Osteuropa.« Wobei das Defizit an Nachhaltigkeit in erster Linie am großen Anteil an saisonaler Beschäftigung liegt, nicht an der Herkunft und Anreise der Arbeitskräfte, wie Hiss betont. 

DER DÜNGER

Alles andere als regionaler Herkunft ist klassischerweise auch der Dünger »und hier im Speziellen der Stickstoffdünger, ohne den der Kohlrabi im deutschen Boden überhaupt nicht wachsen würde, er stammt mehrheitlich aus Russland und der Ukraine.«

DIE LANDMASCHINEN

Der Betrieb, der den Kohlrabi erzeugt, ist technisch gut ausgerüstet. Diese Technik – Maschinen und Traktoren – stammt zu 75%iger Wahrscheinlichkeit aus den USA, wo die Eigentümerschaft der drei führenden TraktorenherstellerInnen des deutschen Marktes sind.

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