Buchrezension: »Wandern bei Nacht«
Ein Buch für alle NachtschwärmerInnen, die gut bekannte Gegenden in einem neuen Licht sehen wollen...
Die Pubertät ist eine prägende Phase. Das war bei John Lewis-Stempel nicht anders. „Ich begann meine Nachtwanderungen aus schierer Notwendigkeit. Der freundliche Pub, der Wadsworth-Bier an Minderjährige ausschenkte, lag leider nicht bei uns im Dorf, sondern erforderte nach der Sperrstunde einen Fünf-Kilometer-Fußmarsch nach Hause“, erinnert er sich. So ist es auch kein nüchterner Blick, mit dem der britische Farmer seither durch die nächtliche Landschaft wandert, manchmal stolpert, fast immer begleitet von seiner Hündin. Selbst wenn ihm die Gegend geläufig ist, er die Feldwege seines Bauernhofs tagsüber schon viele tausendmal gegangen ist: Bei Nacht ist alles anders. Denn Lewis-Stempel, der für seine Bücher bereits zweimal mit dem Wainwright Prize for Nature Writing bedacht wurde, beobachtet nicht nur und schaut genau hin. Er lässt auch seiner Fantasie freien Lauf. Die Leerstellen, wo wir im Dunkeln nichts sehen, füllt er mit Poesie und Magie; jeder Gedanke ein kleines Feuerwerk im Zwielicht von Mondschein und funkelnden Sternen. Da sieht er in sieben alten Eichen die efeuumschlungenen Säulen eines vergessenen Tempels, erkennt er »eine Seelenverwandtschaft zwischen Mond und Birken, deren Rinde aus gewickeltem Mondlicht besteht«. Die Lust, sich nachts draußen im Park oder in der Wildnis rumzutreiben, wird groß. Eins zu eins lassen sich seine Eindrücke und die teils tagebuchartig festgehaltenen »Nachtnotizen« am Garway Hill in unseren Breiten dennoch nicht nacherleben. Zumindest wären sie auf Festlandeuropa, wo es nennenswert nachtaktive Wildschweine, manchmal auch Wölfe und Bären gibt, deutlich abenteuerlicher. Bedenken sollten wir auch, dass die Ruhe der Nacht vielerorts die letzte Freiheit bleibt, die wir Wildtieren noch lassen. Letztlich lässt sich »Wandern bei Nacht« aber auch als Aufforderung lesen, unsere nächtlichen Alltagswege zu nutzen, um mit offenen Augen zu lustwandeln. Und nachts draußen hoffen wir ab jetzt jedenfalls, irgendwann einen »Mondbogen« zu Gesicht zu bekommen, den seltenen nächtlichen Regenbogen im Mondlicht.
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John Lewis-Stempel, »Wandern bei Nacht«, Dumont, 2024. | € 22
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