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„Das kann kein Imker der Welt herauszaubern“

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Bild: flickr.com/Toby Gray – CC BY-NC-SA 2.0

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Walter Haefeker ist Europas Imker-Präsident. Offiziell steht der Bayer der European Professional Beekepers Association vor, die Interessen der Bienenzüchter in Brüssel vertritt. Mit BIORAMA sprach er über Gentechnik im Honig, Propolis-Boykott und die Stärken des Honigs.

BIORAMA: Haben Sie eigentlich die von Ex-Umweltminister Nikolaus Berlakovich losgetretene Bienen-Debatte verfolgt?

Walter Haefeker: Ja, es gab ein Interview von mir in der Kleinen Zeitung und ich war auch im Wiener Parlament zu einer Anhörung. Berlakovich hat es geschafft, gleich zwei irrelevante Positionen einzunehmen. Erstens hat er angekündigt gegen ein Verbot zu stimmen, um den Maisbauern nicht zu schaden. Das allerdings zu einem Zeitpunkt, wo klar war, es gibt zu wenig Gegenstimmen. Dann wurde er von seinem Parteichef „angehalten“ einen Bienengipfel durchzuführen, damit am Ende herauskommen konnte, dass er doch dafür ist. Da hatte die Abstimmung über das Verbot aber schon stattgefunden. Durch sein Verhalten hat er allerdings seinen Amtskollegen in Europa vorgeführt, wie man über das Thema Bienen stolpern kann. Er war also als abschreckendes Beispiel gut.

Woher kommt eigentlich unser emotionales Verhältnis zu den Bienen?

Das ist schon erstaunlich: Ein Insekt, das jeden von uns mindestens einmal im Leben sticht, was recht schmerzhaft ist, müsste eigentlich weniger beliebt sein. Allerdings ist das Honigjagen älter als der Mensch. In Südafrika werden heute noch die Bienenkästen mit Stahlbändern gesichert oder sogar zugenagelt. Sonst klauen da nämlich die Affen den Honig. Später haben wir uns als Honigjäger betätigt, noch vor der Imkerei, die den Bienen ja eine Behausung bietet. Im Mittelmeer-Raum haben z.B. schon die Römer mit hintereinander gelegten Tonröhren in natürlichen Höhlen gearbeitet, denn die Bienen legen den Honig immer am weitesten vom Einflugloch entfernt ab. Im Norden hingegen braucht es Schutz vor der kalten Witterung, da kam die Klotzbeute auf.

Was bitte ist das?

Das hat man sich bei der Natur abgeschaut: Bienen siedelten sich in einem hohlen Baumstamm an. Da dachte dann jemand, das können wir nachmachen. Der erste Bienenstock war ein hohles Baumsegment. Später gab es die Korbimkerei, die auch transportabel war, etwa um Obstbäume zu bestäuben. Die letzte Stufe stellte dann die Magazin-Imkerei mit den beweglichen Rähmchen dar.

Imkerpräsident Haefeker bei der Arbeit.

Imkerpräsident Haefeker bei der Arbeit.

Wie sieht nach der Lobbying-Schlacht um die Neonicotinoide die gesetzliche Situation rund um die Bienen aus?

Das Verbot der Neonicotinoide war ein Schritt in die richtige Richtung, weil es auch das Zulassungsverfahren in der EU insgesamt in Frage gestellt hat. Die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, hat nun einen Vorschlag ausgearbeitet, wie das in Zukunft gehandhabt werden soll, der von der Industrie bekämpft wird. Das Problem der Imker ist ja, dass wir die Produktionsbedingungen nicht kontrollieren können. Ein Schweinezüchter sucht sich aus, wo er sein Futter bezieht. Die Bienen suchen ihre Nahrung aber auf einer riesigen Fläche von mindestens 30 Quadratkilometer.

So wurden ja auch die Bienen-Schäden heruntergerechnet, wenn etwa ein Bundestagsabgeordneter anfragte, wie schlimm das Sterben der Bienenvölker denn wäre. Denn da mussten nicht nur tote Bienen, sondern auch eine verdächtige Pflanzenprobe eingeschickt werden. Die waren nur oft so weit weg, dass die Imker gar nicht wussten, wo die Quelle der Vergiftung lag. Also gab es auch keinen Fall in der Statistik.

Daher ist für uns das, was in der Landwirtschaftspolitik geschieht, wichtiger als die konkrete Bienengesetzgebung. Wir uns auch relativ viel in der Agrarpolitik ein. Stehen die Weichen beispielsweise auf Gentechnik, dann haben wir das im Honig. Das kann kein Imker der Welt wieder herauszaubern.

Wie real ist diese Gefahr?

Momentan kämpfen wir dagegen, dass gentechnisch veränderte Bestandteile beim Honig nicht gekennzeichnet werden müssen. Da geht es aber um mehr: Würde die EU unserer Position zustimmen, geht es um Abstandsflächen zu den gentechnisch veränderten Pflanzen. Und da reden wir nicht von ein paar Metern, sondern von etlichen Kilometern. Das soll zum Schutz der Gentechnikindustrie unbedingt vermieden werden.

Eine ganz andere Frage: Was ist eigentlich an der Wirkung von Propolis dran, das oft als Wundermittel angepriesen wird?

Propolis stellt ein Kittharz dar, mit dem die Bienen Ritzen verschließen. Der Name – vom griechischen „pro polis“ (= für den Staat) sagt aber auch etwas anderes. Wenn 50.000 Individuen auf so kleinem Raum zusammenleben wie im Bienenstock, käme es ohne ein natürliches Antibiotikum zwangsweise zu Krankheiten. Das wäre in etwa so, wie wenn wir unser ganzes Leben in einer dicht besetzten U-Bahn verbrächten. Der härteste Job für Bienen ist es, das Harz, mit dem die Bäume ihre Knospen schützen, heimzutragen. Kommt etwa eine Maus in einen Bienenkasten, können sie die zwar so arg stechen, dass sie daran stirbt, aber sie bekommen sie nicht mehr hinaus. Dann überziehen sie das Tier mit Propolis, und sie mumifiziert sich ohne Infektionen. Das haben sich schon die alten Ägypter für ihre Mumien abgeschaut. Als Imker in Österreich kann ich das Propolis abkratzen und daraus eine alkoholische Lösung als Heilmittel herstellen. In Deutschland geht das nicht.

Propolis. Bild: flickr.com/Rob Campbell – CC BY-NC 2.0

Propolis. Bild: flickr.com/Rob Campbell – CC BY-NC 2.0

Woran liegt das?

Bei uns dominiert die Pharmaindustrie. Zwar ist die Wirkung als Antibiotikum unumstritten, aber der Imker stellt keinen pharmazeutischen Betrieb dar. Da sind teilweise schon Polizisten aufgefahren bei Bienenzüchtern. In Osteuropa, wo es keine profit-orientierte Pharmaindustrie gegeben hat, wird Propolis immer noch als absolutes Hausmittel angesehen.

Und der Honig selbst? Wo liegen dessen Stärken?

Das Besondere an den Bienen ist, dass sie in Volksstärke überwintern und nicht als einzelne Königinnen wie bei den Wespen, Wildbienen oder Hummeln üblich. Der Trick der Biene liegt in der Haltbarmachung des Honigs, das ist deren Heizöl. In der Evolution haben sie gelernt, wie man dem Honig Wasser entzieht und Enzyme beifügt. Deshalb funktioniert auch die Wundheilung damit, wegen der keimabtötenden Enzyme. Nebenbei bemerkt gibt es ein pharmazeutisch bestrahltes Produkt namens „Medihoney“, das in Spitälern gegen Keime eingesetzt wird, die gegen alle Antibiotika resistent sind.

Nützen Sie Ihren Honig auch als Arznei?

Ich war ja nicht immer Imker und litt mein Leben lang massiv an Heuschnupfen. Als ich dann mit den Bienen begonnen habe, aß ich natürlich auch meinen eigenen Honig. Als ich im Frühjahr dann mit meinen Schnupfenpillen in der Tasche in die Natur ging, merkte ich, dass ich die gar nicht brauche. „Hat das was mit dem Honig zu tun?“, hab ich dann bei Imkerkollegen nachgefragt. „Na klar“, haben die gesagt. Im Honig ist immer etwas Pollen und zwar Pollen von den Pflanzen aus der Region. Das führt zu einer oralen Hypersensibilisierung (dosierte Gabe von Allergenen, um Immunisierung zu erreichen, Anm. d. Red.). Sie haben also gute Chancen, den Heuschnupfen los zu werden, wenn sie vor allem im Winter (in der pollenfreien Zeit) Honig aus der Region essen.

Was ist eigentlich dran an der Behauptung, Honig könne nicht verderben?

Theoretisch ist Honig tatsächlich ewig haltbar. In Pharaonengräber hat man noch essbaren Honig gefunden. Wesentlich dafür wären allerdings niedrige Luftfeuchtigkeit, kein Licht und geringe Temperaturschwankungen. Wer eine Pyramide daheim hat, kann seinen Honig also auch 3.000 Jahre lagern.

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