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Wie »bio« ist die Forstwirtschaft?

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Waldviertel / Niederösterreich: Naturwald im mittleren Kamptal, Bereich Altenburg.

In der Landwirtschaft ist Bio etabliert. Im Forstsektor taucht das Wort »Bio« aber kaum auf. Ist die Branche schon ausreichend nachhaltig und braucht Bio nicht? Eine Erkundung zum Thema Öko-Wald.

Das mächtige Benediktiner-Stift Altenburg ragt selbstbewusst über dem niederösterreichischen Kamptal in den grauen Winterhimmel. Unter dem barocken Kloster breitet sich das Kamptal mit seinen lichten Laubwäldern aus. Und diese Stiftswälder sind ein wenig speziell. Um zu zeigen, was den klösterlichen Forstbetrieb anders macht, hat Forstverwalter Herbert Schmid zu einer Waldbegehung geladen.

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Die Fichten- und Kiefernwälder nördlich des Stifts sind aufgelockert, die Bäume verschieden alt und zwischen den großen Stämmen tummeln sich viele Jungbäume. »Diese stufigen Wälder sind sehr stabil«, erklärt Herbert Schmid. »Wir bewirtschaften unsere Wälder nach den Prinzipien des Dauerwaldes,” sagt der Forstmann. Und deshalb gibt es keine flächendeckenden Kahlschläge. Stattdessen werden nur einzelne Bäume genutzt, wenn die »Zielstärke« passt. Der Wald verjüngt sich natürlich, Pestizide müssen draußen bleiben und Totholz darf im Wald vergehen, um Lebensraum und Nahrung für Artenvielfalt zu bieten.

Altenburg / Niederösterreich: Dauerwald Forstbetrieb Stift Altenburg; Förster Herbert Schmid, Prior Pater Michael Hüttl

»Das Konzept ist ökonomisch vernünftig und macht ökologisch viel mehr Sinn. Der Betrieb funktioniert besser als vor 20 Jahren«, unterstreicht Herbert Schmid.

Pater Michael, der Prior des Stiftes, entsteigt etwas später in eine Soutane gehüllt seinem Wagen. »Der Wald ist ja irgendwann entstanden, ohne dass da wer durchgegangen ist und gesagt hat: ‚Du wirst dick und groß und du wirst jetzt umgeschnitten.‘ Also schauen wir dem Wald sehr bewusst beim Wachsen zu«, betont Pater Michael.

Unnatürlich hohe Wildbestände

»Als klösterlicher Betrieb betrachten wir das Thema Verantwortung aus der Perspektive der Kirche. Synchron und diachron – durch die Jahrhunderte. Wir müssen das Heute begreifen, um das Morgen zu gestalten. ’Wer sieht ist berufen’«, sagt der Mönch.

Herbert Schmid will den Nadelwald wieder zu dem zu machen, was er einst einmal war: zu einem Laubmischwald. »Diese Gegend heißt seit Generationen Buchenschachen. Das war früher Buchenwald. In den letzten 200 Jahren wurde aber eine andere Wirklichkeit geschaffen, ein Nadelforst,« erläutert der Förster.

Waldviertel / Niederösterreich: Naturwald im mittleren Kamptal, Bereich Altenburg.

Schmid zeigt auf kleine Tannen: »Die kenne ich seit 30 Jahren. Überall kommen Tannen und Buchen auf. Die Stämme werden stärker, aber nicht höher, wegen dem Wildverbiss.« An der Reduktion des Wildbestandes wird daher gearbeitet.

»Wir beschäftigen auch Schwarzarbeiter,« grinst Pater Michael, »unsere Eichelhäher sind nicht sozialversichert.« Aber sie werden trotzdem umsorgt. Herbert Schmid präsentiert hölzerne Hähertische, auf denen Bucheckern und Eicheln darauf warten, von Eichelhähern in den Wald gebracht und als Vorräte vergraben zu werden. Die ‘vergessenen’ Samen keimen dann im Folgejahr. »Je mehr Häher wir im Revier haben, desto besser für den Umbau des Waldes.«

Totholz als Hort des Lebens 

Das hat auch handfeste wirtschaftliche Gründe: »Wir verlieren die Fichte. Ihr Wuchsbereich wandert nach oben, in höhere Lagen. Es wird zu warm. Wir haben auch Sturmschäden und Probleme mit Borkenkäfern. Die Buchen werden nun die Biomasse liefern, um wieder einen guten Boden aufzubauen. Die Buche ist die ‘Mutter des Waldes’. Was die mit ihrem Laub in 100 Jahren an Biomasse produziert, ist viel wert.«

Wälder mit Totholz sind ökologisch gesünder als »ausgeräumte« Forste, weil es mehr Vögel gibt – die natürlichen Gegenspieler vieler »Schädlinge«. Daher bleiben in Altenburg einzelne tote Bäume im Wald. Auf einem Stapel hohler Eichenstämme erklärt ein kleines Schild Wanderern, warum es hier unordentlich aussieht. “Am Totholz haben wir Alpenbockkäfer gefunden – der erste Nachweis in Österreich nördlich der Donau,« berichtet der Förster stolz. Die seltenen, blauen Käfer sind streng geschützt und gelten als Anzeiger für Naturnähe.

Waldviertel / Niederösterreich: Naturwald im mittleren Kamptal, Bereich Altenburg.

Naturorientierung in der Forstwirtschaft thematisierte erstmals der deutsche Forstwissenschaftler Alfred Möller im Jahr 1922. Sein Konzept des Dauerwaldes orientiert sich an der »Stetigkeit des Waldwesens als lebendem Organismus«. Möller hatte herausgefunden, dass die Wälder bei gezielter Pflege der Selbstoptimierungs-Prozesse des Ökosystems höhere Leistungen bringen als sogenannte »Altersklassenwälder«, die mit Kahlschlägen und Aufforstungen intensiv bearbeitet werden.

Klimastress und Umweltbewusstsein steigern heute das Interesse für eine naturnahe Forstwirtschaft. Der Verband Prosilva propagiert die Dauerwald-Idee in ganz Europa. Konservative Förster belächeln die Dauerwald-Anhänger freilich – und halten das System für nicht praxistauglich.

Erfolgsmodell Lübecker Stadtwald

Die Erfahrungen des Modellbetriebes »Lübecker Stadtwald« belegen indes das Gegenteil. Der frühere Forstleiter Lutz Fähser hatte nach der Umweltkonferenz von Rio (1992) neue Ansätze für eine nachhaltige Nutzung der Waldressourcen entwickelt: Im Lübecker Stadtwald wird nur so viel Holz aus dem Wald entnommen, dass er sich so natürlich wie möglich entwickeln kann.

Und das rechnet sich. Lutz Fähser: »Ich habe das Konzept auch eingeführt, weil es gerade betriebswirtschaftlich auch anderen Konzepten deutlich überlegen ist. Die behutsame Wirtschaftsweise ist kosten- und risikoarm. Es braucht keine teuren Maschinen. Die Betriebsergebnisse liegen im jährlichen Reinertrag um 10 bis 20 Prozent über den sonst üblichen Konzepten der öffentlichen Forstbetriebe.«

»Höchste Massen- und Werterträge erreicht nur der Urwald. Für die Ernte muss natürlich irgendwie eingegriffen werden – so wenig wie möglich eben. Das nennen wir ‘Vorsichts-Prinzip’,« betont Fähser. Zehn Prozent der Fläche werden daher natürlichen Prozessen überlassen und jeder zehnte Baum im genutzten Teil des Waldes darf natürlich altern und sterben.

Etliche deutsche Großstädte wie Berlin, Bonn, Düsseldorf, Göttingen, Hannover, München, Saarbrücken oder Wiesbaden haben das Modell übernommen. 1997 führte der Bio-Verband Naturland e.V. erstmals auch ein Bio-Zertifikat für Wald ein. Es ist mit dem Lübeck-Konzept ident. Das internationale Nachhaltigkeitslabel FSC (Forest Stewardship Council) strebt ähnliche Ziele an, hat aber weniger strenge Auflagen.

Waldviertel / Niederösterreich: Naturwald im mittleren Kamptal, Bereich Altenburg.

Was fehlt: ein Bio-Siegel für Wald

Zurück nach Altenburg: Auf eigens entlang der Forststraßen angelegten Grünstreifen fördert das Stift gezielt Blütenpflanzen – die Bienenweiden. »Unsere Betriebe – Landwirtschaft, Gärtnerei, Weinbau – sind alle bio,« sagt Pater Michael. »Trotzdem kann der Imker den Honig aus unserem Wald nicht als Biohonig vermarkten.« In Österreich gibt es nämlich kein Bio-Label für die Forstwirtschaft.

Die tonangebenden forstlichen Interessenvertretungen in Österreich meinen, dass es das auch nicht brauche. Es werde ohnehin »nachhaltig« gewirtschaftet.

Bernhard Budil, Generalsekretär des österreichischen Waldbesitzer-Verbandes Land und Forst: »Für ein Bio-Label sehen wir weder eine Nachfrage noch einen Bedarf. Vielmehr ist der weit überwiegende Teil des österreichischen Waldes durch die Teilnahme an der PEFC-Zertifizierung auf einer soliden Basis über das gesetzlich vorgegebene Ausmaß hinaus bestens aufgestellt.« Durch PEFC sei nachhaltiges Wirtschaften »umfassend und auf höchstem internationalen Standard abgedeckt«.

Die »Paneuropäische Waldzertifizierung« (PEFC) wurde von der Forstwirtschaft selbst initiiert und ist heute weltweit stark verbreitet. PEFC verfolgt ähnliche Ziele wie das von NGOs begründete FSC-System. Der deutsche Naturschutzverband BUND bezeichnet PEFC aber dennoch als »Mogelpackung«. Hauptkritikpunkte sind die vage formulierten und wenig verbindlichen Richtlinien sowie fehlende Transparenz und mangelhafte Kontrollen.

Die Bedenken bezüglich PEFC wurden kürzlich durch eine Reportage des französischen TV-Formats »Cash Investigations« drastisch bestätigt: Die Aufdecker-Reporter hatten Gebiete mit den GPS-Koordinaten eines Bauernhofes, eines Flughafens und eines Atomkraftwerks testhalber zur PECF-Zertifizierung angemeldet. Wenig später lagen die PEFC-Urkunden – ohne Prüfung – im Postfach …

Sind die Vorgaben zur Nachhaltigkeit durch die geltenden Forstgesetze ausreichend, um eine umfassend nachhaltige Forstwirtschaft zu garantieren? Ökologen und Naturschützer winken ab.

Das Prinzip Dauerwald

Die WWF-Waldexpertin Karin Enzenhofer erklärt: »Ökologische Aspekte werden oft nur im Lichte der Produktivität gesehen. Die Artenvielfalt ist aber eng mit den bis zu 600 Jahren dauernden natürlichen Waldentwicklungsphasen verknüpft. Im Wirtschaftswald wird schon nach 80 bis 140 Jahren geerntet, die wichtigen späteren Phasen fehlen meist vollständig. Und das obwohl sie in Urwäldern mehr als 60 Prozent der Waldfläche einnehmen und auch in zeitlicher Hinsicht dort dominieren.«

Um diese Artenvielfalt zurückzubringen, wurden Biodiversitäts-Strategien in den EU-Staaten entwickelt. Die sehen unter anderem auch vor, kleinere Teile der Wälder sich selbst zu überlassen. Und darüber wird jetzt leidenschaftlich gestritten, »Außernutzungstellung« ist zum Unwort für manche geworden …

Nachhaltigkeit bedeutet aber: die Sicherung der dauerhaften Funktionalität eines Systems. Genau das gewährt offensichtlich das Prinzip Dauerwald am besten.

Am Ende der Exkursion in den Stiftswald von Altenburg geben drei Seeadler noch eine exklusive Vorstellung über dem einsamen Kamptal: Lautlos ziehen sie in der Dämmerung ihre Kreise. Am Rückweg meint Herbert Schmid: »Dass die Seeadler, die Alpenbockkäfer und andere seltene Arten bei uns im Wald leben, zeigt doch, dass wir etwas richtig machen.«


Streit um den Wald

 

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