Brennt wie Feuer

Die Beschäftigung mit Heilpflanzen beschränkt sich oft auf Medizin und Kulinarik, findet die Heilpflanzenexpertin Gabriela Nedoma. Ein Gespräch über »die sinnliche Seite der heilsamen Natur« – am Beispiel der guten alten Brennnessel.

BIORAMA: Worauf verzichten Leute, die nur Brennnesseltee und nie »Brennnesselwein« trinken?

Gabriela Nedoma:Einerseits auf die Wirkung der Brennnesselsamen, sie enthalten sehr viele Aminosäuren und Wachstumshormone und haben eine sexuell anregende, aber eben auch generell anregende Wirkung. Also: sowohl bei Müdigkeit als auch, um Lustgefühle anzuregen oder die Fruchtbarkeit zu erhöhen.
Andererseits wirken auch die anderen Inhaltsstoffe erotisierend: etwa Rotwein, vor allem durch seine Polyphenole. Honig kann als eines der ältesten bekannten Aphrodisiaka der Welt gleich mit einer ganzen Palette an sexuell anregenden Wirkungen dienen. 
Brennnesselsamen könnte man übrigens auch aus ganz anderen Gründen täglich zu sich nehmen. Sie sind ein einfach verfügbares natürliches Nahrungsergänzungsmittel für die ganze Familie, wirken vitalisierend, stimulieren die Abwehrkräfte, unterstützen die Regeneration des Organismus und können eine ausleitende Wirkung haben. 

Sie schreiben »Brennnesselwein entfacht das sexuelle Feuer« und empfehlen als Dauerkur täglich 1–2 Likörgläser oder »kurz vor dem Liebesspiel 100 Milliliter zur Stärkung der erotischen Kräfte«. Was passiert, wenn man 100 Milliliter intus hat?

Gabriela Nedoma: Brennnesselwein kann die Libido fördern, beim Mann zusätzlich die Potenz und bei der Frau auch Lubrizität und Fruchtbarkeit steigern. 
Eine Daueranwendung kann eine ebenso dauerhafte Wirkung haben. Dann sollte man allerdings eher kleinere Dosen und genug Wasser begleitend einnehmen, damit die Brennnessel auch die Toxine aus dem Körper ausleiten kann. 

Wie viel ist eine kleine Dosis?

Gabriela Nedoma: Bei Tee gilt auf 250 Milliliter Wasser: so viel getrocknete Brennnesselblätter, wie zwischen zwei oder drei Finger passen. Wenn man die Blätter frisch verwendet, reichen zwei oder drei Spitzen. Sprich: nur die Teile oberhalb des Punktes, wo die Pflanze beginnt, zu verholzen. 

Sie empfehlen eine sogenannte Bio-Sadomaso-Urtifikation. Konkret raten Sie: »Stimulieren Sie sanft die Intimregion Ihres Partners mit einem Brennnesselbündel, um die Durchblutung anzuregen.« Was sagen Sie Leuten, die Hemmungen haben, den/die PartnerIn einer Pflanze auszusetzen, die sie davor mit Handschuhen pflücken mussten?

Gabriela Nedoma: Man muss sich tatsächlich überwinden, und ja, es pikst, aber genau so kann sich die erotisierende Wirkung entfalten. 
Die Brennnessel (Urtica dioica)enthält Nesselgift mit durchblutungsfördernder Wirkung und hat auch eine stimulierende Wirkung auf die Geschlechtsorgane. Schon in der Antike hat man sie so eingesetzt, aber auch einfach wegen ihrer durchblutungsanregenden und entzündungshemmenden Wirkung, etwa bei rheumatischen Erkrankungen oder Entzündungserkrankungen wie Gicht. Auch bei Allergien wird sie mitunter wohldosiert zu einer Desensibilisierung eingesetzt.

Bild: svklimkin [https://www.flickr.com/photos/svklimkin].

Welche positiven Eigenschaften der Brennnessel sollten wir sonst noch kennen?

Gabriela Nedoma: Die Brennnessel kann auch als Schlankmacher wirken, ist blutreinigend und unterstützt die Blutbildung, wirkt mineralisierend und vitalisierend auf den ganzen Organismus. 

Wenige haben selbst Brennnesseln im Garten. Was muss ich bei der »wilden« Ernte beachten?

Gabriela Nedoma: Dass Sie sie an Orten pflücken, die nicht gedüngt sind, auch nicht unbedingt am Straßenrand, wo Verschmutzungen durch den Verkehr größer sind und sich oft Hunde aufhalten. Und nicht in der Nähe von Industrieanlagen. Idealerweise etwa im Wald, wo sie möglichst wenigen Umwelteinflüssen ausgesetzt sind. 

Zu welcher Jahreszeit stehen die Brennnesseln am besten im Saft, um die Durchblutung anzuregen?

Gabriela Nedoma: Im Frühjahr sind die Blätter viel sanfter, da kann man sie auch mit der Hand berühren, ohne intensive Wirkung zu verspüren. Das erkennt man an der Länge der Haare, sie werden über den Sommer sukzessive länger und je ausgeprägter sie sind, desto mehr Inhaltsstoffe sind vorhanden. Die ideale Pflückzeit hängt also von der gewünschten Wirkung ab.

Das Fazit des Klappentextes lautet: »Ein Buch für alle, die ihre Lebensfreude und Gesundheit natürlich stärken wollen.« Halten Sie manche Tipps für gewagte Empfehlungen?

Gabriela Nedoma: Es sind einige wenig bekannte Anwendungen im Buch, darunter auch die besprochene Urtifikation oder Dampfbäder wegen ihrer anregenden Wirkung auf den Genitalbereich. Die Verwendung von Menstruationsblut etwa ist für viele schon ein wenig schräg – das Trinken von Körpersäften zur Steigerung der Lust. 

Wie kamen Sie überhaupt auf all die Anregungen?

Gabriela Nedoma: Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Naturheilkunde, in der leider sehr wenig über die aphrodisierende Wirkung gesprochen wird. Meistens geht es doch um naturheilkundliche Wirkung oder um Kulinarik. Es sind aber oft jene Pflanzen, die wir im Alltag ganz selbstverständlich verwenden, von denen wir gar nicht wissen, dass sie noch ganz andere Wirkungen haben. So etwa Sellerie, Pastinaken, Fenchel, Petersilie, Zimt, Äpfel, Kardamom, Granatapfel. Und: Oft ist es auch gar nicht möglich, sie zu verwenden, ohne eine aphrodisierende Wirkung zu erzielen! 

Lassen sich alle Ihre Rezepturen und Anwendungsempfehlungen naturwissenschaftlich untermauern?

Gabriela Nedoma: Viele Pflanzen haben eine sexuell stimulierende Wirkung. Bei einigen ist diese Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen, bei viel mehr davon (noch) nicht. Sie ziehen ihre Berechtigung daraus, dass ihre aphrodisierende Wirkung Erfahrungswissen ist, das über Jahrhunderte, teilweise Jahrtausende, erprobt ist.
Die sexuell anregende Wirkung von Pflanzen ist auch nicht unbedingt Gegenstand der Medizin. Aber es gibt bei Aphrodisiaka eine direkte und eine indirekte Wirkung. Die indirekte bezieht sich auf alles, was zur Steigerung der Vitalität beiträgt, und so direkt auch libidofördernd wirkt – zumindest dazu gibt es auch sehr viel naturwissenschaftliche Forschung. 
Wissenschaftlich bewiesen ist allerdings beispielsweise die sexuell stimulierende Wirkung des Granatapfels. Bei der Brennnessel hingegen ist wissenschaftlich »nur« belegt, dass sie durchblutungsfördernd und vitalisierend wirkt. Das kann aber eben schon einiges bedeuten. 

Bild: Gabriela Nedoma

Gabriela Nedoma ist Naturpädagogin, Seminarleiterin und Autorin mehrerer Bücher, unter anderem »Natürliche Aphrodisiaka – Naturheilkunde und Heilpflanzenrezepte für die Liebe«.

»Natürliche Aphrodisiaka – Naturheilkunde und Heilpflanzenrezepte für die Liebe« von Gabriela Nedoma, erschienen bei Ulmer, 2018.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #59 erschienen

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