Wie wird ein Produkt geprüft vegan?

Vegan-Stempel.
Bild: Istock.com/Microstockhub.

Der Hype um die vegane Lebensweise mag vorüber sein. Die Menschheit wird auch in Zukunft nicht völlig auf Milch, Fleisch und Käse verzichten. Doch auch wenn einzelne Pleiten in der Gastronomie – etwa der Fastfoodkette »Swing Kitchen« mit ihren Filialen von Wien bis Berlin – kurzfristig täuschen können: Die Bedeutung von Lebensmitteln, die ohne tierische Bestandteile auskommen, wird weiter steigen. Zahlen zeigen, dass pflanzlicher Milch-, Käse- und Fleischersatz tendenziell viel stärker von jungen Menschen gekauft werden. Diese werden ihre Ernährungsgewohnheiten früher oder später an die nächsten Generationen weitergeben. Der »Peak Vegan« ist deshalb noch lange nicht erreicht, meint Verena Wiederkehr, die bei Rewe Österreich die Geschäftsentwicklung im Plant-based-Bereich leitet, dabei die vegane Flagship-Filiale »Billa Pflanzilla« in Wien-Neubau verantwortet und auch mit der Produktentwicklung bei Rewe Deutschland kooperiert.

»Die harten Zahlen der Kassendaten des Einzelhandels von Nielsen (Konsumforschungsunternehmen, Anm.) zeigen bei pflanzlichen Fleischalternativen zuletzt ein Absatzplus von 11,2 Prozent, bei Milchalternativen gibt es plus 7,1 Prozent«, sagt Wiederkehr. Laut jüngsten Marktforschungszahlen von Billa essen in Österreich 29 Prozent der Unter-25-Jährigen gar kein Fleisch mehr. 19 Prozent aller 18-bis-25-Jährigen ernähren sich vegan oder vegetarisch, sagt Wiederkehr: »Vor einem Jahr waren es erst 13 Prozent. Das sind die KonsumentInnen von morgen. Da erkennen wir, wohin sich die Gesellschaft entwickelt.« Auch Mitbewerber Spar sieht seine Eigenmarke (»Spar Veggie«) »nach einem starken Anstieg von fast 13 Prozent im Jahr 2024 weiterhin auf hohem Level«, so Sprecherin Magdalena Gottschall.

Die Schweiz als veganes Innovationszentrum

Mit diesem Wachstum werden auch eine entsprechende Kennzeichnung, Transparenz und Kontrolle für immer mehr Menschen kaufentscheidend. Anders als bei Biolebensmitteln, deren Produktion und Kontrolle sogar auf EU-Ebene gesetzlich geregelt wird, gibt es für vegane oder vegetarische Erzeugnisse keine gesetzliche Grundlage. In diese Lücke stieß bereits 1996 das Schweizer V-Label. Von der Schweiz aus schuf es einen Standard und ein Erkennungszeichen für vegane und vegetarische Produkte. In grüner Schrift auf grellem Gelb kennzeichnet das V in Form eines Grashalms beziehungsweise Blatts ein veganes Produkt. Vegetarisches (das Milch, Käse oder Ei enthalten darf) wird genau umgekehrt ausgewiesen: als gelbes Pflanzen-V auf sattem Grün. Längst ist das V-Label international etabliert und leuchtet von weltweit 70.000 Produkten.

V-Label-Vegan.
V-Label Vegan
Die Zentrale und Lizenzgeberin des international etablierten V-Labels, die V Label GmbH, sitzt in Winterthur (Schweiz). Gegründet 1996 weist es weltweit aktuell 70.000 Produkte als vegan oder vegetarisch aus; auch im Non-Food-Bereich. Partnerorganisationen sind z. B. die Vegane Gesellschaft (Österreich) und »ProVeg e.V.« (Deutschland).
v-label.com

Allen Anfang machte 1997 das Handelsunternehmen Migros, das seinen »Cornatur«-Fleischersatz zertifizieren ließ. Mittlerweile vermarkten in der Schweiz und in Liechtenstein 260 Lizenznehmer insgesamt 6900 Produkte mit dem V-Label. Nach Österreich holte es 2002 Rewe für seine Eigenmarke »Vegavita«. 450 Unternehmen folgten mit bisher 11.000 V-Label-Produkten. In Deutschland prangt es auf 13.000 Produkten von knapp 1000 Lizenznehmern.

Kontrolliert werden Zutaten, Verarbeitungsschritte und Verpackung

Bedarf gibt es, weil viele tierische Lebensmittel gar nicht angegeben werden müssen, oder sich hinter Fachbegriffen verstecken. Das betrifft hoch verarbeitete Lebensmittel ebenso wie sehr natürliche. »Weine werden immer noch mit Gelatine geschönt, tierisches L-Cystein in Backwaren muss nicht deklariert werden und Inhaltsstoffe in Kosmetika werden über Inci-Codes angeführt«, sagt Johannes Gilli, der bei der Veganen Gesellschaft als österreichischem V-Label-Partner das sechsköpfige Gütesiegelteam leitet (und betont, dass es sich dabei um eine Non-Profit-Organisation handelt).

»Für die Kontrolle müssen alle Inhaltsstoffe offengelegt werden, auch jene, die sonst nicht kennzeichnungspflichtig sind.«
-Johannes Gilli, Vegane Gesellschaft und V-Label-Partner in Österreich

Die Zertifizierung laufe in allen Ländern gleich – über »eine Veggie-Organisation mit professionellem V-Label-Team«.  In Deutschland ist die Ernährungsorganisation Proveg zuständig. Jedes Produkt, für das im Falle eines positiven Ergebnisses das V-Label verwendet werden darf, wird einzeln überprüft: die Rezeptur, die Rohstoffe, aber auch eingesetzte Verarbeitungshilfsstoffe. »Alle Inhaltsstoffe müssen offengelegt werden, auch jene, die sonst nicht kennzeichnungspflichtig sind«, sagt Gilli. »Bevor es in den Handel geht, werden außerdem die Verpackungen und Etiketten geprüft und zum Druck freigegeben, um sicherzustellen, dass die Kennzeichnung korrekt erfolgt.« In Folge werden Produktionsstätten regelmäßig überprüft; bei Lebensmitteln jährlich, in allen anderen Warengruppen alle zwei, drei Jahre. Die Kontrolle übernehmen unabhängige Kontrollstellen. Sie passiert zusätzlich im Rahmen von Überprüfungen, die ohnehin bereits stattfinden, beispielsweise Biokontrollen. Das spare Zeit wie Geld, sagt Johannes Gilli: »Zur jährlichen Lizenzgebühr, die sich an der Größe der Betriebe orientiert, kommt die Gebühr für das Audit, das ein bis eineinhalb Stunden dauert.«

Auch »Kreuzkontaminationen« mit tierischen (bzw. nicht vegetarischen) Rohstoffen müssen vermieden werden, falls ein Betrieb auch solche verarbeitet. Entweder passiert das durch eine räumliche oder durch eine zeitliche Trennung der Produktion, also durch die Verwendung verschiedener Anlagen oder eine gründliche Zwischenreinigung der Maschinen. »Dann ist auch die Produktionsreihenfolge definiert«, erklärt Gilli. »Zuerst vegan auf sauberen Maschinen, dann vegetarisch, dann nicht vegetarisch. All das muss dokumentiert werden und wird vor Ort von der Kontrollstelle kontrolliert.«

Mann schaut sich Produkt genau an.
Je jünger, desto strenger achten KonsumentInnen auf Pflanzliches. Bild: Istock.com/Tempura.

Neu am Markt: »Bio Austria Vegan«

Auch der Verband Bio Austria hat zuletzt auf die sich ändernden Konsumgewohnheiten der Bevölkerung reagiert und – als erster großer Bioverband im deutschsprachigen Raum – sein Verbandsgütesiegel um eine vegane Option erweitert. Ergänzend zum ebenfalls grün-gelb gehaltenen Logo gibt es seit November 2025 ein eigenes Bio-Austria-Vegan-Logo. »Es ermöglicht eine klare Kennzeichnung für vegan zertifizierte Bioprodukte aus Österreich«, sagt Obfrau Barbara Riegler. Auch Bio Austria bestätigt unkompliziert im Zuge ohnehin stattfindender Biokontrollen, ob wirklich keine tierischen Inhaltsstoffe verwendet werden. Bereits genutzt wird das neue Vegan-Label des Bioverbands vom Weinviertler Würzsaucenspezialisten »Genusskoarl« und der Salzburger Hochmühle Frauenlob. »Der Handel verlangt solche Zertifikate, um Produkte im Regal als vegan ausloben zu können«, sagt  »Genusskoarl«-Gründer Karl Severin Traugott. Er vermutet, dass es durch das erweiterte Verbandsgütesiegel in Zukunft mehr vegan zertifizierte bäuerliche Produkte geben könnte. »Bislang hatte das V-Label gewissermaßen das Monopol, aber viele Bäuerinnen und Bauern fremdeln einfach mit der Veganen Gesellschaft und tun sich mit dem Aktivismus in deren Umfeld schwer«, sagt Traugott.

Bio-Austria-Vegan-Logo
Bio Austria Vegan Label
Das neue Siegel des Bioverbands Bio Austria weist bewusst nur pflanzliche Zutaten aus, keine vegane Landwirtschaft. Bereits zwei Verarbeitungsbetriebe nutzen diese Vegan-Zertifizierung.
bio-austria.at

Vegane Produkte aus nicht-veganer Landwirtschaft

Bio Austria betont, dass es sich um eine vegane Produktzertifizierung handelt und nicht um eine vegane Landwirtschaft. »Es geht in unserer Vegan-Richtlinie um den Einsatz von pflanzlichen Zutaten. Da uns zum Beispiel Kreislaufwirtschaft sehr wichtig ist, haben wir beschlossen den Faktor Düngung (mit tierischen Ausscheidungen, Anm.) nicht einzubeziehen«, sagt Andrea Grabmaier von Bio Austria Marketing.

Kein anderer großer Bioverband sonst weist bislang kontrolliert vegane Lebensmittel aus, weder Naturland, noch Bioland. »Wir haben aber Betriebe im Verband, die nicht nur vegane Produkte herstellen, sondern auch vegane Landwirtschaft betreiben«, sagt Bioland-Sprecher Leon Mohr. Einige wenige davon seien auch Mitglied im 2017 gegründeten Verein Biozyklisch-Vegan. Dieser propagiert – bislang vor allem auf Fachveranstaltungen wie auf den deutschen Biofeldtagen oder auf Messen wie der Biofach – eine nutztierfreie, trotzdem in natürlichen Nährstoffkreisläufen arbeitende Urproduktion. Damit versteht man sich gewissermaßen als vegane Alternative zur biodynamischen Demeter-Landwirtschaft, für die pflanzenfressende Nutztiere und deren Dung einen essenziellen Bestandteil eines jeden »Hoforganismus« darstellen. »Uns wird von Bäuerinnen und Bauern nicht gerade die Bude eingerannt«, sagt Alina Gieseke vom Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau e.V.. Man sei immer noch in der Pionierphase. »Es gibt gar nicht so wenige LandwirtInnen, die selbst vegan leben und sehr gut finden, was wir machen. Die Nachfrage wächst, aber recht langsam«, sagt Gieseke. Bislang hat man sechs landwirtschaftliche Betriebe als Mitglieder gewonnen (vor allem in der Bodenseeregion und in Sachsen). In Süddeutschland bieten seit Kurzem auch Großhändler wie Bodan oder Epos zertifizierte Rohstoffe an. »Das Ziel ist es, dass wir dadurch mit unserem Biozyklisch-vegan-Gütesiegel auch auf Produkten erkennbar werden. Bislang landet die Rohware noch ungelabelt im Handel«, so Gieseke. Im November 2025 verkündete der Verein auch eine Kooperation mit dem V-Label. Dieses kann nun, entsprechende Kontrollen vorausgesetzt, auch mit der Erweiterung »Vegan Agriculture« verwendet werden, um auf »eine rein vegane Wertschöpfungskette« hinzuweisen. Darin kommen keine Nutztiere oder tierische Düngemittel zum Einsatz.

Biozyklisch-Vegan-Logo
Biozyklisch vegan
Der Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau e.V . (mit Sitz in Berlin) propagiert eine nutztierfreie Landwirtschaft und weist deren Erzeugnisse mit einem eigenen Siegel aus. Aktuell umfasst er sechs landwirtschaftliche Biobetriebe aus Deutschland. Seit November 2025 kooperiert man mit dem V-Label.
biozyklisch-vegan.org

»Vegan« ist von gestern – und wächst.

Mit dem Wachstum diversifiziert sich auch der Markt für vegetarische und vegane Lebensmittel. Rewe geht mittlerweile so weit, auf seinen Eigenmarkenprodukten das Wort »vegan« abzuschaffen; in Österreich, demnächst aber auch in Deutschland. Das Wort schrecke eine besonders stark wachsende Zielgruppe ab, wie Verena Wiederkehr aus der Marktforschung weiß: die FlexitarierInnen. Obwohl sich bei der Produktentwicklung viel getan habe, würde diese Zielgruppe, die in Österreich bis zu 50 Prozent der Bevölkerung ausmache, »den Begriff ›vegan‹ mit nicht sehr wohlschmeckenden Produkten assoziieren«. Die Zuschreibungen »pflanzlich« oder »plant-based« hingegen würden auch mit Genuss verbunden. »Wir haben deshalb die Regel, bei unseren Eigenmarkenprodukten mit rein pflanzlicher Rezeptur die Beschreibung ›100% pflanzlich‹ und zusätzlich dezent das V-Label zu verwenden«, sagt Wiederkehr. »Den Veganern und Vegetariern reicht das als Erkennungsmerkmal – und die anderen schreckt es nicht ab.«

Im internationalen V-Label-Netzwerk möchte man 2026 das 30-Jahr-Jubiläum des Gütesiegels zum Anlass nehmen, um verstärkt auf den Non-Food-Bereich hinzuweisen: Kosmetik und Waschmittel beispielsweise. »Die Produktkategorie, wo Zertifizierungsanträge in der Vergangenheit am häufigsten abgelehnt werden mussten, ist Waschmittel«, sagt Johannes Gilli. »Im Zuge der Rezepturprüfung stellte sich oft heraus, dass Tenside oder sonstige Inhaltsstoffe tierischer Herkunft sind.« In der Schweizer Zentrale bei Swissveg kümmert man sich außerdem um den Ausbau des V-Labels. Neben der »Vegan Agriculture« arbeitet man an Richtlinien für ein »F-Label« für Produkte aus Präzisionsfermentation und für ein »C-Label« für kultiviertes Fleisch (»Laborfleisch«).

Die Zukunft mag nicht vegan sein. Vielfältig wird sie auf jeden Fall.

BIORAMA #100

Dieser Artikel ist im BIORAMA #100 erschienen

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