Dreckiges Gold

Zwischen Schnellbahntrasse und Radweg wachsen die »Marchfeldnüsse« von Sonja und Christoph Böckl...

Biobauer Christoph Böckl bestellt das Feld mit seinem Traktor.
Nach Jahren des Tüftelns: 2025 durfte sich Biobauer Christoph Böckl erstmals über »eine gscheite Ernte« freuen. Bild: BIORAMA / Weber

Nach mehrtägigem Hin und Her – »Morgen ernten wir«, »Doch nicht, es regnet« – kommt zu Mittag der hektische Anruf: »Wir ernten. Kummst?« In der Landwirtschaft ist bekanntlich manchmal keine Zeit für Formalitäten. Eine halbe Stunde später betrete ich die Plantage. Das Tor steht sperrangelweit offen. Wird hier nicht gerade geerntet, bleibt alles versperrt. Die Anlage ist eingezäunt und wird mit Kameras überwacht. Der Zaun schützt die Bäumchen vor gefräßigen Rehen und Hasen. Die Kameras halten Diebe fern, die hier vor ein paar Jahren nachts zwei ganze Baumreihen leergepflückt und die Haselnüsse gestohlen haben. Die Plantage von Sonja und Christoph Böckl liegt weit außerhalb des Ortsgebiets von Deutsch-Wagram, gut einsehbar direkt zwischen der Schnellbahnlinie S 1 und dem Radweg, der den Marchfeldkanal entlangführt. Beides ist praktisch für die Werbung. Auch als ich auf die Staubwolke zugehe, die von der Kehrmaschine und dem Traktor ausgehen, machen draußen Menschen auf Rädern halt und beobachten die Erntearbeiten. Beim Weiterfahren kommen sie am Transparent der Böckls vorbei, das am Zaun für ihre »Marchfeldnuss« wirbt. Die Lage lädt aber auch ungebetene Gäste ein, weshalb der Haselnussanbau für die Biobauern ohne Kameras ein Minusgeschäft wäre.

»Ich verkaufe den allergrößten Teil unserer Nüsse privat an die Durchschnittshausfrau, die zwei- bis dreimal vor Weihnachten backt.«

Christoph Böckl, Biobauer

Warmer Wind, »dreckiges Gold«

»Nuss ernten tust du am besten, wenn’s staubt«, sagt Christoph Böckl, als ich hustend zu ihm auf den Traktor steige. »›Dreckiges Gold‹, sagen manche«, scherzt er und zieht die Tür der Fahrerkabine zu. Hinter uns bläst der warme Herbstwind eine lange Staubwolke die Zeile zwischen den Baumreihen entlang, die er vor zehn Jahren gepflanzt hat: 2500 Haseln verteilt über mehrere Plantagen, ausgesetzt im Abstand von ein paar Jahren, auf insgesamt 9 Hektar seiner besten Ackerfläche. Im Vollertrag ist noch keine der Plantagen. Dazu sind die Bäume immer noch zu klein. Doch aus den mickrigen Stämmchen, die hier verloren in der Gegend standen, als ich Christoph Böckl 2015 zum ersten Mal besucht habe, sind ansehnliche Bäume geworden. »Ich bin ein alter Mann, bis das rennt«, sagt er, »das dauert ewig. Zum Glück habe ich die Haselnüsse ausgesetzt, bevor ich 40 war.« Bestenfalls werden die Bäume irgendwann 2500 Kilo pro Hektar abwerfen. Mittelfristig rechnet er mit 1500 bis 2000 Kilo. Ohne Schale sind das maximal 7200 Kilogramm im Jahresschnitt – vorausgesetzt, Wind und Wetter passen und Fuchs und Mäusebussard halten die Schädlinge in Schach. Feldmäuse holen sich reife Nüsse, Wühlmäuse haben es auf die Wurzeln der Haseln abgesehen. Alle Mitglieder der lokalen Jagdgesellschaft wissen, dass Böckls Füchse – »meine wichtigsten Mitarbeiter« – absolut tabu sind. Für den Mäusebussard hat der begeisterte Jäger alle paar Zaunpfeiler eine erhöhte Sitzstange angebracht. Dort lauern sie auf die Nagetiere in den Flugschneisen.

Biobauer Christoph Böckl belädt seinen Traktor.
Nüsse, Steine, Staub: Der erste Eindruck beim Ernten sich später bestätigen. Qualität und Menge passen, die Böckls können mit den Ergebnissen des Jahres 2025 zufrieden sein. Bild: BIORAMA / Weber

Kehrarbeit im Schneckentempo

Ich fahre ein paar Reihen mit. Der Traktor bewegt sich langsam, sehr langsam. Gerade so schnell, dass die vorgespannte Kehrmaschine möglichst wenig Nüsse liegen lässt und Sonja Böckl, die dem Gespann vorangeht, genug Zeit bleibt, um die direkt an den Stämmen liegenden Haselnüsse mit dem Laubrechen in Reichweite der Kehrmaschine zu bringen. »Wenn alles passt, ist die Ernte in vier Tagen erledigt«, sagt Christoph Böckl. Voraussetzung ist, dass die Maschine hält – und das Wetter. In diesem Jahr verteilen sich die vier Tage Nettoarbeitszeit über drei Wochen. »Wenn es einmal 10 Millimeter Niederschlag hat, steht gleich wieder alles für drei Tage«, sagt Böckl. »Das ist zwar nicht viel Regen, aber im Herbst trocknet es nicht mehr gut.« Eigentlich hatte er gehofft, Anfang Oktober fertig zu sein. Nun haben wir Mitte Oktober und die Ernte ist in vollem Gange. Nebel und Herbstnässe, wenn die Haselnüsse reif von den Sträuchern fallen, seien »furchtbar«. Dann sind die Nüsse schmutzig, schimmelgefährdet und lassen sich schlecht aufkehren.

Großaufnahme einer Haselnusspflanze und einer Hand, die diese hält.
Die Haselnuss blüht als eine der ersten Pflanzen bereits im Dezember und Jänner. Über den Sommer reifen die Früchte heran. Bild: Marchfeldnuss

Renaissance als Nischenkultur

Auf die Idee, es mit Haselnüssen zu versuchen, kam der Biobauer in Kroatien. Von dort hat er auch die Pflanzen bezogen: Tausende weibliche, zum Bestäuben aber auch ein paar Hundert männliche Haseln. Ihre wilden Artgenossen wachsen zwar überall in der Gegend. Auch ein paar Steinwurf entfernt, am Ufer des Marchfeldkanals und im Windschutzgürtel, stehen welche. Kultursorten wie die von Böckl importierten »Römer« (Kennzeichen: runde Nüsse) oder die »Istrische Lange« (länglich oval) sind hier sonst aber noch nirgendwo anzutreffen. Jahrzehntelang war der Haselnussanbau aus Mitteleuropa weitgehend verschwunden. Davor hatte er seit Urzeiten vor allem der bäuerlichen Selbstversorgung gedient. Nun erlebt er eine Renaissance als rentable Nischenkultur, insbesondere in den klimatisch günstigen Regionen Süddeutschlands und Österreichs. »Vor allem in den südlichen (deutschen, Anm.) Bundesländern wie Baden-Württemberg und Bayern entwickelte sich der Haselnussanbau in einzelnen kleinen Betrieben zu einem bedeutenden landwirtschaftlichen Erwerbszweig«, heißt es in der »Kulturanleitung für den ökologischen Haselnussanbau in Deutschland«, einem 2024 erschienenen Leitfaden der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG). Auch in Österreich dürfte er gelesen werden. Denn auch wenn es für Deutschland und Österreich keine Ertragszahlen gibt: Die Anbaufläche nimmt Jahr für Jahr zu; weltweit wie in unseren Breiten. In Deutschland werden auf 300 Hektar Haselnüsse kultiviert, in Österreich auf 220 Hektar (wovon 82 Prozent biologisch bewirtschaftet werden). Klar ist auch: Damit lässt sich nur ein Bruchteil des Bedarfs decken; auch dann, wenn die zuletzt angelegten Plantagen irgendwann in ihrem Vollertrag angelangt sind. Laut LWG-Leitfaden ist Deutschland mit Importen von über 69.000 Tonnen (2023) weltweit einer der größten Abnehmer von Haselnüssen, wobei mehr als zwei Drittel aus der Türkei stammen. Die Schwarzmeerküste bleibt die Hauptanbauregion. Allein die Türkei, wo in manchen Jahren bis zu 75 Prozent der weltweiten Produktion passiert, hat ihre Anbaufläche von 440.000 Hektar (im Jahr 2010) auf mehr als 700.000 Hektar (2023) binnen weniger Jahre nahezu verdoppelt. Für 2025 rechnet das türkische Statistikamt – nach Nachtfrösten im April – mit einer schlechten Ernte von 520.000 Tonnen. Womit der Ertrag witterungsbedingt um ein Drittel zurückgegangen wäre. (Quelle: Handelsblatt). Italien produziert 85.000 Tonnen (2023), ebenso die USA.

Die Haselnüsse am Boden, im Hintergrund eine Kehrmaschine.
Während Christoph die Nüsse mit der Kehrmaschine einsammelt, … Bild: BIORAMA / Weber
Biobäuerin Sonja Böckl hält einen Laubrechen in der Hand.
… geht Sonja Böckl mit dem Laubrechen sicher, dass möglichst wenige liegen bleiben. Für Eichhörnchen bleibt immer noch mehr als genug. Bild: BIORAMA / Weber

Christoph Böckl ist mit den 25 Big Bags, die er 2025 geerntet hat, zufrieden. »Es ist wieder mehr geworden«, sagt er Mitte Dezember am Telefon, zwei Monate nach unserer gemeinsamen Traktorfahrt. »Wir haben die Ernte zwar nicht mehr verdoppelt wie zuletzt, aber das Ergebnis passt.« 2024 hatten seine Plantagen 19 Big Bags Haselnüsse abgeworfen. 25 Großgebinde nur ein Jahr später wertet er durchaus als schönen Erfolg. »25 Big Bags jeweils mit Steinen und Schmutz«, schränkt er ein. Und natürlich ungeschält. Mit Glück beträgt das Verhältnis von Schale zu Kern 60 zu 40 Prozent. Dann bleiben ihm pro Big Bag zwischen 200 und 250 Kilogramm Haselnusskerne. Wie viele es wirklich gewesen sein werden, wird der Biobauer erst wissen, wenn er die letzte »Marchfeldnuss« verkauft hat; geknackt, geröstet, gepresst als Öl oder – nicht biozertifiziert – als Rum. Das passiert nach und nach. Weshalb ein Großteil der Big Bags gerade getrocknet bei ihm am Hof lagert. Denn Böckl vermarktet ausschließlich direkt. Er wolle ganz bewusst nicht von Großen abhängig sein, sagt er. Abgesehen vom Transparent, das am Radweg passiert wird, habe er keine Werbung gemacht, »weil ich anfangs eh zu wenig Ware hatte. Aber ich verkaufe den allergrößten Teil privat an die Durchschnittshausfrau, die zwei- bis dreimal vor Weihnachten backt.« In der warmen Jahreszeit bezieht ein Eisgeschäft aus der Gegend jede Woche ein paar Kilo Nüsse.

Haselnussbäume im Winter.
Im Winter werden die Bodentriebe der Haselnüsse geschnitten. Die Bäumchen sollen nicht verbuschen. Bild: Marchfeldnuss

Marchfeldkanal Radroute

Führt 62 Kilometer von Langenzersdorf über Deutsch-Wagram (entlang der »Marchfeldnuss«-Plantagen) bis zum barocken Schloss Hof.
weinviertel.at/rad-marchfeldkanalradroute

Leistbarkeit aus Überzeugung

Bodenständigkeit und die Leistbarkeit ihrer Lebensmittel sind Christoph Böckl und seiner Frau wichtig. Über die Preise, die auf Amazon für italienische Haselnüsse verlangt werden – bis zu 70 Euro das Kilogramm – können die beiden nur lachen. Den eigenen Kilopreis von 22 Euro beziehungsweise 26 Euro für geröstete Nüsse hält man für »unschlagbar«. Und da bleibe immer noch genug, um zu investieren. Zum Beispiel in eine Bewässerungsanlage. »Die brauchen wir«, sagt Christoph Böckl. »Wenn der Niederschlag ein paar Wochen ausbleibt, sieht man den Pflanzen an, dass sie Wasser brauchen. Zumindest ein Teil des Regens lässt sich dann kontrollieren.«

Ab-Hof-Verkauf bei Voranmeldung
Franz Mair-Straße 17
2231 Deutsch-Wagram
marchfeldnuss.at

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