Weg von der Kunststoffflasche?

Ausgerechnet Säuglinge sind oft hohen Mikroplastikmengen ausgesetzt...

Eine Babyflasche aus Kunststoff.
Bild: IStock.com/Arto Canon.

Wenn der moderne Mensch das Licht der Welt erblickt, ist er mit Plastik längst vertraut. Wie man seit dem Jahr 2020 weiß, als in Italien erstmals Plazenten auf Mikroplastik untersucht wurden – und es in allen nachgewiesen werden konnte. Die Veröffentlichung im Fachmagazin »Environment International« reihte sich neben den Nachweis von Mikroplastik im Marianengraben (2019), am Mount Everest (2020) und in Muttermilch (2022). Und seit 2024 ist bekannt, dass Mikroplastik auch die Blut-Hirn-Schranke durchdringt. Wir wissen: Wo Mikroplastik ist, ist erst recht Nanoplastik zu finden; auch wenn es – es kann sehr klein sein – teilweise sogar mit Hilfsmitteln nicht sichtbar ist. Dass Partikelgröße und ZUsammensetzung eine Rolle dabei spielen, wie er sich verbreitet, wieder abbaut und wie gesundheitsschädlich er ist; und dass oft nicht der Kunststoff selbst, sondern Stoffe, die beigemengt werden oder sich gern an ihn binden, die größere Gefahr darstellen.

Gefahren

Umso wichtiger ist es, jenes Plastik, das noch nicht am Grund des Marianengrabens liegt, davor zu bewahren, dorthin zu gelangen – keinen Beitrag dazu, sondern einen dagegen zu leisten. Und man kann freilich auch nach wie vor viele Aufnahmewege von Mikroplastik vermeiden oder verringern. Besonders groß ist diese, wie Studien nahelegen, ausgerechnet bei Säuglingen. »Das ist vor allem insofern ein Problem, als sowohl die Barriere des Darmes als auch das Immunsystem und das endokrine System sich gerade erst entwickeln«, erklärt die Nanotoxikologin Eleonore Fröhlich, die an der Medizinischen Universität Graz unter anderem zu möglichen Gesundheitsfolgen der Aufnahme von Mikro- und Nanoplastik in den Körper forscht. Wobei das endokrine System die ganze Kindheit zur Reifung braucht, die Dichtheit der erwachsenen Darmbarriere in den ersten zwölf Monaten entsteht und das Immunsystem des Darmes bis zum zweiten oder dritten Lebensjahr. Anders gesagt: Einerseits gelangt über den Mund aufgenommenes Mikroplastik bei Säuglingen viel einfacher in Bereiche des Körpers, wo es nicht wieder ausgeschieden wird, sondern sich dauerhaft ablagert. Andererseits kann es dort bei Säuglingen und Kleinkindern größeren Schaden anrichten als bei älteren Kindern und Erwachsenen. Darüber, welche Schäden das im Lauf eines Lebens sein können, ist noch wenig eindeutig belegt: Wer heute alt ist, war in seiner Kindheit und insgesamt im Leben seltener Mikroplastik ausgesetzt als heute geborene Kohorten. Und da sich die Ablagerungen im Laufe des Lebens ansammeln, sorge eine frühe Exposition schlicht auch dafür, dass sich mit den Lebensjahren mehr Plastik im Körper befindet, bemerkt Fröhlich.

Platinvernetztes Silikon

Platin-Silikonkautschuk wird derzeit in der Produktentwicklung für Medizinprodukte, Babyartikel und Produkte mit Lebensmittelkontakt getestet.

Unter den vielen bekannten und plausiblen Risiken bereiten der Nanotoxikologin die Partikeleigenschaften des Kunststoffs die größten Sorgen: Man wisse aus Tierversuchen und auch aus Untersuchungen von menschlichen Zellen, dass die Partikel von Fresszellen aufgenommen werden und deren Funktion negativ beeinflussen. Das heißt: »Fresszellen betrachten diese Partikel als Feind. Und das Ergebnis ist chronische Entzündung und eine ständige Aktivierung des Immunsystems. Das lässt sich inzwischen eindeutig nachweisen«, betont Fröhlich. Auch wenn noch keine klare Kausalität zwischen dem Vorhandensein von Kunststoffpartikeln im Körper und dem Entstehen bestimmter Krankheiten nachgewiesen werden konnte, weil der methodisch saubere Ausschluss anderer möglicher Gründe schwer ist: Der Grundmechanismus einer schädlichen Wirkung ist jedoch vielfach belegt. Fröhlich zufolge rechnet man zuerst und vor allem dort mit Auswirkungen, wo die Exposition stattfindet – »etwa in der Lunge, im Darm, … und die Organe im Körper wollen nicht ständig in Alarmbereitschaft sein«.

Der Weg in den Körper

Die größte Menge an Kunststoffpartikeln nehmen Menschen oral auf – über Wasser und Nahrung. Die zweitgrößte über die Luft. Diese zwei Quellen sind bei Säuglingen womöglich noch relevanter, erstens befinden sie sich die meiste Zeit in Bodennähe, wo die Luft stärker mit Kunststoffpartikeln belastet ist. Zweitens trinken und nuckeln viele mehrere Stunden am Tag aus und an Kunststoffprodukten. 2020 wurde nachgewiesen, dass Babyflaschen aus dem für diese üblichen Material Polypropylen (PP) bei sachgemäßer und von Herstellern empfohlener Verwendung Unmengen von Mikroplastik freisetzen. Nicht nur, aber besonders beim Verzehr von Formelmilch. Der Großteil des Plastiks wird dabei bei der Reinigung und Zubereitung freigesetzt: Mindestens vor dem Erstgebrauch in kochend heißem Wasser sterilisieren, mit heißem Wasser anmischen, schütteln – das Rezept zur Lösung von Partikeln aus der Flasche steht in der Bedienungsanleitung. Dass auch der Saugeraufsatz und die Dichtungsringe nachweislich ihren Schadstoffbeitrag leisten – legt die Vermutung nahe, dass Ähnliches auch für Schnuller gilt, für die dieselbe Materialauswahl auf dem Markt besteht: Silikon, Kunststoff oder Kautschuk. Doch auch Silikon und Kautschuk geben Partikel ab und sind nicht chemikalienfrei.

Wo anfangen?

Die gute Nachricht: Jene Stoffe in Bestandteilen von Babyflaschen, denen bisher die gravierendste negative Wirkung nachgewiesen werden konnte, lassen sich vermeiden: die Weichmacher. Das sehr häufig eingesetzte Bisphenol A ist in der EU seit Mai 2011 in Babyflaschen verboten. Aber auch die Ersatzstoffe (etwa BPS und BPF), von denen womöglich eine ähnliche Wirkung ausgeht, sind offensichtlich gar nicht notwendig, um die gewünschten Materialeigenschaften bei Dichtungen und Saugern zu erreichen. Wichtig ist, sich beim Einkauf nicht vom Ausweis »Bisphenol-A-frei« täuschen zu lassen, sondern insgesamt nach »weichmacherfreien« Produkten Ausschau zu halten, empfiehlt die Expertin Fröhlich.

»Fresszellen betrachten diese Partikel als Feind. Und das Ergebnis ist chronische Entzündung.«

Eleonore Fröhlich, Biochemikerin

Die schlechte Nachricht: Auch die Alternativen zu Kunststoffsaugern geben Materialpartikel und Zusatzstoffe frei – manche davon schätzt Fröhlich als problematischer ein als die von weichmacherfreiem Kunststoff: »Kautschuk ist vergleichsweise porös und wäre nicht meine erste Wahl, er kann allergieauslösend wirken und enthält wie auch Silikon ebenfalls Schadstoffe. Im Vergleich zu beiden hat Plastik in hygienischer Hinsicht ein bisschen die Nase vorn«, sagt Fröhlich und rät daher: »Ich würde auf weichmacherfreies Plastik setzen. Bald werden neue medizinische Silikone auf den Markt kommen, auch ein Hybrid aus Silikon und Kautschuk, das wird vorteilhaft.«

Materialermüdung

Auch durch vorsichtigeren Umgang mit dem »Flascherl« lässt sich die Freisetzung von Mikroplastik deutlich reduzieren: Einerseits sollten alle Teile regelmäßig auf Verschleißspuren geprüft werden. »Wenn der Sauger schon Risse bekommt oder sich verfärbt, dann muss er weg«, sagt Fröhlich, denn »je häufiger ein Produkt verwendet wird, desto mehr Schadstoffe setzt es frei.« Auch auf Recyclingmaterial möchte man für Säuglingsnahrung vielleicht eher nicht zurückgreifen, da es in der Regel mehr Schwermetalle und Rückstände von Schadstoffen aus der Produktion enthält. Eine Abwägungsfrage zwischen Keim- und Schadstoffbelastung ist, ob die Fläschchen nur vor dem Erstgebrauch ausgekocht werden oder vor jedem Gebrauch. Vor allem bei Frühgeborenen, untergewichtigen oder immungeschwächten Säuglingen, und während der ersten Lebensmonate tendieren die Empfehlungen der Behörden dazu, der Sicherstellung von Hygiene den Vorzug zu geben. Gerade in den ersten Monaten, solange die Babys nicht selbständig an der Flasche trinken können, kann mit geringem Sicherheitsrisiko eine Glasflasche eingesetzt werden. Für die späteren Monate empfiehlt sich die Zubereitung der Nahrung in einem Gefäß etwa aus Glas oder Edelstahl – und diese erst nach Abkühlung auf Trinktemperatur in Kunststoffflascherl umzufüllen.

Forschung zu Schadstoffen aus Babyflaschen

2020 erschien im Journal Nature Food die Studie »Microplastic release from the degradation of polypropylene feeding bottles during infant formula preparation«, die auch explizit das Sterilisieren miteinbezog und zeigte, dass die Zubereitung von Formelmilch gemäß WHO-Leitlinien zu erheblicher Mikroplastikexposition führt.




Die Studie »Thermal degradation and microplastic emission in polypropylene infant bottles: A laser direct infrared imaging study for exposure risk assessment« (Food Control) wies 2025 nach, dass auch Flaschen aus PPSU und Silikon messbar Polymerpartikel abgeben.

Geschlechterrollenermüdung

Ratschlägen wie »Die mütterliche Brust ist immer noch die sicherste Variante« entgegnet Fröhlich: »Das ist schlicht nicht immer praktikabel. Vor allem, wenn die Gesellschaft auch Männer aktivieren beziehungsweise ihnen die Möglichkeit geben will, sich einzubringen. Die Leihimmunität, die Muttermilch bietet, ist wertvoll als Allergieprophylaxe, aber auch abgepumpte Muttermilch landet in einem Fläschchen.«

Medizinerin und Biochemikerin Eleonore Fröhlich.

Eleonore Fröhlich: Die Medizinerin und Biochemikerin und vielzitierte Toxikologin forscht am Zentrum für Medizinische Forschung (ZMF) der Medizinischen Universität Graz. Bild: privat.

BIORAMA #103

Dieser Artikel ist im BIORAMA #103 erschienen

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