There are 10 Million Bicycles from Beijing …

Leihräder, die man frei von festen Stationen nutzen kann, sorgen in vielen Großstädten für Kritik. Wir haben bei Ofo, einem der großen Anbieter, nachgefragt, was das Unternehmen antreibt.

Fahrradverleih ohne fixen Stellplatz
Anbieter für Leihräder überschwemmen Großstädte regelrecht. Bild: Istock.com/ c1a1p1c1o1m1

In vielen Großstädten gibt es seit dem letzten Jahr Bike-Sharing-Systeme, die ohne feste Leih-Stationen auskommen. »Free Floating« nennt man das Modell, bei dem die Fahrräder überall per Handy-App »freigeschaltet«, benutzt und abgestellt werden können. Dieses »freie Treiben« wird von vielen als chaotisch empfunden. Es führt nämlich dazu, dass Leihräder überall auftauchen: an Fahrradständern, am Straßenrand, auf Gehsteigen, Parkplätzen und in Parks. Die großen asiatischen Anbieter Obike, Mobike und Ofo geraten deshalb in vielen Städten in die Kritik. Dürfen die einfach überall ihre Räder abstellen? Ist das Überfluten öffentlichen Raums mit Leihrädern gar ein parasitäres Geschäftsmodell?

Inzwischen fühlen sich manche Städte verpflichtet, die Leihradflotten zu regulieren, und die Zahl der Räder zu beschränken. Haben Großstädte und ihre Bewohner die großen Vorteile der Leihrad-Services einfach noch nicht erkannt? Wir haben bei Ofo Bike Sharing in Wien nachgefragt, wo Elisabeth Kantor für die Unternehmenskommunikation zuständig ist. Das chinesische Unternehmen betreibt seine 10 Millionen gelben Leihräder inzwischen in 250 Städten weltweit.

Ofo und andere Anbieter bieten Leihräder ohne fixe Abstellplätze

Mit Fahrrädern von den neuen Anbieter aus China kommt man in Zukunft ohne fixe Stellplätze aus. Bild: pixabay.com.

BIORAMA: Der Start von Free-Floating-Fahrradverleihen vor einiger Zeit wurde im letzten Jahr oft als extrem chaotisch wahrgenommen. Plötzlich waren überall im öffentlichen Raum diese Räder. In diesem Jahr gibt es in Städten wie Wien deshalb verpflichtende Regelungen. Was ändert sich?

Elisabeth Kantor: Wir verstehen die Ausgangslage, die zu den Regulierungen geführt haben. Das Problem bei der Ausarbeitung ist aber, dass die unterschiedlichen Anbieter dabei sehr undifferenziert über einen Kamm geschert werden und mehr Dialog gewünscht wäre. Viele der Kriterien erfüllen wir schon, ein paar Regelungen wirken jedoch etwas willkürlich, wie z. B. die Limitierung der Fahrräderanzahl, was wiederum auf die schlechte Differenzierung der Anbieter zurück zu führen ist.

Es wäre wünschenswert, wenn sich diese Zahl nach Service und Qualität der jeweiligen Anbieter richtet, und langfristig an die tatsächliche Nachfrage nach oben angepasst werden darf. Hinzu kommt, dass viele Wiener auch gar keinen Bezug zu diesen Zahlen haben. 1.500 hört sich erst einmal viel an, aber in Relation gesetzt zu den Autos in Wien – 670.000, Sechshundertsiebzigtausend! – ist das lächerlich wenig.

Worin besteht der große Nutzen von Services wie Ofo?

Unsere Leihräder kann man einfach per App finden, entsperren und nach der Fahrt bequem dort abstellen, wo man möchte – unabhängig von Stationen, die oft weit entfernt vom eigentlichen Ziel sind oder – in beliebten Gegenden – voll sind. Für unsere Nutzer ist genau diese Flexibilität der größte Nutzen. Abgesehen davon bietet unser Service noch einen weiteren großen Nutzen: Die Reduktion des Autoverkehrs und den Fahrradanteil im Modal Split zu erhöhen sind brandaktuelle Forderungen, die für Städte immer wichtiger werden, um ihre Klimaziele zu erreichen. Bike-Sharing kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Denn eine der ersten Hürden ist, die Menschen überhaupt aufs Fahrrad zu bringen. Leihräder sind hier die optimale Lösung, kurz- und langfristig.

Bike-Sharing per App

Die App OFO bietet Bike-Sharing ohne fixen Stellplatz. Bild: Istock.com/ Blackzheep, Ofo.

Was unterscheidet Ofo Bikes vom Mitbewerb und wer ist überhaupt der Mitbewerb?

Der Wettbewerb variiert von Stadt zu Stadt. In Wien zum Beispiel haben wir ein großartig ausgebautes Öffi-Netzwerk. Wir sehen uns hier aber nicht nur im Wettbewerb, sondern als Ergänzung zu diesem. Der Unterschied jedoch ist, dass man bei Strecken unter 5 km mit dem Fahrrad einfach am schnellsten am Ziel ist – auf diese Distanz sind Fahrräder fast unschlagbar. Man kann uns auch als die Evolution vom stationsbasierten Leihrad-Modell sehen. Hier gibt es super Vorreiter, jedoch haben sie die Anpassung an das digitale Zeitalter verpasst sowie den Ausbau der physischen Stationen. Wir können wesentlich flexibler operieren.

Im Internet gibts Bilder von gigantischen Fahrradhalden in China, weil chinesische Städte offenbar mit Fahrrädern »überschwemmt« wurden. Welche Rolle spielt Bikesharing in der chinesischen Heimat von Ofo?

Ofo hat in China einen Marktanteil von 65 % und gilt als Pionier des »Free Floating-Modells«. Gegründet wurde die Plattform von ein paar Studenten an der Universität Peking. Innerhalb weniger Monate wurde sie zuerst auf mehrere Campusse und in viele weitere Städte ausgeweitet. China erkennt das Potenzial, was den Umstieg von Auto auf Fahrrad bzw. eine nachhaltige Lösung für die sogenannte »First and Last Mile-Problematik« betrifft. In Shanghai sind seit der Einführung des stationslosen Modells auf Kommunalebene die Autofahrten unter 5 km um 44 % gesunken.«

Manche Menschen empfinden es als frech, dass Bikesharing-Anbieter ein Geschäftsmodell verfolgen, das einfach im öffentlichen Raum, also in öffentlicher Infrastruktur, stattfindet.

Die Kritik halten wir für nicht berechtigt. Im Gegenteil: Wir bieten den Städten einen Service an, der sonst vielerorts subventioniert wird. Langfristig können wir dabei helfen, sehr viel Geld im Bereich Umweltschutz zu sparen und Klima- und Umweltziele zu erreichen. Wir stellen den Bewohnern ein günstiges und umweltschonendes Transportmittel zur Verfügung und tragen zur Lösung des Verkehrs- und Luftproblems bei, das alle großen Städte haben.

Unsere Fahrräder benötigen im Vergleich zu Bus- oder Taxi-Unternehmen nur wenig öffentlichen Raum. Außerdem bezahlen wir, wie alle anderen Unternehmen auch, Steuern und Abgaben und haben das Recht, Infrastruktur zu nutzen. Das haben alle anderen Unternehmen auch. Es ist fast ein bisschen traurig, wie unreflektiert die Öffentlichkeit Radfahrer im öffentlichen Raum generell wahrnimmt. Dem Auto räumt man einen sehr hohen Stellenwert ein bzw. man bemerkt das extreme Ungleichgewicht nicht einmal. Unsere Städte sind voll mit Parkplätzen und auch unsere Straßen sind primär auf diese Zielgruppe ausgerichtet. Die Empörung darüber erscheint vergleichsweise gering.

Fahrradverleihsysteme, wie OFO, lassen sich in vielen Großstädten finden

Prägen das Stadtbild: die Leihräder vornehmlich asiatischer Anbieter. Bild: frei/ Ofo

Habt ihr manchmal den Eindruck, Ofo hätte ein besseres, öffentliches Standing in Europa, wenn das Unternehmen nicht aus China käme?

Hier wird natürlich gerne mit Klischees gespielt. Wir sehen das gelassen. Das Modell ist dabei, sich in vielen Ländern zu etablieren, ohne dabei die jeweiligen Gesetze und Regeln zu missachten. Wir agieren sehr lokal in all unseren Märkten, angefangen von ortsansässigen Mitarbeitern über das Engagement in den Kommunen und die Unterstützung lokaler Projekte und Initiativen bis zum Dialog mit Stadtregierungen. Eine lokale Identität ist uns wichtig, unterstützt mit dem Know-how unseres Headquarters.

Habt ihr das Gefühl, dass die Leute einfach noch nicht erkannt haben, wie praktisch es sein kann, wenn überall Fahrräder bereitstehen?

Definitiv ja. Wir sind überzeugt davon, dass wir diese Phase aber bald überstanden haben. Dass unser Service gut angenommen wird, zeigen ja auch unsere täglich steigenden Userzahlen und mit den wärmeren Temperaturen auch die steigenden Nutzungen.

Was sagt ihr zur Kritik, dass die bereitgestellten Fahrräder nicht gut genug sind, also zu schwergängig, zu unkomfortabel etc.?

Die einzig berechtigte Kritik ist die Rahmengröße, welche sich noch nicht ganz an die Körpergröße europäischer User angepasst hat. Über Schwergängigkeit und unzureichenden Komfort haben wir noch die wenigsten Beschwerden bekommen – ganz im Gegenteil. Es muss aber natürlich trotzdem jedem Nutzer klar sein, dass wir keine 1000€-Bikes für ausgedehnte Tagesausflüge bereitstellen. Noch nicht zumindest! Unser Geschäftsfeld sind primär Kurzstrecken unter 5 km im innerstädtischen Bereich.

Gibt es Städte, in denen Ofo-Bikesharing besonders gut funktioniert, und wenn ja: weshalb?

Als europäisches Beispiel eignet sich hier das Vereinigte Königreich als gesamter Markt. Die Eingewöhnungsphase hat etwas gedauert, aber mittlerweile sind wir in sechs Städten vertreten. Viele dieser Städte haben sich aktiv bei uns gemeldet, weil sie Bike-Sharing als ideale Ergänzung zu ihrer Infrastruktur sehen. Auch in Mailand konnte sich Ofo als hochwertiger Partner positionieren und hat sein Geschäftsgebiet auf die Outskirts ausgedehnt.

Leihräder in London

Auch in Europa wird Bike-Sharing immer beliebter. Auch Anbieter wie Ofo etablieren sich langsam. Bild: pixabay.com

Gibt es Städte, in denen Ofo-Bikesharing eher nicht so besonders gut funktioniert, und wenn ja: woran scheitert’s?

Aus Amsterdam mussten wir uns zurückziehen. Da gibt es bekanntlich einfach schon zu viele Bikes! Spaß beiseite. Vandalismus ist in einigen Städten ein Thema, das aber nicht erst mit uns aufgetaucht ist. Es betrifft uns aber auch und kann unserem Image nachhaltig schaden. Wir haben einige Möglichkeiten entgegenzusteuern, stoßen aber an von uns nicht beeinflussbare Grenzen. In Wien wurde medial ganz exzessiv über Vandalismus-Fälle berichtet und die Bevölkerung teilweise dazu angehalten, noch mehr Bilder zu schicken. Das führte zu Nachahmern und einem negativem Klima. Wir sehen ganz deutlich: Reduziert sich die Aufmerksamkeit, reduzieren sich auch die Vorfälle.


Wie funktionieren die Fahrradverleih-Systeme?

Seit einigen Jahren liefern sich Anbieter von Leihrädern in europäischen Großstädten einen wilden Konkurrenzkampf.

Kritiker vertreten die Ansicht, die vornehmlich asiatischen Anbieter würden den öffentlichen Raum mit billigen Fahrrädern fluten, und ökologische Aspekte würden allein durch die Masse an Fahrrädern kaum eine Rolle spielen. Die größten Unternehmen auf diesem Markt sind Mobike, Obike, Ofo, Yobike oder Zenjoy. Allein Mobike soll in chinesischen Großstädten über 4,5 Millionen Fahrräder aufgestellt haben. Um sie zu nutzen, müssen sich die User in einer Handy-App registrieren, mit der die Räder per QR-Code entsperrt werden können. Die Tarif-Berechnung erfolgt anhand der Benutzungsdauer. Mit ihren günstigen Massenrädern machen die Anbieter stationären, teilweise städtischen Verleihsystemen Konkurrenz.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #55 erschienen

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