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Daniel Kofahl: „Fleischessen stiftet Identität“

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Fleischesser fürchten um ihr Schnitzel, wenn es politisch ums Essen geht. Faire Produktion und Ökologie sind dabei eher nebensächlich. Wieso eigentlich? 

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Neulich hat sich das deutsche Bundesministerium, für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit eine neue Beschaffungsrichtlinie fürs Catering bei den Veranstaltungen des Hauses verordnet. Bei den Terminen des Umweltressorts soll es nachhaltiger zugehen, auf dem Buffet. Weil es auch weniger Fleisch geben wird, ist daraus die inzwischen fast rituell gepflegte Debatte um die Bevormundung der Bürger beim Thema Fleischessen entstanden. Wir haben mit dem Ernährungssoziologen Daniel Kofahl darüber gesprochen, weshalb diese Debatte immer wider auftaucht, und was die Politik überhaupt für besseres Essen tun kann.

BIORAMA: Das Bundesministerium für Umwelt stellt beim Catering auf saisonales, regionales, ökologisches und vegetarisches Angebot um. Ist das nicht recht naheliegend, für das Umweltressort? 

Daniel Kofahl: Dass das BMUB auf ressourcenschonendes Catering umstellt ist absolut nachvollziehbar. Wäre die Umstellung auch allein auf Bio und regional erfolgt, wäre der Aufschrei wohl, wenn überhaupt, sehr leise gewesen. Doch gerade beim Fleischessen scheiden sich die Geister, da es für die überwältigende Mehrheit der Menschen zu ihrer Ernährungskultur und damit auch zu ihrer kollektiven wie individuellen Identität dazugehört. Wie wissen aus den Debatten der letzten Jahre, wie aufgeheizt das Thema ist, wenn gerade hierbei in die Autonomie der Speisenauswahl hineinregiert werden soll. Es ist deshalb schwer verständlich, warum das BMUB wieder in dieses Fettnäpfchen gesprungen ist. Warum nicht ein reduziertes, aber verbessertes Fleischangebot, dafür von biologischen, handwerklich und fair arbeitenden Betrieben? Damit wäre man nicht so exkludierend mit seinem Speisplan und würde sich nicht so bevormundend gerieren.

Stimmt. Jedes Mal, wenn solche Push&Pull Maßnahmen debattiert werden, ist der Aufschrei groß. Ist das ein politisches Ritual, und was müsste kommunikativ passieren, damit sich niemand über zu wenig Fleisch beklagt? 

Daniel Kofahl: Ein spürbarer ökologischer Effekt auf das Weltklima lässt sich nicht mit Symbolpolitik gestalten. Was im BMUB oder auf irgendwelchen singulären Veranstaltungen, die symbolisch Fleisch vom Speiseplan komplett streichen, folgen kann, können sogar verstärkter Fleischkonsum sein. Wir sehen, dass viele Menschen sich nun erst des hohen Stellenwertes, den Fleischessen für sie bedeutet, bewusst werden und so einen Ernährungswandel noch mehr blockieren, vielleicht sogar umkehren. Damit ist nichts gewonnen. Ökologische Effekte in Bezug auf Ernährung kann die Politik ganz anders viel effektiver gestalten: bessere Förderung ökologisch-nachhaltiger und ressourcenschonender Produktion wäre das eine, oder zum Beispiel eine bessere finanzielle Ausstattung von Außer-Haus-Verpflegung im sozialen Bereich, also Schul- oder Kinderkartenkantinen. Dort muss stets mit niedrigstem Budget kalkuliert werden und Massen von Kindern und Jugendlichen werden Tag für Tag mit nicht-ökologischem und nicht-fairem Essen verköstigt. Hier könnte die Politik wirklich etwas bewegen, als kleinste Maßnahme mit der Unterstützung von Schulungen des Kantinenpersonals. Dagegen wirkt die Symbolpolitik beim BMUB doch sehr inszeniert. Im Übrigen korreliert ökologisch-nachhaltiges Handeln im Alltag stark mit höherem ökonomischen Einkommen und höherer Bildung. Wenn eine sozialdemokratische Regierung also für eine ökologische Wende ohne Bevormundung eintreten möchte, sollte sie vor allem ihre Kernthemen anständig beackern.

Wieso empfinden das Menschen eigentlich als Bevormundung? Es wird doch niemand gezwungen, der Einladung des Umweltministeriums zum Essen zu folgen. 

Daniel Kofahl: Wer politisch bei den im BMUB auf die Tagesordnung gesetzten Themen aktiv mitarbeiten will, folgt nun mal der Einladung oder versucht an Veranstaltungen teilzunehmen. Das BMUB sollte diese Partizipation auch unterstützen anstatt potentielle Gäste diätetisch allzu eng zu reglementieren. Essen und Trinken bringt die Leute zusammen, beziehungsweise sollte dies tun, selbst politische Gegner können so locke miteinander ins Gespräch kommen. Die Vergemeinschaftung ist eine der Spezialfunktionen von gemeinsamem Essen. Dass das nun stattdessen zum Trennen instrumentalisiert wird erscheint wenig demokratisch.

Gibt es eigentlich Beispiele für Beschaffungsrichtlinien, die ganz ähnliche Kriterien haben? 

Daniel Kofahl: Manche Städte in Deutschland kaufen zum Beispiel nur Produkte aus „fairer Produktion“ für ihre Verwaltung.

Und ist es wettbewerbsrechtlich eigentlich zulässig, konventionelle Landwirtschaft auszuschließen? 

 Es ist in der Tat die Frage, wie sinnvoll es im Einzelfall ist, konventionell hergestellt Produkte komplett auszuschließen. Als ökologische Produkte gelten zum Beispiel nur solche, die entsprechend zertifiziert sind. Was ist eigentlich mit Produzenten, die sich diese Zertifizierung nicht leisten können? Oder mit Landwirten, die einzelne Aspekte der ökologischen Landwirtschaft kritisch sehen, aber integrierten Landbau betreiben? Ist jedes regionale Produkt unbedingt besser in Bezug auf seine Ökobilanz als ein nicht-regionales Produkt? Die Sache ist gar nicht immer so einfach. Allerdings muss die Komplexität für ein Ministerium fraglos händelbar sein, deshalb machen gewissen Richtlinien und Ausschlusskriterien schon Sinn. Die Frage ist halt: wieviel Komplexität will man wie sehr vereinfachen und wer wird dadurch ein- und wer ausgeschlossen?

Wären strenge, ministeriale Beschaffungsregeln in Österreich eigentlich denkbar, wo das Umweltministerium gleichzeitig das Landwirtschaftsministerium ist? 

Daniel Kofahl: Warum nicht? Umweltpolitik und Landwirtschaftspolitik sind eigentlich sehr eng miteinander verknüpft. Vielleicht schärft das sogar den Blick für die Zusammenhänge. Am besten, man nimmt noch den „Verbraucherschutz“ mit ins Boot.

Faire Produktion ist kein verpflichtendes Kriterium bei der neuen Beschaffungsrichtlinie im deutschen Umweltministerium. Wäre Fairness etwa eine zu weit gehende Bevormundung? 

Daniel Kofahl: Das ist überhaupt eine der wichtigsten Fragen! Warum wird auf vegetarisch, ökologisch, regional und preisbewusst umgestellt, aber faire, also sozialgerechte Produktionsbedingungen spielen keine Rolle? Das ist, gerade weil es sich in Deutschland um ein sozialdemokratisch geführtes Ministerium handelt, doppelt irrational. Es drängt sich massiv der Eindruck auf, es wäre Umweltaktivisten am Werk, denen Tiere, Pflanzen, ihr Unterstützerklientel und so weiter wichtiger sind als die Menschen, die die Lebensmittel konkret herstellen. Fairness in Bezug auf die Arbeitsbedingungen wäre vermutlich die am wenigsten starke Bevormundung und zugleich ein Kriterium, das Menschen sehr konkret helfen würde.

In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen beträgt der Bio-Anteil in öffentlichen Kantinen bis zu 90 Prozent. Die dänische Landwirtschaft ist nicht weniger industriell aufgestellt als die deutsche. Was kann man von den Dänen lernen, wenn es darum geht, Nachhaltigkeit zum politisch verbindlichen Kriterium zu machen? 

Daniel Kofahl: In Kopenhagen wurde zum Beispiel das Kantinenpersonal extrem gut bei Schulungen für ökologische Produkte unterstützt. Allerdings, das darf man auch nicht übersehen, kommt es gerade auch in Dänemark immer wieder zu Streitereien bzgl. des Fleischessens, teilweise mit Schweinefleischgebot für Kantinen, weil sich bestimmte Bevölkerungsgruppen bevormundet fühlen. Dänemark ist zudem mit Spanien und Portugal europäischer Spitzenreiter beim Fleischkonsum. Es stellt sich also auch hier die Frage nach politisch nicht intendierten Rückkopplungen. Was bringt es ökologisch, wenn es einen erzwungenen Fleischverzicht in Kantinen gibt, aber dafür dann daheim umso mehr Fleisch gegessen wird?

Wenn das deutsche BMUB auf regionale Zulieferer im Catering umstellt, dann profitieren davon vor allem Berlin und Brandenburg. Ist das in Ordnung?

Daniel Kofahl: Wenn die Betriebe in Berlin und Brandenburg genauso gut oder besser als andere Betriebe bzgl. ihrer Ökobilanz und ihren Arbeitsbedingungen sind, dann ja. Wenn nicht, dann nein. Ich habe persönlich keinen Überblick über die Situation, man müsste abklären, ob das BMUB das anständig validiert hat, bevor es sich eine räumliche Schranke, festgemacht an den politischen Grenzen von Bundesländern, auferlegt hat.

Ist es nicht kommunikativ ein Dilemma, dass es immer um Veggie-Days und Fleischfreiheit gilt, statt um Nachhaltigkeit auf dem Teller?

Daniel Kofahl: Es ist wirklich keine gute Kommunikationsstrategie, den Fleischverzicht als das Kriterium für moralisch gute Ernährung zu stilisieren. Es geht nur noch um Pro oder Contra Fleischverzicht, es kommt zu Protest- und Abwehrbewegungen, die wichtigen Themen ökologisch und fairen Lebensmittelproduktion fallen fast „vom Teller“. Gerade der Wandel von Ernährung, die den Menschen so nah ist, dass sie zu dem werden, was sie essen und es dann auch sind, physiologisch wie auch soziokulturell, sollte besser demokratisch und inklusiv ablaufen.


Daniel Kofahl ist Ernährungssoziologe und arbeitet zu den Themen Ernährungsethnologie, Ernährungskultur, Agrarsoziologie / Agrar- und Ernährungspolitik, Gastrosophie und Kulinaristik. Man kann ihm bei Twitter folgen. 

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