Stille Nacht, Kitschige Nacht?

»Stille Nacht« ist der Sound zum ruhig-besinnlichen Familienfest. Immer schon?

Zu Weihnachten gehört das Lied »Stille Nacht«. Beides wird gegen Instrumentalisierung, gegen Konsumwahn und Kitsch verteidigt, gemeint ist damit dann meist: gegen »Last Christmas« im Shoppingcenter. 

Eine Spurensuche zeigt, dass die Verkitschung des 200 Jahre alten Weihnachtsliedes alles andere als neu ist. Fast genauso alt wie die Wandlung von Weihnachten vomsakralen Kirchenfest zum profanen Familienfest.

1816 als Gedicht geschrieben, wurde Stille Nacht eher zufällig und sehr kurzfristig zu einem Lied, als der Salzburger Pfarrer Joseph Mohr den Lehrer Franz Xaver Gruber am 24. 12. 1818 fragt, ob er bis zur Mette am Abend schnell eine Melodie machen kann. Er konnte.

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft; einsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab im lockigten Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh

1. »Holder Knab im lockigten Haar« Diese Zeile gilt den ProtestantInnen Deutschlands 1844 als zu barock und wird ersetzt durch »das im Stall zu Bethlehem war«. Die via Hamburg auswandernden Missionare verbreiten diese Variante über die ganze Welt. 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn! O wie lacht
Lieb´ aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund`.
Jesus in deiner Geburt!
Jesus in deiner Geburt!

2. Verkehrte Welt: 1941, in einer der dunkelsten Stunden für die Alliierten, singen Churchill und Roosevelt am Balkon des Weißen Hauses just ein deutschsprachiges Weihnachtslied: Silent Night. Jahrelang setzte der Oberndorfer Philosoph Leopold Kohr im US-Exil auf das Lied, um für die Wiederherstellung eines österreichischen Staates nach der Befreiung Europas zu werben. 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höhn
Uns der Gnaden Fülle läßt seh´n
Jesum in Menschengestalt,
Jesum in Menschengestalt

3. Gestrichen! Die Strophen 3–5 des kirchlich-religiösen Liedes fallen dem Kitsch zum Opfer – in den 1830ern! Ihr abstrakter theologischer Inhalt eignet sich nicht für die idyllisch-romantische Weihnachtserzählung, zu der sich das Lied entwickelt. 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß
Und als Bruder huldvoll umschloß
Jesus die Völker der Welt,
Jesus die Völker der Welt.

4. »Stille Nacht, traurige Nacht, rings umher Lichterpracht! In der Hütte nur Elend und Not, kalt und öde, kein Licht und kein Brot, schläft die Armut auf Stroh«:Spätere Umdichtungen, wie die Arbeiter-Stille-Nacht von 1890, ersetzen Idylle durch Kritik, spirituelle Erlösung durch politische Kampfansage. Die jüngste: »Silent Night in Aleppo« aus dem kriegsgeplagten Syrien eines unbekannten Autors von 2015.

 Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreit,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß,
Aller Welt Schonung verhieß.

5. Der Retter ist da – aber nicht in der Kirche: 1782 verbietet der letzte Salzburger Fürsterzbischof Colloredo das Krippenspiel in Kirchen. Er will eine religiöse Rückbesinnung statt volkstümlicher Frömmelei. Dass Mohr und Gruber 30 Jahre später »Stille Nacht» nach dem Krippenspiel aufführen können, verdanken sie den Franzosen: In den Wirren der napoleonischen Kriege versinkt die Herrschaft der Erzbischöfe. 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel Alleluja,
Tönt es laut bei Ferne und Nah:
Jesus der Retter ist da!
Jesus der Retter ist da!

6. »Stille Nacht« als »Ächtes Tiroler Volkslied«? Der Zillertaler Orgelbauer Carl Mauracher trägt das Lied von Oberndorf nach Tirol. Von dort verbreiten es arme Handwerkerfamilien, die zu Werbezwecken als Volksliedsänger auf Tournee gehen, nach Deutschland, England, Russland bis in die USA. Freilich: in Text und Melodie verändert, mit viel Tiroler Tracht. Eine, wie man anlässlich des aktuellen 200-Jahr-Jubiläums der Erstaufführung sagen kann, nachhaltige Interpretation.

Eine Ausstellung »200 Jahre Stille Nacht« ist bis 3. 2. 2019 im Salzburg Museum zu sehen.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #58 erschienen

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