Achtsamkeit am Karpfenteich

Christa Kummer pendelt zwischen den Welten: zwischen Wissenschaft und TV-Publikum, zwischen drinnen im Fernsehstudio und draußen auf weiter Flur, zwischen Wien und Waldviertel.

Karpfenfüttern am Großen Stronesteich: Christa Kummer und Bernhard Berger (Bild: BIORAMA/Martin Schiffer)

Den Karpfen hat Bernhard Berger hinten auf dem Pick-up mitgebracht. Im Bottich, fürs Foto. Die frische Brise am Großen Stronesteich täuscht, der Teichwirt weiß, dass der Fisch bald wieder ins Wasser gehört. Das Foto – das ist ihm ein Anliegen – erledigen wir deshalb bitte zuallererst. Es ist ein Sommertag in Waldreichs. Früher Vormittag, mitten im Waldviertel. Christa Kummer, die beide herbestellt hat, den Leiter der Teichwirtschaft des Guts Ottenstein und den Biokarpfen, ist voll in ihrem Element: vor der Kamera, in der Natur. Drei Minuten, dann darf der Karpfen aus dem Kescher unbeschadet in den Teich. Wenn ihn nicht der Otter oder ein Kormoran holt, dann hat er noch einen Sommer vor sich. Erst im Spätherbst, wenn die Tiere zwei Sommer hinter sich haben, werden die Teiche abgefischt.

Christa Kummer und der Biokarpfen, der nur fürs Foto aus dem Wasser musste. Abgefischt wird erst im Spätherbst. (Bild: BIORAMA/Martin Schiffer)

Das Abfischen ist im Waldviertel, wo die Teichwirtschaft eine lange Tradition hat, vielerorts ein Volksfest. »Ein beeindruckendes Spektakel«, weiß Christa Kummer. Aber hier am Stronesteich wird es ruhig und klein gehalten. Das Wasser ist Teil einer uralten Teichkette, die aus dem Mottenbach gespeist wird, direkt aus dem Gelände des Truppenübungsplatzes Allentsteig (TÜPL). Der TÜPL ist für Menschen weitestgehend gesperrt, und das seit Jahrzehnten, ein Naturparadies. Mehr Bio als diese Karpfen geht im Grunde nicht. Das schätzt auch Kummer, die ihren Fisch gerne im Laden der Gutsverwaltung kauft oder, noch lieber, ihn sich in einem der Wirtshäuser der Region servieren lässt, die von der Gutsverwaltung beliefert werden. Zum Beispiel im Kamptal, wohin es die Moderatorin der Liebe wegen verschlagen hat. In Wien gäbe es den Biokarpfen aus dem Stronesteich auch unter der Marke Ja! Natürlich zu kaufen, erzählt Bernhard Berger.

Nicht im Bild: der Eisvogel, der beim Ablegen blitzschnell übers Wasser zog. (Bild: BIORAMA/Martin Schiffer)

Der Eisvogel hätte sich nicht organisieren lassen. Zu schnell fürs Foto und mit schrillem Pfeifen zieht er an der Moderatorin vorbei, keinen Meter entfernt. Unsere Blicke folgen dem strahlenden Blau seines Gefieders übers Wasser. Schon ist er in der Böschung verschwunden. Dafür nähern sich die Schwäne, während wir das Boot ins Wasser lassen. Bedächtig, aber bestimmt werden sie größer. Achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig Vögel! Sie wissen genau, was jetzt passiert. Die Karpfen werden vom Boot aus mit geschrotetem Getreide gefüttert. Normalerweise macht das einer von Bergers MitarbeiterInnen. Den Sommer über darf der Praktikant hinaus auf den Teich. Heute die Moderatorin. Ein bisschen was vom Schrot fällt immer auch für die Schwäne ab. »Das ist kein Problem«, ruft Berger rudernd ans Ufer. Hauptsächlich fressen die Fische ohnehin Plankton. »Das Getreide ist nur der Salat zum Schnitzel.«

Wenn ich im Waldviertel mit offenen Augen unterwegs bin, dann brauch ich kein Achtsamkeitsseminar, sondern kann intensiv erleben.«
Christa Kummer, ORF-Moderatorin

Entspannung findet Christa Kummer im Wald und am Wasser – am liebsten in ihrer Wahlheimat, dem Waldviertel. (Foto: BIORAMA/Martin Schiffer)

2.500 Karpfen leben hier in 12 Hektar Teich. Bis zu viermal so viele Fische wären im Teich, würde der nicht biologisch bewirtschaftet, sondern konventionell. Nebenbei misst Berger die Wassertemperatur. 24 Grad in der Sonne. Ideal für das Wachstum der Tiere. Wird es wärmer, stellen die Fische das Fressen ein. Dann darf auch nichts zugefüttert werden, sonst fault es unangetastet am Grund. Das Waldviertel ist immer noch eine verhältnismäßig kühle Gegend, in der es nachts auch abkühlt, wenn in den Städten die Hitze unablässig drückt. »Wir merken die Erwärmung der Teiche aber schon«, sagt Berger. »Früher oder später werden wir teilweise mechanisch Sauerstoff einblasen müssen.«
»Wie bei einem Aquarium«, ergänzt Kummer.

Der Achtsamkeit auf der Spur

Der Klimawandel ist eines von Christa Kummers Themen. Wenn sie übers Wetter spricht, dann hat das Substanz. Ihr Blick gilt dem Ganzen, nicht dem Detail. »Die Landschaft rundum ist ein Ergebnis des sich verändernden Klimas. Das Waldviertel ist Teil der Böhmischen Masse und geologisch die älteste Gegend Österreichs«, sagt sie später, als wir in der Schenke von Schloss Waldreichs sitzen. »Nur weil wir hier ein Schloss hergestellt haben, lassen wir uns täuschen, aber nichts ist von Dauer. Das zeigt uns, wie unbedeutend und klein wir Menschen sind. Trotzdem haben wir in den vergangenen 150 Jahren Prozesse in Gang gebracht, die normalerweise Jahrtausende brauchen. Anpassungsstrategien sind nun unumgänglich, auch wenn es für unser Gewohnheitsbild schmerzlich ist: Die Fichte zum Beispiel, der von Hitze und Borkenkäfer gerade der Garaus gemacht wird, war im Waldviertel nie heimisch.«

Begeistert von Brombeeren ist Christa Kummer auch, weil das Dickicht jungen Bäumen beim Hochkommen hilft. (Bild: BIORAMA/Martin Schiffer)

Christa Kummer zögert ein wenig. Dann nimmt sie das Wort doch in den Mund. Achtsamkeit. Die gelte es zu erlangen. Wie? »Na zum Beispiel im Waldviertel. Wenn ich da mit offenen Augen unterwegs bin, dann brauch ich kein Achtsamkeitsseminar, sondern kann intensiv erleben, lernen.« Zum Einstieg empfiehlt sie die Bücher des deutschen Öko-Försters Peter Wohlleben und Zeit draußen. Das schärfe den Blick für die Zusammenhänge der Natur und vergrößere gleichzeitig den bewussten Genuss. »Wenn mir am Straßenrand gleichzeitig Erdbeeren und Marillen (Aprikosen) angeboten werden, dann sollte ich stutzig werden. Die sind nie gleichzeitig reif. Zumindest eine der Früchte wird von weit hergeholt.«

Christa Kummer (ORF) und Bernhard Berger (Gut Ottenstein) in der Schenke von Schloss Waldreichs. (Bild: BIORAMA/Martin Schiffer)

Mein Waldviertel
Christa Kummer empfiehlt

Wandern am Heiligenstein (Kamptal)
»Sanfte Hügel, eine wunderbare Wandergegend mit einem Blick vom Heiligenstein über Weingärten Richtung Donau.«

Bücher des Försters Peter Wohlleben
»Leicht zugänglich, mit Blick fürs Ganze schafft er Bewusstsein, dass wir in keiner Wildnis, sondern in einer menschlich geprägten Natur leben, in Kulturlandschaft.«

Gasthaus Staar (St. Leonhard im Hornerwald)
»Ein uriges Waldviertler Wirtshaus, bodenständig und mit einem Bio-Holzofenschweinsbraten, den man nicht vergisst.«
Der Betrieb gibt an, teilweise Biozutaten zu verarbeiten und Biospeisen anzubieten.g

Mohndorf (Armschlag)
Eine ganze Ortschaft hat sich hier der Kulturpflanze Mohn verschrieben – inklusive Mohnmuseum und Mohnwirtin: »Alles, was der Mohn hergibt, und darüber hinaus. Köstlich.«
Der Betrieb gibt an, teilweise Biozutaten zu verarbeiten und Biospeisen anzubieten.

Goldener Hirsch (Gars am Kamp)
»Weithin bekannt für seine Wildspezialitäten.« Nicht bio.

Leibspeis (Sprögnitz)
Lokal von Sonnentor-Gründer Hannes Gutmann. 100% biozertifiziert, regional und saisonal.

Rauf und raus ins Waldviertel!

Besondere Orte der Region im Nordwesten Niederösterreichs – künftige Lieblingsplätze und Ausflugswege für Tage,  Wochenenden oder ganze Sommer in ungestörter Ruhe inmitten kühler Natur.

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