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Salz, Splitt & Maisgranulat – was tun gegen Schnee und Glatteis?

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Je weniger Streusalz, desto besser: Im Idealfall werden schneebedeckte Fahrbahnen sofort „schwarz“ geräumt. (Foto: Shutterstock)

Wie verrichten Städte wie Wien, Graz, Berlin und Hamburg ihren Winterdienst? Über die (Un-)Möglichkeiten, im Winter Eis und Schnee umweltfreundlich von der Strasse zu schaffen.

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Eiskalte Luft und die ersten Schneeflocken – nicht nur in den Bergen, sondern auch in den Niederungen haben sich die Menschen bereits warm anziehen müssen. Bald werden wohl auch die ersten Räumfahrzeuge wieder unterwegs sein. Sicherheit für alle, die zu Fuß oder auf Rädern unterwegs sind, geht vor. Doch auch die Erwartung der Verkehrsteilnehmer an die Bedingungen auf Straße und Gehsteigen sind nicht zu gering. „Wir sind verwöhnt, und das ist unser Riesenthema. Jeder möchte im Winter bei Schneefall nahezu in der gleichen Geschwindigkeit unterwegs sein, wie im Sommer bei trockener Fahrbahn. Und das funktioniert halt im Winter nicht“, meint Martin Nigitz, Abteilungsleiter der Stadtreinigung/Winterdienst der Holding Graz.

In der Bundeshauptstadt und in den Landeshauptstädten Österreichs werden deshalb jährlich große Mengen an Auftaumitteln und Streusplitt ausgestreut. In Wien etwa sind insgesamt 44.500 Tonnen Streusalz und mehr als 183 Tonnen Streusplitt für den bevorstehenden Winter eingelagert.

Ganz ohne Salz
Streusalze, im Regelfall wird Natriumchlorid (NaCl) verwendet, sind umweltschädlich – das ist hinlänglich bekannt. Ein alternatives chemisches Auftaumittel, welches ohne jegliche schädliche Nebenwirkungen für die Umwelt wirkt, muss erst erfunden werden. Hier konnte die Forschung bislang noch keinen Erfolg verbuchen. Hamburg setzte deshalb einen ersten Schritt und hat per Gesetz verboten, dass Privatpersonen Gehwege mittels Streusalz von Eis und Schnee befreien. Berlin ging sogar einen Schritt weiter und verbietet für das gesamte Stadtgebiet den Einsatz von Streusalz. Stattdessen sollen die Gehwege zunächst geräumt und dann mit abstumpfenden Mitteln (Split) gestreut werden.

Warum nicht auch in Österreichs Städten? Nigitz erklärt: „Die RVS 12.04.12 (Richtlinien und Vorschriften für das Straßenwesen, Anm. d. Red.) ist die Vorgabe für alle in Österreich. Diese gibt als Norm im Winterdienst vor, dass auftauende Streumittel verwendet werden müssen.“ In Deutschland ist die Pflicht zur Schneeräumung – anders als in Österreich – gesetzlich regional unterschiedlich geregelt.

Zumindest auf den Gehsteigen der Stadt Graz wird man kein Streusalz finden – zumindest wenn es nach der Grazer Stadtregierung geht, denn diese hat dies verboten. In Wien ist dies etwas weniger streng geregelt. Hier dürfen Gehwege „gesalzen“ werden, doch ist die Verwendung von Salz bzw. anderen natrium- oder halogenidhaltigen Auftaumitteln im Umkreis von zehn Metern rund um „unversiegelte Flächen“ – also etwa Wiesen und Bäumen – verboten.

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Streusalz belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch Autokarosserien. (Foto: Shutterstock)

Das Problem ist, dass Privatpersonen oft sehr großzügig Salz auf die Gehwege ausstreuen und so maßlos überdosieren. Dies führt zu einer hohen Belastung des Grundwassers und der Oberflächengewässer. BIORAMA wollte wissen, ob denn die Stadt Wien daran denkt, auch ein generelles Verbot von Streusalz auf Gehwegen einzuführen. „Dass es nie irgendeine Anpassung geben wird, ist nicht gesagt. Aber derzeit ist mir nichts bekannt, dass dahingehend etwas geändert wird“, teilt Ulrike Volk von der Magistratsabteilung 48 – Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Sraßenreinigung und Fuhrpark (MA 48) mit.

Salz ist nicht gleich Salz
Salz ist allerdings nicht gleich Salz. Die Ausbringung von Feuchtsalz und Sole – also stark verdünntem Salzwasser – ist wesentlich umweltfreundlicher als die Verwendung von Trockensalz. Zum einen kommt es durch die verbesserte Bodenhaftung des Feuchtsalzes zu keiner Verwehung von der Fahrbahn hin zu den randlichen Grünflächen. Zum anderen ist damit einhergehend auch die eingesetzte Dosis von NaCl um ein Vielfaches geringer.

Sowohl Graz als auch Wien haben bereits einige Fahrzeuge in ihren Fuhrparks, die in der Lage sind, stark verdünntes NaCl – Feuchtsalz vermischt mit Sole – auf Fahrbahnen als Präventivmaßnahme aufzubringen. Das passiert, sobald erste Schneeflocken vom Himmel fallen. Einen physikalischen Haken hat die Sache jedoch: Ist die Fahrbahn bereits mit Schnee bedeckt, wird das Salz dadurch zu stark verwässert. Dann verschiebt sich der Gefrierpunkt: der Schnee vereist, und man muss erst recht noch einmal streuen. Nigitz erklärt weiter: „Feuchtsalz wirkt nur auf Straßen, die viel befahren sind. Es wirkt beim Großteil der Straßen, wie z.B. Wohnstraßen, nicht. Dort wird dann eben doch das höher konzentrierte Trockensalz und Splitt verwendet“. Die Umweltberatung meint dazu in einem von ihr zu dem Thema erstellten Merkblatt, dass an wenig befahrenen Straßen Splitt wirtschaftlich und ökologisch gegenüber Natriumchlorid vorzuziehen ist.

Keine gute Ökobilanz
Die Annahme, dass herkömmlicher Streusplitt deshalb besser für die Umwelt wäre als Salz, ist allerdings weit gefehlt. Abgesehen von der Gefahr der Feinstaubbelastung stellen nach Winterende die Entsorgung wie auch das Recycling jedes Jahr eine Herausforderung für die Winterdienste dar. Auftausalze haben deshalb – vor allem auf vielbefahrenen Straßen – eine bessere „Ökobilanz“ als Streusplitt. Bei übermäßiger Ausbringung besteht zudem die Gefahr, dass die kleinen Steinchen Kanäle und Abflüsse verstopfen.

Umweltfreundliche Alternativen
Die Umweltberatung empfiehlt jedoch, alternativ zu NaCl – das nach derzeitigem Forschungs- und Wissensstand – umweltfreundlichere Kaliumcarbonat als Auftaumittel zu verwenden. Es sollte vor allem in sensiblen Bereichen, wie etwa an Baumalleen und Grünflächen angrenzende Straßen und Gehwegen, zum Einsatz kommen. Tatsächlich verwendet die Bundeshauptstadt Wien dieses Mittel im Bereich einiger Parkanlagen, wo keine Abgrenzung zu den Grünflächen existiert. Doch an einen großräumigen Einsatz ist nicht zu denken. „Die Wirtschaftlichkeit spielt natürlich mit eine Rolle“, so Ulrike Volk. Kaliumkarbonat ist um das Vierfache teurer als Trockensalz. Da jedoch auch dieses Mittel nicht frei von jedem „Makel“ ist – es führt zu vermehrtem Stickstoffeintrag auf Boden und Pflanzen –, sollte auch hiermit gering dosiert werden.

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Sobald es schneit, rücken in den Städten die Streu- und Räumfahrzeuge aus. Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz stehen dabei mitunter in einem Spannungsfeld. (Foto: Shutterstock)

Am umweltverträglichsten wäre die Kombination mit einem Blähton-Granulat – reiner Ton, der zu Korn gebrannt und gebrochen wird. Geläufig ist dieses als Substrat in Pflanzentöpfen. Das Granulat wirkt abstumpfend und müsste im Gegensatz zu Splitt theoretisch auch nicht „eingekehrt“ werden. Doch man stelle sich vor, dass an den Straßen- und Gehwegrändern sowie auf Grünflächen feinstaubverdächtige Blähtonkrümel-Haufen liegenbleiben, die – und das ist ihr großer Nachteil – braune Flecken hinterlassen. Was in der Natur egal wäre, spielt im urbanen Raum dann doch eine große Rolle. Die Stadt Graz hat bereits vor einiger Zeit einen Versuch mit der Anwendung von Blähton gemacht, der jedoch rasch wieder eingestellt wurde. „Unsere Wirtschaft hatte mit dem Blähton die massivsten Schwierigkeiten, weil man den Dreck in alle Geschäfte getragen hat“, erinnert sich Nigitz.

Maisspindeln – mehr als nur Abfall
Zumindest für den privaten Gebrauch vor der Haustüre oder am Gehsteig gut geeignet sind Holzspäne als alternatives umweltfreundliches Streumittel. Diese können ohne weiteres für den nächsten Winter zusammengekehrt und wiederverwendet werden.

Die Erfindung eines kleinen deutschen Familienbetriebes lässt jedoch aufhorchen. Wilderich
Freiherr von Haxthausen hatte die Idee, die Maiskolben, die bei der Saatgutproduktion als Abfall anfallen, in grobe Stücke zu häckseln und als abstumpfendes Streumittel zu verwenden. Haxthausen verkauft hauptsächlich an Gewerbe- und Industriebetriebe sowie an Bauhöfe und Straßenmeistereien, aber auch an Privatkunden.

Wird Haxthausens Maisspindelgranulat in Wohnungen oder Geschäfte vertragen, hinterlässt es keine Flecken und könne einfach mit dem Staubsauger eingesaugt werden. Draußen angewendet, belastet es weder Boden noch Pflanzen und kann einfach – sofern nicht durch Schadstoffe aus dem Straßenverkehr verschmutzt – in die Biotonne gekippt werden. Wie es mit einer möglichen Feinstaubbelastung aussieht, ist bis dato jedoch nicht bekannt.

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Ökologische Streumittel: Die Abfälle aus der Maissaatgutproduktion finden als Granulat Wiederverwendung. (Foto: Shutterstock)

Schwarzräumung
Die umweltverträglichste aller Möglichkeiten, Schnee und Eis zu beseitigen, ist wohl die sogenannte „Schwarzräumung“ mit einer – wo angemessen – „Nullstreuung“. Das bedeutet, dass die Fahrbahn so rasch wie möglich zur Gänze von Schnee befreit wird, und eine Streuung mit auftauenden sowie abstumpfenden Mitteln dadurch vermieden werden kann. Graz hat im Winter 2005/2006 in einigen Stadtteilen ein Pilotprojekt gestartet. Aufgrund der damaligen Pflugtechnologie wurde der Versuch allerdings wieder eingestellt. Die Pflüge konnten wegen der Unebenheiten der Fahrbahnen die Straße nicht komplett räumen. Im Jahr 2016 ist die Technologie schon weiter: Mittlerweile ist die Kommune im Besitz von vier Räumgeräten, welche Straßen mit Fahrbahnunebenheit von bis zu zwölf Zentimetern nahezu schwarz räumen können. Eine Wiederholung des damaligen Pilotprojekts wäre in verkehrsberuhigten Stadtvierteln also durchaus anzudenken – mit Vorbildwirkung für andere Städte.

Das Wundermittel, welches alle Nachteile von chemischen Auftaumitteln und abstumpfenden Streumitteln hinter sich lässt, muss also erst erfunden werden. Die Forschung ist dran, Ideen gibt es – wie etwa das Maisspindelgranulat. Bis dahin sei bei Schneelagen auf den Straßen geraten: runter vom Gas.

 

 

Wo ist das Problem?
– auftauende und abstumpfende Mittel und ihre Wirkung auf die Umwelt. Eine Übersicht.

Sie schmelzen den Schnee
Die Ausbringung von Streusalzen (es wird generell zwischen Trocken- und Feuchtsalzen unterschieden) führt unter anderem zur Versalzung der Böden und damit einhergehend zu Wasserentzug im Wurzelbereich der Pflanzen. Es kann zu Ätz- und Verbrennungsschäden an Pflanzen kommen, den Boden verdichten und – bei höheren Konzentrationen – auch Oberflächen- und Grundwässer belasten. Auch wirtschaftlich – sowohl für jeden Einzelnen als auch für die öffentliche Hand – können die Schäden nicht unbeträchtlich sein. Das Salzwasser greift Autokarosserien, Straßen oder Hauswände an. Ärgerlich also. Alternativen wurden zahlreich getestet, wie etwa stickstoffhaltige Auftaumittel, Harnstoffverbindungen oder Ammoniumsulfat. Diese wirken im Gegensatz zu NaCl nicht giftig auf die Pflanzen, weshalb sie auch als „pflanzenverträglicher“ eingestuft werden. Doch da Pflanzen im Winter keinen Stickstoffdünger benötigen, wirkt sich allerdings auch der zusätzlich eingebrachte Stickstoff äußerst schädlich auf die Pflanzen auf den an die Straßen und Gehwegen angrenzenden Grünflächen aus. Auch Gewässer werden (durch das Einschwemmen des Schmelzwassers über die Kanalisation) überdüngt, was insbesondere für die Gewässerlebewesen ein Problem darstellt, da diese im schlimmsten Fall an  Sauerstoffmangel sterben.

Sie geben mehr Grip
Die Annahme, dass herkömmlicher Streusplitt – empfohlen werden abriebfeste Gesteine wie Basalt oder Dolomit – besser für die Umwelt ist, ist nicht richtig. Zum einen hat Splitt nur eine begrenzte Wirksamkeit auf den Straßen, da die Steinchen durch die fahrenden Autos an den Straßenrand geschleudert werden. Deshalb müssen sie häufig in größeren Mengen und öfter ausgebracht werden. Wegen der durch den Abrieb entstehenden Feinstaubbelastung kehren – insbesondere in den Städten – die Kehrfahrzeuge bereits während des noch herrschenden Winters und natürlich mit Beginn des Frühlings den Splitt wieder ein. Eine Wiederverwendung ist nur möglich, wenn die Streumittel vor der Einlagerung über ein aufwändiges Wasch- und Trockenverfahren gereinigt werden, da der Splitt durch Salzreste, Schwermetalle und Schadstoffreste aus dem Straßenverkehr verschmutzt ist. Alles in allem kann der Energiebedarf beim Einsatz von abstumpfenden Mitteln deshalb viel höher liegen als bei Auftaumitteln. Wird auf die Aufbereitung verzichtet, so fallen Deponiekosten an.


Weiterführende Infos bietet Die Umweltberatung hier an.

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