»Der Markt braucht dich nicht.«

Die Kuhherde auf dem Biomilchhof von Olga und Markus Voglauer steht nun trocken...

Eine Person steht mit verschränkten Armen vor einem Hof, daneben führt ein offenes Tor in das Gebäude.
Die Milch der Kühe am Biohof Kumer bleibt mittlerweile den Kälbern. Bild: BIORAMA/Thomas Weber.

Als der Absatz einbricht, will Markus Voglauer es wissen. Vielleicht liegt es ja an der Qualität, dass weniger Joghurts verkauft werden und auf einmal weniger Autos im Hof vorfahren, um flaschenweise Rohmilch vom Automaten abzuholen. Fehler passieren schließlich. »Ich dachte: Fuck! Vielleicht liegt es an mir! Vielleicht bin ich allein mit der Arbeit doch überfordert«, erinnert er sich. Also reicht der Biobauer seine Produkte für Verkostungen und Prämierungen ein. »Wir haben mit all unseren eingereichten Produkten gewonnen. Besonders gefreut hat mich, dass wir außerhalb Vorarlbergs die einzige mit Gold prämierte Butter in Österreich hatten. Ich habe also gewusst: An den Produkten liegt es nicht. Nur: Das hilft dir nicht, wenn nichts gekauft wird.«Wir sprechen über das Jahr 2021, kurz nachdem die Nachfrage in den Lockdowns, wie bei fast allen DirektvermarkterInnen, kurzzeitig explodiert ist – um bald darauf nahezu zu implodieren. »Wir haben die allgemeine Teuerung im Hofladen beim Absatz gespürt, lange bevor sie im Supermarkt zu merken war und als die Leute beim Einkaufen vielleicht selbst noch gar nicht wussten, dass sie sparen«, sagt Voglauer.

»Wer weniger als 50 Milchkühe hat, sollte es bleiben lassen. Das Einzige, wofür du und deine Kühe noch gebraucht werden, sind die schönen Bilder fürs Milch-Marketing.«

Markus Voglauer

Strompreis macht Produkte zu teuer

Den Ausschlag, die Direktvermarktung von Joghurt, Butter und Rohmilch sein zu lassen, gibt schließlich die Stromrechnung. »Plötzlich haben wir aus dem Nichts eine Preissteigerung von 400 Prozent bekommen«, sagt er. »Rohmilch und Joghurts von horntragenden Jerseykühen in Heumilch- und Bioqualität im Glas, mehr geht nicht. Wir waren immer schon hochpreisig. Und uns war klar, dass die Leute mehr einfach nicht zahlen würden, dass wir die Energiekosten so nicht weitergeben können.« Denn Milch zu verarbeiten bedeutet unweigerlich, Strom zu verbrauchen. Fürs Kühlen, Pasteurisieren, Lagern. »Wir haben eh eine Photovoltaikanlage am Dach und einen Speicher. Aber das deckt nur einen Bruchteil.« Die Entscheidung wird binnen weniger Stunden übers Wochenende getroffen: Wie früher wird die Milch wieder unverarbeitet an die Molkerei geliefert, landet fortan anonym im Tankwagen der Berglandmilch. Das geht eine Zeit lang gut. Dass das aufwendige Butter- und Joghurtmachen wegfällt, fügt sich in die Lebensphase und entlastet den Bauern. Bereits seit 2019 erledigt Markus Voglauer die Arbeit am Hof weitgehend allein. 2010 hatte der gebürtige Niederösterreicher den Biohof Kumer, gleich nach dem Studium, gemeinsam mit seiner Frau von deren Eltern im Kärntner Ludmannsdorf, ein paar Kilometer von der slowenischen Grenze gelegen, übernommen.

Ein Mensch steht auf einer grünen Wiese und füttert Kühe.
Markus Voglauer inmitten seiner Herde: Die zwölf Jerseykühe müssen keine Milch mehr geben. Die Familie gönnt es sich, die sanften Tiere weiterhin durchzufüttern. Bild: BIORAMA/Thomas Weber.

Der Biohof Kumer ist nicht nur ein Vorzeigebetrieb, sondern auch Vorbild für viele andere Höfe und eine ganze Generation von DirektvermarkterInnen. Beachtung findet er bald auch durch das politische Engagement von Olga Voglauer. 2019 wird die Agrarökonomin erst Landessprecherin der Grünen in Kärnten, dann Nationalratsabgeordnete und Agrarsprecherin, im Mai 2023 schließlich auch Generalsekretärin der Ökopartei. Währenddessen überlegt ihr Mann immer wieder, ob er die Milchproduktion nicht besser ganz aufgeben soll. Eine Kuh nach der anderen wird nicht besamt, die Herde langsam kleiner. Ein technisches Gebrechen bei der Milchkühlung kürzt das gedankliche Hin und Her schließlich ab. »Ich hab kurz durchgeatmet, den Milchfahrer angerufen und gesagt: ›Du brauchst nicht mehr kommen.‹« Die restliche Milch bleibt ab sofort den Kälbern.

»Für uns war das Direktvermarkten rückblickend ein Lebensmodell, das eine Zeit lang gut gepasst hat. Wir waren viel zu Hause bei den Kindern, als die klein waren.«

Olga Voglauer, Agrarsprecherin und Generalsekretärin der Grünen

Man möchte sich nichts schönlügen

Für Molkereien sind solche Anrufe alltäglich. Der Strukturwandel zwingt laufend Betriebe dazu, aus der Landwirtschaft auszusteigen. Jüngere wechseln in den Nebenerwerb. Dann werden aus Milchkühen Mutterkühe, die mit ihrem Nachwuchs auf der Weide stehen. Und der Haupterwerb aus der betreuungsintensiven Milchproduktion – bei Voglauer beanspruchten die Melkarbeiten drei bis vier Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, an 365 Tagen im Jahr – wird ein Nebenerwerb durch die Fleischproduktion einer Mutter­kuhherde, die verhältnismäßig wenig Pflege braucht. Ältere Bäuerinnen und Bauern retten sich mit dem Verkauf von Feldern oder Holz bis in die Pension, verpachten ihre Wiesen. »Der übliche Weg wäre: Hänger her, Viecher rauf, Hänger weg, Flächen verpachten und nie wieder drüber reden«, sagt Markus Voglauer. Womit klar ist, dass das nicht der Weg der Voglauers ist. Denn bei den Voglauers zu Hause wird viel geredet und diskutiert. Schon bei der Hofübernahme hat man einander versichert: Man möchte sich nichts schönlügen. Der Hof muss sich rechnen. Auch jetzt, wo das Gehalt einer Nationalratsabgeordneten den Betrieb eine Zeit lang querfinanzieren könnte. »Das wäre nicht nachhaltig«, sagt Olga Voglauer. Mit der Politik könne es immer über Nacht vorbei sein. »Der Hof muss isoliert als Einheit funktionieren«, sagt die Agrarökonomin. Trotzdem grasen die zwölf verbliebenen Jerseyrinder immer noch auf den Wiesen unterhalb des Hofs. Und das soll auch so bleiben. Während Markus Voglauer als studierter Kulturtechniker mittlerweile einem Brotberuf nachgeht und Flächen für Windkraftanlagen entwickelt, genießen die Tiere dort ihre »Milchpension«. An einen anderen Betrieb hätten sich die Tiere nur schwer verkaufen lassen, sagt er. Die meisten Milchkuhherden bestehen mittlerweile aus enthorntem oder genetisch hornlosem Vieh. Kühe mit Hörnern lassen sich da nur schwer ins Sozialgefüge integrieren. Sie einfach an den Schlachthof zu verkaufen – jede Kuh brächte zwei- bis vierhundert Euro – stand nie zur Debatte. »Die Herde hat uns sehr viel gegeben«, sagt Olga Voglauer, »ich hab die Kühe in meinem Leben mehr gesehen als meine Schwester«. Derzeit gönnt die Familie sich die Herde als Hobby. 200 Euro kostet sie ihr Erhalt im Monat, abzüglich der Beiträge für die Sozialversicherung und unter Einberechnung aller Förderungen. Auf das Wort »Hobby« besteht Markus Voglauer deshalb. Denn: »Ein Hobby kostet Zeit und Geld. Und das ist okay so.« Die Bezeichnung »Nebenerwerbslandwirtschaft« hält er in vielen Fällen mittlerweile ebenso für Selbstbetrug wie die Direktvermarktung bäuerlicher Produkte. »Mir ist bewusst, dass das sehr provokant ist«, sagt der Hobbykuhhalter. »Aber wenn wir Bauern unsere Arbeitszeit einrechnen und ganz nach Lehrbuch eine Produktkalkulation machen würden, wenn du Abschreibungen, Rückstellungen und alle echt anfallenden Kosten berücksichtigst, dann wird dein Produkt unverkäuflich. Ich sage deshalb: Wer weniger als 50 Milchkühe hat, sollte es bleiben lassen. Du gehst in Arbeit unter. Investitionen bekommst du aber nie im Leben wieder rein. Niemand traut sich das zu sagen, aber der Markt braucht dich nicht. Molkereien dürfen das nicht sagen als Genossenschaften: Aber allein das Anfahren kleiner Betriebe zum Milchholen ist unwirtschaftlich. Das Einzige, wofür du und deine Kühe noch gebraucht werden, sind die schönen Bilder fürs Milch-Marketing. Dafür sollte man sich nicht hergeben.«

Eine Person steht lächelnd zwischen Kühen.
»Die Herde hat uns viel gegeben«, sagt Olga Voglauer, Politikerin und Wochenendbäuerin. Die trocken gestellten Milchkühe einfach an einen Schlachthof zu verkaufen, stand nie zur Debatte. Bild: Privat.

Direktvermarktung als Lebensentwurf

All die Jahre, in der sie gemeinsam Joghurt, Butter und Rohmilch produziert haben, möchten die Voglauers (mittlerweile beide 44 Jahre alt) trotzdem nicht missen. Und das mit der »Direktvermarktung als Selbstbetrug« möchte Olga Voglauer, die Vollzeitpolitikerin und Agrarsprecherin ihrer Partei, dann doch nicht ganz unwidersprochen lassen. »Für uns war das rückblickend auch ein Lebensmodell, das für uns eine Zeit lang gut gepasst hat. Wir waren viel zu Hause bei den Kindern, als die klein waren. Meine Eltern haben mitgeholfen«, sagt sie. Durch größer werdende Kinder und älter werdende Großeltern habe sich mit der Zeit einfach auch ein Teil des Lebensentwurfs verändert, sagt sie. Dem pflichtet auch Markus Voglauer bei: »Am Anfang steht dieses Lebensmodell für ›Zeit mit der Familie‹. Da schreckt dich auch viel Arbeit nicht. Drei Generationen arbeiten mit. Du hast das Gefühl, etwas aufzubauen. Und mit dreißig fühlst du dich sowieso unsterblich und unbesiegbar. Auf Dauer bedeutet dieses Lebensmodell aber auch sehr viel Verzicht: Verzicht auf Freizeit, Urlaub und in einer gewissen Form auch Wohlstand.«

Eine Kuh schaut auf einer Weide zu einer Person auf, die von hinten zu sehen ist.
Ohne Milchleistungsdruck brauchen die Kühe weniger Futter. Wiesen können zu Naturschutzzwecken kürzer beweidet und seltener gemäht werden. Das bringt mehr Fördergeld. Bild: BIORAMA/Thomas Weber.

Was fehlt: Beratung zum Aufhören

Zu Jahresende wird alle Jahre Bilanz gezogen am Biohof in Ludmannsdorf: wirtschaftlich, aber auch was das eigene Wohlbefinden angeht, anstehende Projekte, die Zukunft insgesamt. »Ein Kriterium war immer, ob wir die Frage ›Sind wir glücklich?‹ mit einem ›Ja!‹ beantworten können«, sagt Markus Voglauer. Das sei als Milchbetrieb zuletzt nicht mehr der Fall gewesen. »Für uns als Familie war es deshalb die richtige Entscheidung, mit der Milchwirtschaft aufzuhören.« Die »Neustart-Option« habe man sich aber bewusst offengehalten. Auch Olga Voglauer sagt: »Im Grunde schlägt unser Herz für die Landwirtschaft.« Hintergedanke: Irgendetwas werde ihnen schon einfallen. Den Ausstieg aus der produzierenden Landwirtschaft – zumindest vorerst – habe man selbst ganz gut hinbekommen. Ein Problem sei aber, so Olga Voglauer: »In der Beratung der Landwirtschaftskammer ist Aufhören nicht vorgesehen. Da wird dir entweder geraten, zu investieren oder aber dich in der Direktvermarktung zu diversifizieren. Das ist für viele nicht machbar.« Wie ihr Mann wünscht sie sich von der Standesvertretung deshalb eine »Transformationsbegleitung«: »Mag sein, dass man sich da als Institution auch ein wenig abschafft, wenn man Mitglieder beim Aufhören begleitet. Für eine gute Interessensvertretung gehört das allerdings dazu. Und Aufhören ist keine Schande. Der Strukturwandel ist ja eine Realität.«

»In der Beratung der Landwirtschaftskammer ist Aufhören nicht vorgesehen. Aber Aufhören ist keine Schande. Der Strukturwandel ist ja eine Realität.«

Olga Voglauer

Lebenshof oder Labor zum Ausprobieren?

Am Biohof Kumer selbst denken Markus und Olga Voglauer und ihre beiden Kinder derzeit drei Varianten durch. Ein Gedanke ist es, den derzeitigen »Milchpensionshof« zu einem Lebenshof auszubauen, auf dem auch andere außer Nutzung gestellte Tiere – beispielsweise Pferde und Schafe – gehalten werden, gegen Bezahlung oder über Spenden finanziert, und die Wiesen kurz halten. Ein anderer: Es beim reinen Hobby zu belassen und ausschließlich für den eigenen Bedarf hochwertigstes Fleisch zu produzieren. Sicher ist man sich nämlich jedenfalls, dass der Strukturwandel weiter dazu führen wird, »dass Fleisch von richtig guter Qualität immer besonderer und seltener wird« (Markus V.). Ein dritter Gedanke, der die Voglauers reizt, ist es, den eigenen Hof interessierten QuereinsteigerInnen in die Landwirtschaft auf Zeit zum Ausprobieren zu überantworten. »Viele haben kein eigenes Land, bei uns könnten sie experimentieren, haben alles zur Verfügung und müssten nichts investieren«, sagt der Hobbykuhhalter. Einen Vorteil hätte diese Variante für die Familie: Passen Lebensphase und Experimentierfreude, dann wäre am Hof vielleicht auch wieder frische Milch verfügbar. »Ich habe zwar nicht gewusst, wie einfach es ist, einen Liter Milch zu kaufen«, sagt Markus Voglauer. »Ich habe aber auch nicht gewusst, wie schwer es ist, an frische Rohmilch zu gelangen.«

Mehr BioproduzentInnen und ihre Geschichten von Ausstieg, Einstieg und Umstieg in Landwirtschaft und Produktion.

BIORAMA BIOKÜCHE #5

Dieser Artikel ist im BIORAMA BIOKÜCHE #5 erschienen

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