Aus Donut wird Krapfen

Viele Kleinstädte leiden unter unbelebten Stadtzentren – das Leben spielt sich am Stadtrand ab: Man spricht vom Donut-Effekt. Doch Schritt für Schritt können Stadtkerne wiederbelebt werden.

Die Stadtgemeinde Trofaiach ist ein Beispiel für eine ehemalige Donut-Stadt. Die Begegnungszone wurde von Stigl-Enge Architekten ZT geplant. Bild: Fotofreisinger.
Die Stadtgemeinde Trofaiach ist ein Beispiel für eine ehemalige Donut-Stadt. Die Begegnungszone wurde von Stigl-Enge Architekten ZT geplant. Bild: Fotofreisinger.

Wenn Architekt Roland Gruber von Donuts, Krapfen oder Marmeladefüllungen redet, dann meint er damit nicht die süßen Versuchungen, sondern redet von Städteplanung. Als Donut wird eine Stadt bezeichnet, deren Zentrum unbelebt ist. Eine Krapfen-Stadt hingegen schafft es, mit der richtigen Marmeladefüllung Leben in den Ortskern zu bringen. Wie kam es zu diesen Begriffen? Und wie zu dem Phänomen der sterbenden Stadtzentren?

Am Stadtrand ragen Hochhäuser und Einkaufszentren aus dem Boden. Riesige Gebäude, eins nach dem anderen. Im Stadtkern prägen leere Geschäftslokale und wenige, übrig gebliebene Cafés das Stadtbild. Jede/r kennt ein Beispiel eines quasi ausgestorbenen Ortskerns. »Wenn man sich die Raumentwicklung in Österreich anschaut, hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten rund um die Ortskerne das ganze Leben angesiedelt. Im Speckgürtel vieler Orte ist ein Ring aus Wohnen, Gewerbe, Handel, Arbeit und Freizeit entstanden. Dadurch wurden die Ortskerne entleert und es ist eine Ödnis in der Mitte entstanden«, erklärt Roland Gruber, Geschäftsführer des Architekturbüros nonconform. Weil die Grundstückspreise meist billiger und die baulichen Vorschriften einfacher waren, wurde und wird viel am Stadtrand anstatt im Stadtzentrum gebaut. Das betrifft Wohnbauten, Einkaufsmöglichkeiten und Unternehmen und damit auch Arbeitsplätze. Das Ergebnis? Wird gleichzeitig mit der Bebauung am Stadtrand nicht auf die Erhaltung eines attraktiven Stadtkerns geachtet, stirbt dieser langsam aus. 

Viele Kleinstädte leiden unter unbelebten Stadtzentren. So auch Trofaiach bis vor wenigen Jahren. Bild: nonconform.
Viele Kleinstädte leiden unter unbelebten Stadtzentren. So auch Trofaiach bis vor wenigen Jahren. Bild: nonconform.

Der Donut-Effekt

ArchitektInnen und RaumplanerInnen sprechen vom Donut-Effekt. Das Loch in der Mitte des Donuts stellt die Öde im Stadtzentrum dar. Dass solche Donut-Städte langfristig nicht wünschenswert sind, da sie für kein attraktives Stadtbild sorgen – geschweige denn für den Tourismus interessant sind – ist klar. Um aus einem Donut-Ort wieder einen Krapfen-Ort zu machen, benötigt es im Wesentlichen drei Schritte, meint Gruber: »Erstens müssen Politik und Verwaltung die Innenentwicklung vor der Außenentwicklung fördern. Der zweite Schritt sind dann die Marmeladefüllungen, die man im Stadtkern braucht. Die müssen innovativ sein und partizipativ mit der Bevölkerung entwickelt werden. Der dritte Schritt ist die Installierung einer Person oder Personengruppe, die sich um diese Aufgaben kümmert. Im Idealfall stellt die Gemeinde einen sogenannten Innenstadtkoordinator an. Und dann gilt es mindestens zehn Jahre durchzuhalten, damit der Erfolg auch sichtbar wird.«

ArchitektInnen und RaumplanerInnen verstehen unter dem Donut-Effekt folgendes: Das Loch in der Mitte des Donuts stellt die Öde im Stadtzentrum dar. Bild: Thorsten Frenzel, Pixabay.
ArchitektInnen und RaumplanerInnen verstehen unter dem Donut-Effekt folgendes: Das Loch in der Mitte des Donuts stellt die Öde im Stadtzentrum dar. Bild: Thorsten Frenzel, Pixabay.

Vorzeigebeispiel: die steirische Stadtgemeinde Trofaiach

In der zwischen Leoben und Eisenerz gelegenen Stadtgemeinde Trofaiach leben rund 11.200 Menschen. Bis vor wenigen Jahren war Trofaiach eine typische Donut-Stadt. Ab den 1970er-Jahren führten Abwanderung, ein verändertes Mobilitätsverhalten und städtebauliche Entscheidungen zum Donut-Effekt. Das Stadtzentrum verlor seine Funktion und damit seinen Charme. Seit dem Jahr 2014 arbeitet die Stadtgemeinde nun zusammen mit nonconform daran, Trofaiachs Stadtkern wieder zu beleben. Rund fünf Jahre später kann eine Zwischenbilanz gezogen werden.

Im Jahr 2015 gab es circa 40 leerstehende Immobilien in Trofaiach, 30 davon unmittelbar in der Innenstadt. In den letzten Jahren bemühte man sich, dem entgegenzuwirken. Das ehemalige Bankgebäude in der Hauptstraße wurde zur Musikschule umgebaut. Zweimal jährlich findet im Stadtzentrum ein Flohmarkt statt. Neue Parkplätze und öffentliche Veranstaltungen wie ein Triathlon und ein Open-Air-Kino wurden geschaffen. Ein neues Gasthaus, ein Bauernladen und eine Kinderkrippe eröffneten. Der öffentliche Verkehr wurde ausgebaut und eine Begegnungszone im Stadtkern geschaffen – um damit nur einige der vielen Erneuerungen zu nennen. Trofaiach ist am besten Weg zu einer belebten und innovativen Innenstadt. Das zeigen auch Preise und Auszeichnungen wie der ÖGUT Umweltpreis im Jahr 2018. 

Im Zuge der Revitalisierung der Stadtgemeinde wurde in Trofaiach ein neuer Busterminal gebaut. Bild: Fotofreisinger.
Im Zuge der Revitalisierung der Stadtgemeinde wurde in Trofaiach ein neuer Busterminal gebaut. Bild: Fotofreisinger.

»In Südtirol ist der klassische Nahversorger in den Orten immer noch im Zentrum. Und dort ist auch das Leben. Man geht einkaufen, setzt sich wo hin, trinkt einen Kaffee. Viele schätzen die Aufenthaltsqualität und zufällige Begegnungen an den italienischen Orten, fahren dort gerne hin. Gleichzeitig machen wir aber genau das Gegenteil bei uns in Österreich«, zeigt sich Roland Gruber unverständlich. Er hofft auf ein Umdenken vieler weiterer Gemeinden und Städte. Im akuellen Regierungsprogramm in Österreich ist die Stärkung der Orts- und Stadtkerne zumindest festgehalten.

Das Panorama der Stadtgemeide Trofaichach ist hier online abrufbar. Auch Nonconform bietet weitere Info über Trofaiach. Relevante weiterführende Forschungsergebnisse finden sich etwa beim Deutschen Seminar für Städtebau und Wirtschaft in einer Studie über die Wirkung von Einkaufszentren in der Innenstadt. Und hier geht’s zu einem Forschungsbericht über Lebenswerte Innenstädte, ein Projekt  des Forschungsprogramms  »Experimenteller  Wohnungs-  und  Städtebau«.

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