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#Armeleuteessen: Es ist einen Versuch wert

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Linsensuppe und Wasser.

Linsensuppe und Wasser.

Ein Selbstversuch um herauszufinden, ob sich Bio jeder leisten kann. Da kann man einiges falsch machen. Aber einen Versuch ist es wert. 

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Den März über möchte ich versuchen, mich möglichst günstig und trotzdem bio zu ernähren. Schließlich rufen wir als Biorama zum Selbstversuch unter dem Titel #Armeleuteessen auf. Damit wollen wir nicht den Zeigefinger erheben, schon gar nicht gegenüber von Armut betroffenen Menschen. Und wir wollen auch nicht den Beweis antreten, dass sich jeder Bio leisten kann, wenn er nur will. Wir wollen nur ausprobieren, ob bio niedrigschwellig oder doch ein Eliten-Programm ist. Wir wollen den Wahrheitsgehalt so plakativer Sätze wie „bio muss man sich nur leisten wollen“ überprüfen. Und dabei wollen wir nicht zuletzt auch mit eigenen Vorurteilen aufräumen.

Natürlich sind wir bei Biorama nicht die ersten, die sich die Frage stellen, ob man von wenig Geld eine nachhaltige Ernährung finanzieren kann. Schon vor über einem halben Jahrzehnt, 2010, hat Rosa Wolff darüber geschrieben, wie man sich als Armutsbetroffene bio ernähren kann. Arm aber Bio heisst ihr Buch. Auch ihre Recherche hat damals in einem Selbstversuch bestanden. Einen Monat lang lebte die Münchnerin vom Harz IV Regelsatz. Eingekauft hat sie trotzdem nur Bio-Lebensmittel. „Es ist kein Spaß. Man muss immer die gerade günstigsten Zutaten suchen und viel selber kochen. Besonders schwierig ist es, wenn man auch noch gesund essen will, also nicht nur Sattmacher wie Spaghetti mit Tomatensauce.“ Das hat Autorin Wolff damals der TAZ im Interview erzählt. Auf Fleisch und Wurst habe sie weitgehend verzichtet, heisst es im Buch, und auf „Billigbio aus dem Discounter“ wollte sie auch nicht zurückgreifen.

Über Armut reden ist nicht immer einfach

Klar, im Internet wurde die Autorin damals – das wäre heute, sechs Jahre später, wohl genau so – von nicht wenigen Kommentatoren angegriffen. Ein Monat Selbstversuch, wie lächerlich kurz. Und einen Mann hat sie auch nicht miteingebunden in ihren Versuch, wie verzerrend, hieß es da schnell. Ein anonymer User beschimpft die Autorin im Mai 2010 per Kommentar: „Das ist doch wieder so typisch für eine Wohlstandstussi, die von Familienleben Null-Ahnung hat, mit nem silbernen Löffel im Mund groß wurde und in die Kniekehlen, von vorwiegend alleinerziehenden Frauen, die Harz 4 beziehen, schießen muss.“ Folgt man den Kommentaren von damals, stellt man fest: Über Armut dürfen nur davon betroffene reden. Und wer feststellt, dass man von staatlicher Mindestsicherung Bio-Lebensmittel kaufen kann, torpediert damit die Interessen der Empfänger.

Angreifbar hat sich die Autorin vielleicht gemacht, weil sie den Tagessatz für Lebensmittel-Ausgaben, der ihrem Selbstversuch zugrunde lag, nicht sehr ordentlich recherchiert hat. Von 4,50 Euro täglich ist die Autorin ausgegangen. Der tatsächliche Harz IV Satz betrug damals 359 Euro, wovon 3,94 Euro täglich für Lebensmittel, vorgesehen waren. Seit Anfang 2016 liegt der Regelsatz für Alleinstehende bzw. Alleinerziehende Erwachsene bei 404 Euro (364 Euro für volljährige Partner in einer Bedarfsgemeinschaft). 143,42 Euro davon sind für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke vorgesehen. Das macht bei 30 Tagen im Monat 4,78 Euro am Tag (Quelle: hartziv.org).

Bio vom Discounter. Für viele ein No-Go.

Bio vom Discounter. Für manche ein No-Go.

Eine Frage des Budgets

Mein persönlicher Versuch wird in Österreich stattfinden. Hier gibt es Hartz IV nicht. Dafür die bedarfsorientierte Mindestsicherung. Die Sätze liegen ein wenig höher. Bevor ich den Versuch #armeleuteessen starte, ist es für mich nicht ganz unwichtig, zu wissen, was eigentlich mein monatliches Normal-Budget ist. Ich kenne zwar mein Gehalt und ich weiß auch, was Miete, Handyvertrag, das Abo der Jahreskarte für die Wiener Linien, Netflix, Deezer usw. kosten, aber was am Ende pro Woche und Tag an Geld zur Verfügung steht, mache ich mir eher selten bewusst. Eigentlich eine komfortable Situation. Um sich einen Überblick zu verschaffen, ist der Haushaltsbudgetrechner der Wiener Arbeiterkammer ein ziemlich brauchbares Tool. Die Summe, die der Rechner ausspuckt, ist für mich überraschend. Mir geht es finanziell ganz gut. Schockierend ist die Zahl auch ein wenig, weil ich vorher gelesen habe, welches Budget Empfängern der Mindestsicherung bleibt. Eigentlich ist es für mich ja keine Überraschung, dass mein Budget über der Mindestsicherung liegt. Trotzdem bin ich überrascht.

Vorgesehen sind für Ernährung und Dinge des täglichen Bedarfs danach zirka 180 Euro im Monat. Das ist wenig. 180 Euro im Monat, 45 Euro pro Woche, 6 Euro am Tag – mehr sollen Menschen unter der Armutsgrenze also nicht ausgeben für ihren alltäglichen Bedarf. Die Schuldnerberatung hat anhand von Referenzbudgets ermittelt, dass ein realistisches Budget deutlich höher liegt, nämlich bei 340 Euro. 340 Euro fürs Essen und für Kosmetik – auch das erscheint mir nicht üppig, aber realistischer.

Mit einem kleinen Einkauf ist das Tagesbudget schnell erreicht. Der Preis für die Mittagspausen-Artikel im Bild: 6,77 Euro.

Mit einem kleinen Einkauf ist das Tagesbudget schnell erreicht. Der Preis für die Mittagspausen-Artikel im Bild: 6,77 Euro.

Der Test im Februar

Bevor der Selbstversuch im März startet, sollte der Februar für mich dazu dienen, meinen Normalbedarf zu ermitteln. Quasi, um zu wissen, wo große Sparpotenziale überhaupt liegen und wie mein Lebensstil in Summen ausgrückt aussieht. Ich habe deshalb meine Ausgaben für Lebensmittel (und alle anderen auch) erfasst und aufgeschrieben. Am Ende stehen rund 268 Euro, die ich für Lebensmittel ausgegeben habe. Ungefähr die Hälfte davon habe ich in der Gastronomie ausgegeben. Der Bioanteil, gemessen an den Ausgaben, liegt ebenfalls bei ungefähr 50 Prozent. Dieses Budget im nächsten Monat auf 180 Euro zu kürzen, und den Bio-Anteil gleichzeitig zu erhöhen, das müsste gehen. Spaß machen, wird es nicht – so viel war schon nach ein paar Tagen des Ausgaben-Notierens klar. Das Tagesbudget von sechs Euro war gleich am ersten Tag schon in der Mittagspause verbraucht. Für zwei Bio-Weckerl vom Spar, einen Becher Bio-Cottage-Cheese und vier Bio-Äpfel plus Softdrink (nicht bio) waren 6,77 Euro fällig. Das ist eigentlich zu viel, auch wenn die eingekauften Lebensmittel natürlich für mehr als eine Mittagspause reichten. Belegtes Brot als Luxus?

Wo beginnt Luxus?

Es ist gar nicht leicht, zu entscheiden wo Luxus beginnt und nötige Lebensmittel-Ausgaben aufhören. Wer berufstätig ist, sich aber vom Mindestsicherungs-Budget ernähren möchte, der begibt sich automatisch in ein Spannungfeld aus wenig Zeit und wenig Geld. Hätte man mehr Zeit zum Kochen könnte man auf das eine oder andere Produkt vielleicht eher verzichten. Man könnte stattdessen mehr Zeit in das Vorbereiten und Zubereiten von Mahlzeiten investieren und Geld sparen. Man würde vermutlich auch seltener in Restaurants landen, um zu essen, weil man weniger Geld zur Verfügung hätte, aber auch weil man öfter zuhause wäre, weniger Termine hätte.

Ein Selbstversuch, der sich #Armeleuteessen nennt, und bei dem versucht werden soll, sich von dem Geld zu ernähren, das Menschen zur Verfügung haben, die in Armut leben, ist deshalb von vorne herein schwierig. Es gibt ein paar grunsätzliche Konflikte und er wirft pausenlos neue Fragen auf.

Ist gelegentlicher Luxus nicht auch mit wenig Geld irgendwie nötig? Wie schaut es mit Vorräten aus, die vor Beginn des Versuchs angelegt wurden? Verzerren Essens-Einladungen den Versuch? Damit so ein Selbstversuch nicht zynisch daherkommt, muss man auf solche Fragen Antworten finden. Das soll ab nun einen Monat lang geschehen. Leicht wird das vermutlich nicht immer. Aber der Versuch ist einen Versuch wert.

 

 

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