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Welche Natur sollen wir schützen?

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„Artenschutz durch Habitatmanagement. Der Mythos von der unberührten Natur“, erschienen im Wiley Verlag

Dem ‚Mythos von der unberührten Natur‘ widmet sich Werner Kunz in einem Band. Das Weltbild unseres Gast-Rezensenten jedenfalls hat es sachte verändert. 

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Gastkommentar von Florian Grassl. Vorne weg erst einmal: Ich bin Laie und hobbymäßig eher am ökologischen Waldbau interessiert, als an Details zu Artenschutz. Im Zuge einer Diskussion zur Frage, ob Fischotter „entnommen“ werden dürfen, um Teichwirte vor Schäden zu schützen, hat mir aber ein guter Freund das Buch „Artenschutz durch Habitatmanagement“ von Werner Kunz empfohlen. Also warum nicht weiterbilden.

Nach 20 eher emotionalen Seiten wird es dann tatsächlich interessant und sachlich. Es geht los mit einer Begriffsklärung zu Naturschutz, Artenschutz, Tierschutz und Umweltschutz, womit man schnell bei Themen mit fehlendem gesellschaftlichem Konsens ist. Der Autor trennt dabei sauber zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fragestellungen ohne wissenschaftlicher Antwort.

„Was ist Natur?“ Gängige Antwort: das was wir im Sprachgebrauch als Natur bezeichnen, oder doch strenggenommen das, was nicht vom Menschen geschaffen oder gestaltet ist. Selbst im letzteren Fall ist die Antwort nicht eindeutig, war doch Mitteleuropa durch den Wechsel aus Warm- und Kaltzeiten sowohl Wald- als auch Steppenlandschaft. Nur der Buchenwald ist jedenfalls nicht Natur im engeren Sinne, wie fälschlicherweise in vielen einschlägigen Büchern dargestellt. Er konnte sich erst mit Zutun des Menschen (Rodung und Ackerbau der frühen Siedler) gegen ursprünglichere Baumarten wie etwa die Hasel durchsetzen.

Damit liegt aber auch gleich die Frage „Welche Natur gilt es eigentlich zu schützen?“ auf der Hand. Die ursprüngliche Wald- oder Steppenlandschaft, den Mitteleuropa überdeckenden Buchenwald, oder die Mischung aus Wald mit von Menschenhand erschaffenen Kulturlandschaften von vor 100 Jahren? Letztendlich können wir die Zeit ohnehin nicht zurück drehen, welche Maßnahmen wir auch immer setzen, wir bekommen nicht den Status Quo aus vergangenen Zeiten zurück, sondern etwas Neues (von Menschen Beeinflusstes – wie auch der Buchenwald in Mitteleuropa entstanden ist).

Die Diskussion im den Fischotter (Lutra lutra) ist nur die Spitze des Eisbergs einer Diskussion, die wir führen sollten. (Foto vom WWF zur Verfügung gestellt, (C) M.Boulton / 4nature)

Wichtig zu verstehen ist auch, dass die heutige Artenvielfalt in Mitteleuropa (respektive jene am Höhepunkt der Artenvielfalt vor 100 bis 200 Jahren) genau durch die eben erwähnten Kulturlandschaften hervorgerufen wurde und primär durch Arten geprägt ist, die karge Landschaften (Steppe, Heide, etc. – sogenannte Offenlandarten, vor allem Vögel Schmetterlinge, etc.) benötigen. Ein Wald ist grundsätzlich artenärmer. Wobei Wald natürlich nicht gleich Wald ist, und die (Nicht-)Bewirtschaftungsform da einen großen Unterschied in der Artenvielfalt macht (was in diesem Buch aber nur am Rande erwähnt wird).

Damit hilft aber auch eine häufig angedachte Form des Naturschutzes dem Artenschutz nicht: nämlich einfach eine hinreichend große Fläche sich selbst und damit von da an rein natürlichen Prozessen zu überlassen. Da diese Fläche aufgrund der natürlichen Sukzession nämlich immer zuwächst. Sie bleibt dann jedenfalls keine Offenlandschaft – man entzieht also auch so den primär bedrohten Offenlandarten den Lebensraum. Naturschutz und Artenschutz ist daher mitunter ein Widerspruch.

„Warum Artenschutz?“ Auf diese Frage gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Antworten: Weil er dem Menschen nützt (ökonomisch, ökologisch oder ästhetisch) oder weil man der Natur und den Arten einen Eigenwert zuschreibt (die ‚holistische‘ Argumentation). Die Sichtweise hat einen direkten Einfluss darauf, welche Arten es zu schützen gilt. Im ersten Fall ist der Nutzen für den Menschen das Kriterium. Im zweiten Fall hätte rein ethisch jede Art das gleiche Recht auf Artenschutz – egal ob Wolf oder Einzeller. Die Gesellschaft kann aber den Schutz für alle Arten nicht sinnvoll finanzieren, muss Prioritäten setzen.

„Welche Arten sollen geschützt werden?“ Das Buch gibt im Detail darüber Auskunft welche Formen der Roten Listen es gibt (international wie auch national), auf welchen (unterschiedlichen) Definitionen / Systematiken diese beruhen, was die Limitierungen sind und welche Problematiken dadurch entstehen. All das macht die Beantwortung der Frage grundsätzlich schon schwer, darüber hinaus gibt es aber noch die grundsätzlichen Fragen: Sollen bei uns nur jene Arten geschützt werden, die bei uns auch den wesentlichen Anteil ihres weltweiten Vorkommens haben? (Das wären übrigens nur sehr wenige, z.B. von ca. 250 in Deutschland brütenden heimischen Vogelarten wäre das nur eine einzige: der Rotmilan). Oder sollen nur jene Arten geschützt werden, die ursprünglich sind? Oder sollen jene Arten gefördert werden, die für den Naturhaushalt oder den Menschen von Bedeutung sind? Oder soll eine maximale Artenvielfalt das Ziel sein?

Einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt es nicht. In dieser Diskussion ist es aber auch geradezu menschlich, dass wir primär auf jene Arten und Landschaften schauen, die uns gefallen. Arten, die weniger ästhetisch sind, oder nicht mal ausreichend groß, damit wir sie wahrnehmen können, werden da kaum betrachtet. Auch die kargen Steppenlandschaften interessieren uns Menschen typischerweise weniger.

Das Buch bietet eine detaillierte Erläuterung anhand der geschichtlichen Entwicklung Mitteleuropas im Unterschied zu anderen Kontinenten, warum es bei uns nur sehr wenige ursprüngliche Arten gibt, und unsere Artenvielfalt primär von Zuzüglern aus Norden, Osten und Süden bestimmt ist. Eine Vertiefung hier würde zu weit führen, wie auch über die 5 Arten-Massensterben in den letzten 500 Millionen Jahren und die Frage ob das 6. große Artensterben bereits begonnen hat.

Die Ursachen für das Artensterben liegen bei uns primär am Entzug des Lebensraums. Es gibt bei uns Arten, die über Maßnahmen wie Abschußverbote die Anzahl innerhalb der betreffenden Art kurzfristig erhöhen konnten. Die langfristige Abnahme ist aber primär dem Wegfall von Lebensräumen geschuldet, wie z.B. landwirtschaftliche Flächen, die früher weniger intensiv und gründlich bewirtschaftet wurden. Somit blieben Erntereste über, es gab ausreichend brachliegende Randflächen. Durch die heutige intensive Landwirtschaft fällt Lebensraum weg. Aber man kann wohl schlecht Bauern auftragen, sie mögen zu alten Bewirtschaftungsformen und damit einem geringeren Lebensstandard zurückkehren. In diesem Kontext auch kurz zur Biolandwirtschaft: Biolandwirtschaft hat nichts mit Artenschutz zu tun, sondern mit Umweltschutz (z.B. geringere Düngereinträge) und Verbraucherschutz. Viele der Offenlandarten ziehen sich in andere – von Menschen geschaffene – Lebensräume zurück wie zum Beispiel Truppenübungsplätze, Bergtagabbaustätten und Städte.

Warum ist uns Wald so wichtig? In einem weiteren geschichtlichen Ausflug erläutert der Autor, warum der (deutschen) Gesellschaft der Wald so wichtig ist, dieser geradezu mystifiziert wird, während das in anderen Ländern nicht so ist. In England ist es zum Beispiel ein ‚Wert‘, dass man von einem Dorf zum nächsten sehen kann. Der Mensch ist ursprünglich auch ein Steppen- und kein Waldwesen.

Das Buch ist ein Plädoyer für den Artenschutz und dafür, dass man viele Arten nur durch artspezifische Habitate schützen kann. Da diese Arten ursprünglich auf Grund von Menschen geschaffenen Offenlandschaften zu uns zugezogen sind, bedarf es für diese Arten Offenlandreservate. Damit diese aber nachhaltig bestehen, müssen sie nicht nur vom Menschen geschaffen, sondern immer wieder aufs Neue ‚gestaltet‘ werden, z.B. je nach Art, durch Einsatz von schwerem Gerät, wie etwa Forstfräsen. Es ist ein Plädoyer dafür in gewissen Räumen den Naturschutz hinten an zu stellen um Arten zu retten. Hierfür gibt der Autor auch erfolgreiche Beispiele von derartigen Habitaten. Eine schwierige Frage bleibt aber inwieweit diese nicht einfach nur eine Steigerung Zoo-Wildpark-gestaltetes Habitat darstellen und was das eigentlich bedeutet. Es wird auch nicht klar wie spezialisiert hinsichtlich einzelner Arten diese Habitate anzulegen wären.

Auch wenn das Buch Redundanzen hat, eröffnet es neue Perspektiven und trägt wesentlich zu einer Diskussion bei, die heute kaum geführt wird. Es hat mir jedenfalls neue Sichtweisen eröffnet. Und wenn wir heute in Österreich intensiv über Wolf und Fischotter diskutieren, dann ist das nicht mal die Spitze des Eisbergs an Fragen, zu welchen wir Antworten finden müssen.

Der Autor kritisiert die Gesellschaft, sie möge sich eingehender mit der Thematik auseinandersetzen. Nun, der Autor könnte zusätzlich zu dem wissenschaftlichen Ansatz auch ein Buch für die breite Bevölkerung hierzu schreiben, für jedermann verständlich und verdaubar. Dieses Buch nicht zu schreiben ist gleichzusetzen mit der Kapitulation vor der Herkulesaufgabe des gesellschaftlichen Konsenses und diesen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu versachlichen. Gerne so ein Buch im Schreibstil eines Peter Wohlleben, der ja offensichtlich Massen anspricht, aber mit wissenschaftlichen fundierten Aussagen eines Werner Kunz.

Apropos: Ich fände es spannend wenn sich die Herren Kunz und Wohlleben zu einem Streitgespräch träfen. Nicht zum Thema ökologischer Waldbau und Waldreservate – da sind sie sich ja vermutlich einig. Eher zu den Fragen „Was ist Natur?“, „Wie viel Wald brauchen wir?“ und „Sollen Reservate immer wieder vom Menschen artgerecht angepasst werden?“. Wenn sie halten was sie schreiben: Es würden die Fetzen fliegen.

„Artenschutz durch Habitatmanagement – Der Mythos von der unberührten Natur“ von Werner Kunz, ist im Wiley-VCH Verlag erschienen; 292 Seiten.

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