Mode muss durchsichtig sein

Der Bereich Fashion hinkt in der Zertifizierung nach sozialen und ökologischen Standards anderen Branchen hinterher. Was KonsumentInnen trotzdem erwarten können.

Fashion-Labels sind immer öfter eco, sie arbeiten fair, grün, nachhaltig und regional. Die Vorstellungen davon, was das bedeutet, gehen weit auseinander – bei KonsumentInnen wie ProduzentInnen. Standards gibt es wenige, umfassende Zertifizierungen sind selten und stecken in mancher Hinsicht noch in den Kinderschuhen.

Die Modebranche ist angesichts dessen, wie intensiv seit einigen öffentlichkeitswirksamen Skandalen der letzten Jahre (der Einsturz des Rana Plaza, Mikroplastik im Menschen und überall in der Umwelt durch Kunstfaserabrieb, gigantische Müllstrudel im Meer) mit sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit Marketing betrieben wird, doch richtig weit hinten. Vor allem im Vergleich zu den Bereichen Lebensmittel und auch Kosmetik. Wer Mode nachhaltig einkaufen will, ist in der Auswahl im Vergleich zum konventionellen Sortiment noch stärker eingeschränkt und die Standards und Kriterien sind komplex, die Produktionsketten, in denen diese nachweisbar eingehalten werden sollen, lang.

Im Bereich Mode ist es also besonders mühsam für EndverbraucherInnen, die wissen wollen, was sie kaufen. In puncto Chancen auf Nachvollziehbarkeit könnte man zusammenfassen: kunststofffrei und bio vor fair und regional.

Mehr zum Thema »bio« als Standard in der Mode im Guide »Gütesiegel für Anfänger und Fortgeschrittene«, einer von BIORAMA in Kooperation mit Südwind zusammengestellten Auswahl der gängigsten und aussagekräftigsten Gütesiegel im Bereich Fashion: www.biorama.eu/eco-fashion-siegel

Wer darf hier »fair« sagen?

Das Gütesiegel Fairtrade hat das Wort fair nicht für sich gepachtet, betonen sowohl Lisa Muhr, ehemalige Co-Geschäftsführerin des biofairen Pionier-Labels »Göttin des Glücks«, als auch Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich.

Was heißt fair produziert in Europa? Fairness liegt so sehr im Auge der BetrachterInnen wie Regionalität. Fair ist als Adjektiv schnell auf ein Produkt geklebt, mit einer Fairtrade-Zertifizierung des Rohstoffs

Fairtrade-zertifizierbar ist nur der Rohstoff – im Bereich Textilien nur Baumwolle. Das Fairtrade-Siegel für Baumwolle tragen daher Produkte, die zu 100 % aus Fairtrade-Baumwolle gefertigt sind, oder Mischgewebe, deren Baumwollanteil 100 % fairtrade-zertifiziert ist. Die im Endprodukt verarbeiteten Rohbaumwolle ist zurückverfolgbar.

oder Transparenz über die Einhaltung von Arbeitsstandards in dessen Verarbeitung hat das aber noch nicht zwangsläufig zu tun. Manchmal wird unter fair verstanden, dass das Produkt vom Feld bis zur Schneiderei in Europa produziert wird. Manchmal, dass die Label-GründerInnen sich persönlich von den für sie angemessenen Arbeitsbedingungen in Zulieferbetrieben im In- und Ausland überzeugt haben. Manchmal, dass die letzten Arbeitsschritte wie Aufdrucke und Konfektionierung in derselben Stadt stattfinden, in der auch der Laden der Modemarke betrieben wird. Manchmal bedeutet es noch weniger. Zu oft wird man auf Websites, bei Gesprächen mit den VerkäuferInnen von Eco-Fashion in Shops und auf Märkten im Dunkeln über die Details gelassen. »Wenn eine Designerin zu mir sagt, sie näht selbst, dann ist das ja schön, aber das hat für mich nichts mit der Frage nach Nachhaltigkeit oder Fairness zu tun«, lautet hierzu Lisa Muhrs Zusammenfassung. Auch Andrea Reitinger von der EZA Fairer Handel GmbH – unter anderem Betreiberin der Marke Anukoo und auch Muhrs ehemaliger Zulieferbetrieb und Produktionspartnerin – sieht den Regionalitätshype kritisch. Dessen Andrea Reitinger betont: »Regional und global sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, es geht doch bitte darum, dass menschenwürdige Arbeitsbedingungen weltweit durchgesetzt werden.«

2017 wurden in Österreich 732 Tonnen Fairtrade-Rohbaumwolle in Form von Bekleidung und Textilien gekauft, 72 % davon in Bioqualität, das resultierte in 0,9 Millionen US-Dollar Direkteinnahmen für die Produzentenorganisationen. Die Direkteinnahmen setzen sich aus dem Mindestpreis, dem Bioaufschlag und der Fairtrade-Prämie zusammen.

Zertifikate kosten

Sich als Label selbst eine Zulieferkette aufzubauen, über die man zuverlässige Aussagen treffen kann, ist also viel Arbeit. Die Arbeit mit zertifiziertem Material nimmt einem das zumindest teilweise ab, ist aber auch nicht gratis. Viele AnbieterInnen geben diese Kosten als Grund dafür an, nicht über entsprechende Zertifizierungen zu verfügen. Zumindest im Bereich Fairtrade lässt Kirner dieses Argument höchstens halb gelten: »Wenn man über die Kosten der Zertifizierung spricht, sind die Kontrollkosten vernachlässigbar. Der größte Posten sind die sogenannten Compliance-Kosten. Das heißt, sich an die Standards zu halten und das auch nachzuweisen.« Die Kontrollkosten, wie Kirner es nennt, also das, was die Zertifizierung selbst kostet, belaufen sich laut Kirner je nach Firmengröße auf 1800 bis 3000 Euro. »Wir haben eine Extralösung für sehr kleine Firmen, die dann nur ein Drittel bezahlen. Dazu kommen dann noch die Lizenzgebühren, die an uns abzuführen sind. Das sind 1,5 % vom Großhandelspreis.« 

Wie viel kostet die Zertifizierung, wenn ein eher kleines Label biofair-zertifizierte Mode anbieten will?

Lisa Muhr, ehemalige Geschäftsführerin des Labels »Göttin des Glücks«: »Bei uns waren es grob 2000 bis 3000 Euro für Fairtrade im Jahr, und noch einmal 3000 Euro fürs GOTS-Zertifikat.«

Ein weiterer Grund, nicht auf Fairtrade-Material zurückzugreifen, ist die Auswahl an Materialien, Qualitäten und Mustern. »Ich kann nicht sagen: Da hab ich einen karierten Stoff, der gefällt mir, den möchte ich jetzt in Fairtrade-Qualität«, erläutert Kirner einen Umstand, der für Labels eine Einschränkung darstellt. »Grundsätzlich kann man schon Muster bestellen. Aber die schnelllebige Modebranche mit bis zu zwölf Kollektionen im Jahr ist schwierig mit der Zertifizierung zu vereinbaren.« Im Basisbereich funktioniere das viel besser, so etwa bei einfachen Produkten wie Heimtextilien und Taschen mit kurzen Wertschöpfungsketten. Auf die Frage, was er denn Labels rate, für die Fairtrade aus diesen Gründen keine Option darstelle, sagt Kirner ganz direkt: »Da würde ich dann beispielsweise Richtung Biobaumwolle gehen. Und hier zum GOTS-Standard.«

Regional ist näher

Regional produziert oder einfach nur »regional« kann auch in der Mode alles und nichts heißen, wobei ein Großteil der in der Textilindustrie verarbeiteten Rohstoffe und auch Stoffe schlicht nicht in Europa produziert wird.

Und auch bei den Arbeitsschritten in Europa bzw. der EU kann man nicht davon ausgehen, dass in allen Teilen Europas gleich hohe Standards eingehalten werden.

Hartwig Kirner betont: »Europa heißt auch nicht: Das Optimum ist erreicht. Aber wenn man weiß, dass es in Europa unter anständigen Bedingungen produziert ist, dann darf das auch fair heißen. Es ist ja gut, wenn Unternehmen versuchen, ihre Lieferketten besser zu machen.« Nur bestehe die Gefahr, schränkt Kirner ein, dass es beim Versuch und beim guten Willen bleibe: »Es ist gerade im Textilbereich schwierig, durch die ganze Kette dafür zu sorgen, dass es anständig zugeht. Ich hab immer Bauchweh, wenn jemand sagt ›Da vertrau ich meinen VorlieferantInnen‹.«

HerstellerInnen beziehen sich mit dem Schlagwort regional oft einfach nur auf den letzten Produktionsschritt eines Stücks – das Nähen – sowie auf die Vermarktung. Das T-Shirt ist dann also mitunter so regional produziert wie ein Dessert aus tropischen Früchten. Das gilt besonders für Textilien aus natürlichen Materialien – allen voran für Baumwolle. Lisa Muhr meint dazu: »Wenn die ProduzentInnen angeblich regionaler und fairer Fashion selbst nicht wissen, wie ihr Rohstoff produziert wird, wie der Stoff daraus gewebt wird, sondern nur, wo genäht wird oder dass sie selbst nähen, ist das nicht genug. Das Ziel muss sein, dass die Entwicklung dieser nun etwa zehn Jahre alten Branche in weiteren zehn Jahren dort ist, dass die gesamte Kette zumindest nachvollziehbar ist.«

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #60 erschienen

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