Kann Cultured Meat Bio sein?

Die Chefs der beiden größten deutschen Bioverbände antworten mit einem Nein und einer Gegenfrage. Der auf Landwirtschaft und Nachhaltigkeit spezialisierte Berater sagt: »Ja, natürlich«, die Foodtrendforscherin sieht in Cultured Meat eine Chance für Bio.

Fleisch aus dem Labor
Gibt es Cultured Meat in Bioqaulität? Bild: Istock.com/Serhii Akthemiichuk.

»Wie weit wollen wir uns als Menschen noch von den natürlichen Kreisläufen entfernen? Schon mit der industriellen Tierhaltung haben wir uns vollkommen entkoppelt von einer für uns, unsere Mitgeschöpfe und den Planeten gesunden Tierhaltung und Ernährung. In dieser Sackgasse von Klimakatastrophe und Tierleid angekommen, meinen wir, die Lösung liege in Gentechnik und Laborfleisch. Dieser Ansatz löst keines unserer komplexen Probleme – zumal Wechselwirkungen dabei völlig ausgeblendet werden. Wiederkäuer auf der Weide haben ein artgerechtes Leben und artenreiches Grünland ist elementar für den Klimaschutz und die Biodiversität. Statt Laborfleisch brauchen wir den ökologischen Umbau von Landwirtschaft und Ernährung; weniger, dafür artgerechte Tierhaltung und weniger, dafür gute tierische Produkte auf unserem Speiseplan. So hat es schließlich auch die EU-Kommission mit dem Green Deal und der Farm-to-Fork-Strategie beschlossen: bis 2030 mindestens 25 Prozent Bio auf dem Acker und dem Teller.«
– Jan Plagge, Präsident des Verbands Bioland e. V.

Jan Plagge Portrait
Jan Plagge ist der Meinung anstatt von Laborfleisch bräuche es einen ökologischen Umbau von Landwirtschaft und Ernährung. Bild: Sonja Herpich/Bioland.

»Wie viel Fleisch verträgt die Welt? Keine Frage: sehr viel weniger, als wir derzeit als Gesellschaft konsumieren. Die Gründe sind bekannt: Klima, Grundwasser, Tierwohl, Welternährung, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Antwort des Öko-Landbaus heißt flächengebundene und artgerechte Tierhaltung. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich die doppelte Einsicht: Zu viel ist ungesund – zu wenig aber im Zweifel auch. Denn ganz ohne Tiere kommt eine Landwirtschaft, die in ökologischen Kreisläufen denkt und handelt, eben auch nicht aus.
Es geht also, wie so oft, um das vernünftige Maß. Das gilt auch im Privaten: Wer weniger Fleisch isst und das in Bio, tut der Umwelt etwas Gutes und sich selbst. Man muss sich also umstellen. Wer das partout nicht tun mag und unbedingt Laborfleisch essen will: bitte schön. Ein Biosiegel braucht es dafür aber sicher nicht.«
Steffen Reese, Geschäftsführer Naturland – Verband für ökologischen Landbau e. V.

Steffen Reese Portrait
Steffen Reese ist gegen Biosiegel bei Cultured Meat. Bild: Naturland.

»Ja, natürlich und auf jeden Fall: Es wird Cultured Meat in Zukunft auch in Bio geben. Wir werden es mit einer weiteren Interpretation von Bio zu tun haben – aus dem Labor, aber mit biozertifizierten Ausgangsstoffen. Den Claim Bio werden sich die ProduzentInnen nicht nehmen lassen. Und die Argumentation für Cultured Meat kommt jetzt schon stark aus der Nachhaltigkeit.«
– Carsten Gerhardt, bei AT Kearney zuständig für Landwirtschaft und Nachhaltigkeit

Carsten Gerhardt Portrait
Carsten Gerhard ist der Meinung, Kulturfleisch wird es in Zukunft auch in Bioqualität geben. Bild: AT Kearney.

»Diese Frage wird noch zu früh gestellt. Derzeit ist Cultured Meat nicht mit dem Biogedanken kompatibel, weil Gentechnik im Spiel ist. So, wie es in Singapur zugelassen ist und sich in den USA entwickelt, ist das bei uns schwer denkbar. Vermutlich wird der europäische Weg einer ganz ohne Gentechnik sein – da skaliert die Produktion aber noch nicht weit genug. Ich würde mich nicht wundern, wenn sich In-vitro-Fleisch in Asien und den USA sehr schnell etabliert. Wenn China einsteigt, erschüttert das den exportorientierten Fleischmarkt. Für Bio könnte das auch Chancen bieten – aber in der Biobranche stempelt man neue technische Entwicklungen gerne pauschal als böse ab. Punkto Nachhaltigkeit wird Cultured Meat einige Trümpfe in der Hand haben. Das kann man nicht einfach ignorieren. Auch die konventionelle Produktionsweise wird schrittweise besser. Bio muss sich fragen: Wohin will ich mich entwickeln? Bio ohne Tier ist im Grunde nicht denkbar. Die Komplexität dieses Kreislaufgedankens kommt in der Bevölkerung noch nicht an. Den meisten ist nicht einmal klar, dass es Milch nicht ohne Fleischproduktion gibt. Bio könnte aber mit Qualitätsoffensiven, neuer Fleischqualität und Kreislaufwirtschaft punkten und muss sich fragen, wo es seine Zukunft sieht.«
Hanni Rützler, Ernährungswissenschaftlerin und Foodtrendforscherin; Gründerin des Futurefoodstudios und Herausgeberin von dessen Food Report.

Hanni Rützler Portrait
Für Hanni Rützler kommt die Frage, ob In-Vitro Fleisch bio sein kann noch zu früh. Bild: Julietta Kunkel.

Die Studie »How will Cultured Meat and Meat Alternatives disrupt the Agricultural and Food Industry?« wurde 2019 vom Beratungsunternehmen AT Kearney und NX Food der Metro AG erstellt.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #72 erschienen

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