Rösterreich zuerst – #ökosozialfasten

Waldviertler Graumohnstrudel, beworben als „handgemacht & traditonell“ und „aus unserer Backstube“. Wer genau schaut entdeckt bei den Zutaten konventionelles Palmöl und Kokosfett. „Regional“ ist beides nicht. Öko noch viel weniger. (Foto: Thomas Weber)

„40 Tage lang Vorrang für heimische Lebensmittel“ propagiert das Ökosoziale Forum. Ein Fasten-Selbstversuch mit dem Anspruch, die Sache ernst zu nehmen.

In der Fastenzeit keinen Kaffee – das ziehe ich alle zwei Jahre durch. Heuer gehe ich einen Schritt weiter und esse 40 Tage nur Produkte aus Österreich. Klar bevorzugt: Bio-Produkte aus Österreich.
Ich tippe diese ersten Zeilen mit Kopfschmerzen. Ich tippe auf Koffeinentzug. Aus Vorjahren kommt mir das bekannt vor. Wenn ich mir mein berufliches Umfeld so ansehe, dann bin ich zwar kein Koffeinjunkie. Aber auf zwei, manchmal drei Tassen komme ich schon so am Tag. Heute Früh griff ich gleich einmal zu einem Dinkel-Löskaffee, der unter dem Namen Rösterreich beworben wird. „Röstereich zuerst“ gewissermaßen. Die Zutaten: 100% Dinkel aus biologischem Anbau, hergestellt im traditionellen Holzröstverfahren, koffeinfrei. Die Hersteller, ein freundliches junges Biobauernpaar aus Handenberg, habe ich vor ein paar Jahren einmal auf einer Messe kennengelernt. Vielleicht ist das Pulver in der Zwischenzeit abgelaufen, ich habe nicht nachgesehen. Gerochen und geschmeckt hat es wie in meiner Erinnerung. Jetzt fehlt er mir also körperlich, der Kaffee.

Koffeinfrei, zu 100% bio und aus Österreich: der Freifelder Löskaffee. Die Bialetti werde ich die nächsten 40 Tage über nicht brauchen. (Foto: Thomas Weber)

Warum der ganze Spaß? Das Ökosoziale Forum hat gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die Fastenzeit über an seinem Facebookprojekt #ökosozialfasten teilzunehmen: „40 Tage lang Vorrang für heimische Lebensmittel“.

Die Selbstbeschreibung des Projekts:
„Gewiss, heimisch kaufen sollte bereits gepflegter Usus unter den Konsumentinnen und Konsumenten sein. Ist es aber nicht. Noch immer greifen viele Konsumenten zu ausländlichen – weil oft billigeren – Lebensmitteln. Das Ökosoziale Forum möchte nun die Fastenzeit nützen, um noch mehr Bewusstsein für heimische Produkte zu schaffen und die Konsumenten dafür zu sensibilisieren, dass sie mit ihrem Griff ins Regal wesentlich über die Zukunft der heimischen Landwirtschaft mitentscheiden.
Mit der Initiative #ökosozialfasten lädt das Ökosoziale Forum seine Fans und Follower ein, in der Fastenzeit ausschließlich Produkte aus Österreich zu kaufen. Denn: Müssen es wirklich immer der Knoblauch aus China, die Erdbeeren aus Südafrika oder das Rindfleisch aus Argentinien sein?“

Gut, der Koffeinentzug müsste also nicht sein. Schließlich ist das Projekt ja nicht dogmatisch angelegt. Es geht um Vorrang und nicht um Fahrverbote, um im Bild zu bleiben. Und Kaffee wächst bis auf Weiteres keiner in Österreich. Ich kann meine Teilnahme am #ökosozialfasten durch den Kaffeeverzicht aber immerhin mit meiner persönlichen Fastentradition verbinden. Was ich in den nächsten Tagen auch noch weglassen werde: Avocado, das Süßen mit Agavendicksaft. Zum Glück steht zu Hause noch ein halbvolles Glas selbstgemachtes Sauerkraut. Gefahr, dass ich in der Fastenzeit an Skorbut erkranke, besteht also keine.

Woher Lebensmittel stammen, ist mir auch das restliche Jahr über wichtig. Wichtiger als Regionalität ist mir allerdings das Wie. Bio-Zertifiziertes sticht bei meinem persönlichen Einkaufsverhalten Regionales im Zweifel ganz klar. Warum, das habe ich in meinem Buch „100 Punkte Tag für Tag“ in einem ausführlichen Kapitel erläutert. In aller Kürze: Ich wohne im Marchfeld. Das Grundwasser dort ist belastet, die Landwirtschaft intensiv, Bio die Ausnahme. Regionalität als alleiniges Kriterium ist beim Anspruch richtig gut zu essen also eher unbrauchbar. Oft ist Regionalität auch schlicht eine Lüge, um Konsumenten zu täuschen. Wenn das Mastfutter aus südafrikanischem Soja besteht oder wenn das Gemüse zwar in der Gegend wächst, dafür aber die billigen Erntehelfer als Saisonarbeiter anreisen, dann ist Regionalität nicht mehr als eine Behauptung.

Gutes aus der Region? – Vor allem ein Marketingschmäh, wenn gleichzeitig konventionelles Palmöl („Palmfett“) verarbeitet wird. (Foto: Thomas Weber)

Ich werde also – um die Sache für mich selbst ernst nehmen zu können – die kommenden 40 Tage über österreichischen Bio-Produkten Vorrang geben. Was die Sache doch deutlich erschwert. Der Biosalat, den ich vorhin im Supermarkt kaufen wollte, war aus Italien. Den konventionellen aus Wien habe ich liegengelassen.

Und so ist das Mittagessen am ersten Fasttag gleich einmal anders ausgefallen als sich meine Oma fasten vorgestellt hätte. Zu den am Vorabend aufgetauten und mit Zwiebel gedünsteten Fisolen (ja, die Gartenerntesaison 2016 war ergiebig) habe ich mir Bio-Würstel gewärmt. Viel mehr gibt die Büroküche ohnehin nicht her.

Bereits vor Beginn der Fastenzeit habe ich mich über die Regional-Verarsche einiger österreichischer Lebensmittelvermarkter geärgert. Es gut meinende Gäste hatten mir bei Besuchen süße Mitbringsel gebracht. Gutgläubig hatten sie zu „regionalen“ Produkten gegriffen, im Vertrauen darauf, etwas Besonderes zu kaufen, also auch ethisch vertretbare Produkte. Sowohl in den Faschingskrapfen („Gutes aus der Region“) als auch im traditionell, handwerklich und sogar mit geschützter Ursprungsbezeichnung vermarkteten Waldviertler Mohnstrudel von Waldland weist das Kleingedruckte als Zutat allerdings Palmfett aus. Konventionelles Palmfett. Die aus ökologischer Sicht derzeit vermutlich schlimmste Zutat von allen. Wer das Öko in #ökosozialfasten also ernst nimmt, darf diese Produkte nicht kaufen. Das ganze Jahr über nicht.

Fortsetzung folgt.

Oma hätte anders gefastet. Mein erstes, hurtig zubereitetes Mittagessen: Fisolen, Würstel, Joghurt. (Foto: Thomas Weber)

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