Mokka aus Alu?

Kaffee ist eine der zentralen Aluminiumquellen unter den Lebensmitteln. Wider Erwarten liegt das nicht an den Alu-Kaffeekapseln.

Eine Espressokanne und Kaffeebohnen.
»Wenn man eine Woche lang jeden Tag einen halben Liter Kaffee aus der Espressokanne trinkt, nimmt man etwa 0,3 bis 0,5 Prozent des Grenzwerts auf«, erklärt Franz Jirsa, Studienleiter an der Universität Wien, über die Aufnahme von Aluminium durch Kaffee aus Alu-Espressokannen. Bild: iStock.com/Alberto Masnovo.

Der Hype um den Kaffee aus den bunten Aluminiumkapseln hat sich nach Jahren wieder etwas gelegt. Doch er hat Spuren hinterlassen: Selbst im Herkunftsland der Espressokanne Italien schreibt der Platzhirsch Bialetti rote Zahlen. 2018 meldete das Unternehmen grobe finanzielle Schwierigkeiten, eine Trendwende ist nicht erkennbar. 19 Geschäfte wurden geschlossen, 15 davon in Italien. Deshalb wolle man sich in Zukunft auf andere Produkte als die Mokkakanne konzentrieren, etwa Kaffeekapseln. Indessen meldete im Juli 2020 Nespresso, einer der größten Hersteller von Kaffee in Aluminiumkapseln, 300 neue Arbeitsplätze in der Kapselproduktionsstätte in der Schweiz schaffen zu wollen, was vermuten lässt, dass das Unternehmen nicht – wie Bialetti – mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. 
Die Kaffeekapseln belasten nicht nur die Umwelt, sie sind auch eine mögliche Quelle für einen erhöhten Aluminiumgehalt im Kaffee. Das beliebteste Heißgetränk der Deutschen und ÖsterreicherInnen zählt ohnehin schon zu den am stärksten mit Aluminium belasteten Lebensmitteln. 

Das gibt Anlass zur Sorge, denn Aluminium steht im Verdacht, eine Reihe von Krankheiten auszulösen. Etwa Brustkrebs, Alzheimer und Schäden am Nervensystem. Obwohl die Forschungsergebnisse hier nicht eindeutig sind, raten ExpertInnen, den Alu-Konsum so weit wie möglich einzuschränken, der Gesundheit und der Umwelt zuliebe. Doch wie kommt das Metall eigentlich in die Lebensmittel?

Alu ist eines der am häufigsten in der Erdkruste vorkommenden Elemente. Das bedeutet, dass Pflanzen es über den Boden aufnehmen. Lebensmittel enthalten deswegen praktisch immer Aluminium in verschiedensten chemischen Verbindungen. Getreide und Gemüse sind, abhängig von den lokalen Bedingungen im Anbaugebiet, häufig besonders belastet, so auch Tee und Kaffee. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nennt außerdem Getreide und Gemüse als typische potenzielle Quellen für die Aufnahmen von Aluminium. Lebensmittel können aber auch über Kontakt zu anderen Gegenständen Aluminium aufnehmen, zum Beispiel durch Verpackungen oder Kochutensilien. Womit wir bei den Alu-Kapseln und der Espressokanne sind.

Aluminium im Kaffee: Kapseln oder Mokkakanne?

Je nach Zubereitungsmethode enthält Kaffee unterschiedlich viel Aluminium, das hat eine 2020 erschienene Studie der Universität Wien gezeigt. Der Verdacht der Forscher war, dass der Kaffee durch die Lagerung in den Alukapseln Aluminium aufnehmen könnte. Das ist allerdings nicht der Fall, wie Studienleiter Franz Jirsa erklärt: »Die Nespresso-Kapseln sind innen mit Kunststoff beschichtet. Das heiße Wasser kommt zwar mit den Schnittflächen, die die Maschine in die Kapsel drückt, in Berührung, die Kontaktzeit ist aber zu kurz und die Fläche zu klein, als dass darüber eine signifikante Menge an Alu in den Kaffee übergehen könnte.«

Espressokanne mit Kaffeepulver.
Laut der unter dem Titel »Aluminum in Coffee« im Juni 2020 erschienenen Studie von Chemikern der Universität Wien enthält Kaffee, der in Alu-Mokkakannen zubereitet wurde, im Vergleich zu anderen Zubereitungsmethoden um ein Vielfaches mehr an Aluminium. Bild: iStock.com/PhoThoughts.

22 Prozent der Deutschen haben eine Kapselkaffeemaschine zuhause, so der Kaffeereport des Einzelhandelsunternehmens Tchibo 2020, für den 5000 KaffeetrinkerInnen zwischen 18 und 64 Jahren befragt wurden. Ungeschlagen ist laut dem Report die Filterkaffeemaschine, 56 Prozent der Deutschen haben eine daheim. Immerhin 14 Prozent setzen auf die Espressokanne für den Herd, die, wie die Kapseln, meist aus Aluminium besteht. Glaubt man Fans der Alu-„Mokka«, wie man sie im Herkunftsland Italien nennt, bildet sich beim Kochvorgang an der Metalloberfläche eine schützende Schicht, wodurch kein Aluminium in den Kaffee gerät. »Diese Schicht bildet sich auch, man kann sie mit freiem Auge sehen, aber unter dem Elektronenmikroskop sieht man auch, wie sie bröckelt und löchrig wird«, sagt der Chemiker Jirsa. Ein Forschungsteam um Jirsa hat untersucht, welche Kaffeezubereitungsmethode am wenigsten Aluminium im Kaffee hinterlässt. Klare Verliererin war die Espressokanne aus Alu. »Wir haben herausgefunden, dass bei der Kanne eine signifikant höhere Alu-Menge ins Wasser gelangt«, sagt Jirsa. »Die gute Nachricht ist wider Erwarten, dass das Kaffeepulver einen Teil dieses Aluminiums wieder absorbiert.«

Grenzwerte werden nicht erreicht

Aber ist der Kaffee aus der Mokkakanne gesundheitsschädlich? Nicht zwangsläufig. Allerdings gibt es wegen des Verdachts auf gesundheitliche Schäden von der EFSA die Empfehlung, den Grenzwert von einem Milligramm Aluminium pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche nicht zu überschreiten. Gemeint ist hier die orale Aufnahme durch Lebensmittel. »Diesen Grenzwert erreicht man mit bloßem Kaffeekonsum nicht«, meint Franz Jirsa. »Wenn man eine Woche lang jeden Tag einen halben Liter Kaffee aus der Espressokanne trinkt, nimmt man etwa 0,3 bis 0,5 Prozent des Grenzwerts auf.«

Die EFSA geht bei dem auf ein Milligramm festgelegten Grenzwert von der durchschnittlichen Aluminiumaufnahme eines erwachsenen Menschen aus. Normalerweise liege die zwischen 0,2 und 1,5 Milligramm pro Woche, gibt die EFSA auf Nachfrage von BIORAMA an. Solche Grenzwerte seien meist sehr niedrig angesetzt, um auf der sicheren Seite zu sein, erklärt der Chemiker Franz Jirsa. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schätzt allerdings, dass die Mehrheit der Bevölkerung im Durchschnitt über Lebensmittel bereits die Hälfte der »duldbaren wöchentlichen Aufnahmemenge« zu sich nimmt, wobei hier Kosmetika wie Antitranspirante noch nicht einberechnet sind. Unter dieser »duldbaren Menge« versteht das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung jene Menge, die man pro Woche aufnehmen kann, ohne Gesundheitsschäden erwarten zu müssen. Kaffee ist also nur eine von vielen potenziellen Aluminiumquellen. Aber eine, die man leicht umgehen kann, indem man beispielsweise eine Espressokanne aus Edelstahl verwendet.

»Man sollte, wenn man es sich aussuchen kann, Aluminium in jeder Form meiden«, meint der Chemiker Jirsa. Das empfiehlt auch das BfR. Nimmt man über lange Zeiträume erhöhte Aluminiummengen zu sich, könne sich das Aluminium im Körper an bestimmten Stellen anreichern. »Einmal im Körper eingelagertes Aluminium wird nur sehr langsam wieder ausgeschieden«, betont Bernd Schaefer, Leiter der Fachgruppe Lebensmitteltoxikologie am BfR. Betroffen seien davon vor allem das Skelett, Muskeln, Nieren, Leber und das Gehirn.
Es gibt noch einen anderen guten Grund, Aluminium zu meiden: Die Produktion belastet die Umwelt enorm. Dabei fällt der sogenannte Rotschlamm an, der als Giftmüll in großen Becken gelagert wird und Boden, Wasser und somit AnwohnerInnen in den Exportländern verseucht. Jede Tasse Kaffee, die ohne Alu-Kapseln, zum Beispiel in einer Edelstahl-Mokka, zubereitet wurde, kann dazu beitragen, dieses Problem einzudämmen.

Espressokocher und Kaffeebohnen.
Die laut deutschem Bundesinstitut für Risikobewertung »duldbare wöchentliche Aufnahmemenge« von Aluminium liegt bei einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. »Einmal im Körper eingelagertes Aluminium wird nur sehr langsam wieder ausgeschieden«, erklärt Bernd Schaefer, Leiter der Fachgruppe Lebensmitteltoxikologie des BfR. Bild: iStock.com/Frederic Hodiesne.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #70 erschienen

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