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Auf einen Lappentang

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Nordirland wird als Reiseziel unterschätzt, denn der britische Norden Irlands bietet viel: Regionales Essen, richtige Ladys und echten Cider. 

Salzig, fischig, zäh. »Dulse«, zu Deutsch Lappentang, ist eine getrocknete Rotalgenart, die in Nordirland gerne als Snack gegessen wird. Hier, am St. George’s Market in Belfast, ist er in 150-Gramm-Portionen um einen Pfund zu haben und liegt direkt neben Fisch und Meeresfrüchten, die teilweise noch zappeln. »Es erinnert mich einfach an meine Kindheit«, erklärt der waschechte Nordire Billy, während er genüsslich an dem braunen Tang kaut. Waschecht bedeutet in seinem Fall: Irische Mutter, nordirischer Vater. Aufgewachsen in Belfast, hat er mit seinen geschätzten 45 Jahren auch Zeiten erlebt, in denen es eine große Rolle spielte, auf welcher Seite der Grenze er sich zu Hause fühlte.

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»Heute ist das alles nicht mehr so«, versucht er zu beruhigen. Unter jungen Leuten seien die blutigen Terroranschläge der IRA und Segregation zwischen Katholiken und Protestanten nämlich kaum ein Thema mehr. »Mixed Marriages« nehmen zu und sonst »heiratet man halt einfach nicht«, erklärt Billy weiter. Viel kann ich aus ihm bezüglich der Troubles – der Unruhen in den späten 1960ern bis 1990ern – nicht herausquetschen, schließlich ist er ein Touristenführer und möchte nur die schönsten Ecken seines Landes präsentieren, also die Oberfläche.

Belfast: hip und lecker

Die ist beeindruckend hip und vor allem lecker: Belfast bietet eine reichliche Auswahl für den Gaumen: unglaublich zarte Austern, Linguine mit Krabbenfleisch, Dry-aged Steaks, Miesmuscheln und Zander mit knackigen Beilagen oder aber traditionelle Fish&Chips, Irish Stew, Blutwurst-Kartoffelbrot, Fifteens und Muffins. Am St. George’s Market wird vor allem Regionalität groß geschrieben und das zieht am heutigen Wochenende nicht nur Touristen, sondern Einheimische an. Da ist der 30-Jährige mit Glatze und rotem Vollbart, das weißhaarige Ehepaar, die asiatische Kleinfamilie und Teenager mit pinken Haaren und silbernen Nieten am Rucksack. Kaum vorzustellen, dass sich diese Menschen wie noch vor einigen Jahren unter bürgerkriegähnlichen Umständen trafen. Die Troubles sind hier kein Thema mehr.

Wie fast überall, empfiehlt sich auch in Belfast ein Besuch auf dem Markt. Besonders interessant: der St. George’s Market. (Bild Alexa Lutteri)

Seafood: Hier gibt es auch Dulse, den Lappentang, der als Snack angeboten wird. (Bild: Alexa Lutteri)

Im Westen Belfasts trennt eine Mauer katholische und protestantische Stadtviertel. (Bild: Alexa Lutteri)

Die Spuren des Konflikts

Im Westen der Stadt gibt es eine Mauer, die mit einer Höhe von 5,5 Metern und Stacheldraht dafür sorgen soll, dass sich Familien aus katholischen und protestantischen Nachbarschaften (vor allem der Arbeiterklasse) nicht in die Quere kommen. Diese offensichtliche Grenze erinnert sehr stark an die Berliner Mauer. Graffitis und Botschaften, Sprüche, Hassparolen und Kunstwerke säumen die Betonfläche beidseitig. Die Tore sind zwar geöffnet, werden aber laut Billy »ab und zu« auch geschlossen. Zwar nicht jede Nacht, aber »wenn es Spannungen gibt«. Mittlerweile sei das aber fast nie mehr nötig, außer im Juli, wenn die Unionisten-Paraden stattfinden. Dann marschieren militante Protestanten mit Uniformen und Snaredrums durch die Wohnviertel der Stadt und feiern den blutigen Sieg über die Katholiken 1690. Diese lassen sich dadurch jedes Jahr aufs Neue provozieren, wodurch es immer wieder zu heftigen Aufeinandertreffen mit der Polizei und zwischen Zivilisten kommt.

Esst mehr Kalb!

Entlang giftgrüner Wiesen mit weißen und vereinzelt schwarzen Schafen, rauen Küsten mit imposanten Abgründen und dichtem Nebel scheint das Land friedlich. Hier, abseits der Mauern, dreht sich alles um Landwirtschaft, Golf und Gemütlichkeit. Für Lord und Lady Dunleath, stolze Bewohner des Schlosses „Ballywalter park“ spielt eine ganz andere Mauer eine wichtige Rolle: Ein sogenannter »walled garden« ist ihr größter Schatz.

»Das war der Supermarkt des 18. Jahrhunderts. Hier und in Glashäusern wurde früher alles angebaut und ich mache das heute genauso.« Was früher eine Notwendigkeit war, ist für Lady Dunleath eine Lebenseinstellung. Sie ist Lebensmittelhistorikerin und schwört auf einen Anbau, wie er vor 300 Jahren üblich war. »Es ist so interessant, wenn man ein bisschen zurückblickt. Ich sage zu den Leuten immer, sie sollen in der Geschichte zurückschauen, um sich Inspiration zu holen, anstatt im Ausland oder durch neue Technologien. Schaut, was eure Vorfahren gemacht haben!« Sie spricht von einer »irischen Essensrevolution« und davon, dass die Nachfrage nach regionalen Produkten steigt. Die regionale und saisonale Verwendung von Lebensmitteln habe in Irland eine lange Geschichte. »Vor der Erfindung der Dampfmaschine haben die Menschen 80% ihrer Nahrung aus ihrer unmittelbaren Umgebung bezogen und etwa 20% importiert, was mit damaligen Straßen teuer und schwierig war. Auf den britischen Inseln bot der eigene, royale Garten die Möglichkeit, ein Mikroklima zu erzeugen, um die Sommer zu verlängern und weniger importieren zu müssen.«

Lord und Lady Dunleath bewirtschaften das Anwesen ,Ballywater Park‘. (Bild: Alexa Lutteri)

Zwischen verschiedensten Gemüsesorten baut Lady Dunleath in ihrem »walled garden« auch Obst an, das man in einem nassen, nordischen Klima nicht vermuten würde: Marillen, Nektarinen und Erdbeeren. Ihr größter Stolz sind allerdings ihre Rinder. Lady Dunleath besitzt etwa tausend Stück davon. »Die bekommen nichts außer frisches Gras und das wächst in Nordirland bekanntlich gut. Wir spritzen nicht, wir verwenden keine Pestizide, wir düngen mit ihrem eigenen Mist, das ist alles.« Seit Neuestem verkauft sie ihr Kalbfleisch an die drei Toprestaurants in Belfast: Ox, Coco und Muddlers Club. Dies sei deshalb so besonders, weil Iren eigentlich überhaupt kein Kalb essen. Es sei ihnen zu niedlich. »Aber man sollte Kalb essen! Stiere gelten hier als Nebenprodukt der Milcherzeugung. Sonst werden sie nach Spanien und Frankreich verkauft, dort intensiv gehalten und zu einer schlechten Fleischqualität herangezogen.« Dies sei besser, als die Aale aus Lough Neagh zu essen, die in Nordirland als Spezialität gelten, leider aber auch in Japan.

Echter Cider

Nur wer schon einmal in einem nordirischen Pub war weiß, was mit »freundlichen Pubgästen« gemeint ist. Gesprächslustig, witzig, laut und meistens musikalisch. Das Alter spielt in einem solchen Pub keine Rolle (solange man über 18 ist). Hier singen und tanzen alte Leute genauso wie junge – oft auch miteinander. Einziges No-go in den Pubs: Fußballtrikots. Diese sind verboten, weil sie auf die entweder katholische oder protestantische Bekennung der unterschiedlichen Teams hinweisen.

Traditionelle Livemusik ist genauso fester Bestandteil eines Pubs wie Bier oder Cider. Auch außerhalb von Belfast gibt es eine große Auswahl an Gegorenem. Abgesehen von einigen Craft-Bieren ist die Mehrheit allerdings Massenware. Auch Andrew kannte bis vor ein paar Jahren vor allem industriell produzierten Cider. Er lebt nahe des Dorfes Dundrum, südlich von Belfast. Im Garten seines Hauses wachsen alte Apfelbäume. Schon als Kind spielte er unter ihnen. 2009 kam Andrew gemeinsam mit seiner Frau Karen auf die Idee, Apfelcider herzustellen. »Seither kann ich keinen herkömmlichen Cider mehr trinken«, sagt er. »Als ich den Geschmack von echtem Cider entdeckt habe, habe ich mir geschworen, dass ich nie wieder einen dieser massenproduzierten trinken werde.« Im County Down produziert er seither jedes Jahr ein bisschen mehr. Zu viel sei aber nicht möglich, denn er will traditionelle Arbeitsschritte beibehalten, die den saueren Geschmack der Bramley-Äpfel ganz besonders unterstreichen. »Wir geben keine künstliche Säuerungsmittel, Wasser, Zucker oder andere Konzentrate hinzu. Weniger ist mehr!« Deshalb gab ihm Andrew auch den Namen „Real Cider“. Drei verschiedene Sorten von Andrews natürlichem Cider können auch in einigen Pubs in Belfast verkostet werden.


Unsere Autorin hat auf Einladung von Tourism Ireland in Nordirland Eindrücke gesammelt.

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