»Unser Acker ist der Parkplatz«
Seine Leidenschaft für Robotik und die Liebe zu Gemüse ließen einen Tiroler Studenten den Anbau von Kresse ...
Zeit, selbst im Laden zu stehen, hätte Stefan Gritsch keine. Aber es war ohnehin von Anfang an sein Ziel, möglichst viele Handgriffe zu vermeiden. Im besten Fall sogar: alle. Der 28-Jährige ist kein typischer Biobauer, sondern Quereinsteiger – ganz ohne eigenen Landbesitz; außerdem zweifacher Firmengründer und als Student gerade dabei, seinen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften abzuschließen. Trotzdem beliefert er mit seiner Firma Tirol Kresse bereits mehrere Großhändler, einige Spar-Filialen und 42 Hotels. Noch sprießen die nahrhaften Microgreens alle in Containern auf dem Parkplatz vor seinem Elternhaus in Telfs. Seine Aktivitäten werden mittlerweile sogar von der AWS gefördert, der Förderagentur der Republik. Denn die für Tirol so untypische Landwirtschaft ohne Traktor und Rindviecher wird nahezu vollautomatisiert betrieben. Und könnte so – zumindest für die Produktion von Kresse und gekeimtem Grünzeug – in die Zukunft weisen.
Dabei ist der Anbau von Kapuzinerkresse, das Keimen von Saaten und Samen natürlich nicht per se innovativ. Gerade im Winter gehören Keimschalen für Kresse und Sprossen von alters her zum Standardinventar vieler Haushalte. Schon in der Antike wurde in Griechenland und im Römischen Reich Kresse angebaut, um frisches Grün als gesunde, natürliche Nahrungsergänzung in Griffweite zu haben. Neue Designs machten schicke Keramikkeimschalen in den vergangenen Jahren plötzlich zum Schmuckstück, oft erweitert um Aboangebote für regelmäßige Saatgutsendungen als Geschäftsidee.

Biosaatgut und Sonnenstrom
Wer keine ein- bis eineinhalb Wochen warten möchte, bis die Kresse hoch genug gewachsen ist, kann sie aber auch vorgezogen kaufen. Hier kommen Bioproduzentinnen wie Tirol Kresse ins Spiel – und die von Stefan Gritsch entwickelten Roboter. Er selbst nennt sie »Gartenbots«, auch wenn sie in seinem Fall indoor und im Container im Einsatz sind. Mit der Idee, vollautomatisiert Kresse anzubauen, brachte der gelernte Anlagenbauer seine Leidenschaft für gekeimtes Grün und Robotik zusammen. Erste Versuche waren erfolgreich, Kresse war plötzlich im Überfluss vorhanden, AbnehmerInnen mussten gefunden werden. »Glücklicherweise ist das sehr, sehr gut angelaufen«, sagt der Tiroler. Das Zuschneiden der Hanfmatten, auf denen die Kresse wächst, das Eingießen der Samen, Bewässerung und Belichtung, die Anbauplanung, der Verkaufsvorgang für GroßabnehmerInnen – all das läuft in den Containern vollautomatisiert ab. Wie genau das – noch im Stadium des patentierten Prototypen – passiert, bleibt ein Betriebsgeheimnis. Auch wann welche Arbeitsabläufe passieren, wird automatisiert entschieden. Die PV-Anlage am Containerdach deckt zwar nur einen Teil des Energiebedarfs ab. Damit dieser aber möglichst groß ist, wurde der Gartenbot so programmiert, dass aktive Arbeitsschritte dann gesetzt werden, wenn viel Sonnenstrom verfügbar ist. »Die Hauptaufgabe von uns Menschen ist die Qualitätssicherung und die Logistik«, sagt Gritsch, der mittlerweile zwei MitarbeiterInnen hat. Diese achten auch darauf, dass das Biosaatgut so regional wie möglich gekauft wird. Größtenteils stammt es aus Tirol und Bayern. »Das Weitesthergeholte kommt aus Florenz«, sagt Gritsch, »nicht aus Indien oder Pakistan, woher viele ihre Samen beziehen.« Eine Angelegenheit von Menschen und Vertrauenssache bleibt auch, was gerade in Vorbereitung ist: das Errichten weiterer Container, in denen nicht nur produziert, sondern aus denen auch verkauft wird. Einer soll demnächst vor der Biogasanlage in Telfs stehen, um dortige Energieüberschüsse sinnvoll zu nutzen. Für zwei Uniprüfungen lernen muss der Gründer auch noch. Geht sich alles aus. »In den Containern müssen alle zwei Wochen die Hanfmatten, Töpfe und Samen aufgefüllt werden«, sagt er. »Das ist wie das Warten und Befüllen einer Kaffeemaschine.«
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