Urbanes Wildern

Bild: GB*21

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Stell dir vor, du gehst in den Park und pflückst dir einen Apfel. Städte könnten mehr Ressourcen zur Verfügung stellen als man glaubt. 

Menschen und Medien beschäftigen sich vielerorts damit, wie Land- und Subsistenzwirtschaft in Städten funktionieren kann. Ein bisher wenig beachteter Aspekt, ist die Nutzung von bereits verfügbaren, essbaren Pflanzen. Dazu gehören Wildkräuter, Gemüse, Früchte von Wildgehölzen und Streuobstwiesen, zu finden auf öffentlichen Grünflächen.
Die Selbstversorgung mit frischem Obst und Gemüse in Städten ist derzeit in aller Munde. Vom Selbsterntefeld, über den Gemeinschaftsgarten bis zur Gemüsekultur am Balkon gibt es unterschiedliche Möglichkeiten die heimische Speisekarte, neben käuflichen Angeboten, an selbst Angebautem zu bereichern. Doch Gärtnern bedarf einschlägiges Wissen und Ressourcen, die nicht jedermann zur Verfügung stehen.
Deshalb beschäftigt sich eine immer größer werdende Gemeinde mit dem Sammeln von Obst, Beeren und Kräutern in urbanen Gefilden. Dies sind Menschen, die Spaß daran haben, neue Stadteile und deren essbare Schätze zu entdecken. Die Initiative Stadtfrucht geht noch einen Schritt weiter: Die Mitglieder schützen und vermehren öffentlich nutzbares Obst und Gemüse respektive Boden auf dem solches gepflanzt werden kann. Damit wird das Wissen über verwertbare Pflanzen wieder belebt. Weiters wird die Erhaltung und Vermehrung von essbarem Grün vorangetrieben. Gerade für einkommensschwache Stadtbewohner ist das Potenzial an kostenlos nachwachsenden Lebensmitteln nicht zu unterschätzen. Besonders Zugezogene aus ländlichen Regionen kennen diese Art der Selbstversorgung aus ihrer Heimat und betreiben sie in der Stadt weiter.
Bild: Oliver Kellhammer

Bild: Oliver Kellhammer

Essbare Stadt
Auch Stadtverwaltungen bzw. Stadtnahe Organisationen treiben den Trend der „Essbaren Stadt“ voran. Zum Beispiel in Niederösterreich, in der Obststadt Wiener Neustadt. Statt den üblichen Straßenbäume werden Obstgehölze in Parkanlagen, als Alleebäume und auf Firmengeländen gepflanzt.
Die Gebietsbetreuung Floridsdorf GB*21 hat im letzten Herbst einen Naschgarten auf einem ehemaligen Gemüsefeld initiiert. Mit Unterstützung aus der Bevölkerung wurden neben Kulturobst, Nussbäumen, Wildgehölzen auch einige eher unbekannte Sträucher, wie Filzkirschen und Mispeln gepflanzt. Alle Früchte in diesem öffentlichen Garten sind, wenn auch manche nur gekocht, zum Verzehr geeignet. Das Projekt soll das breite Spektrum an essbaren Pflanzen in einem urbanen Umfeld abbilden und den Bewohnern nahe bringen.
In Andernach am Rhein wurden vor einigen Jahren landwirtschaftliche Flächen als Naherholungsgebiet mit unterschiedlichen Funktionen der Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Unterschiedliche essbare Gehölze und wechselnde Gemüsesorten wurden für die Bepflanzung ausgewählt. Die Bewohner können sich bei der Gestaltung und Pflege selbst einbringen und natürlich steht jedem frei zu ernten. Mit dieser neuen Nutzung von städtischem Freiraum als „Bürgergärten“ werden einerseits öffentliche Treffpunkte geschaffen und andererseits ein Beitrag zur Versorgung mit nachhaltigen Lebensmittel geleistet.
Digitales Teilen
Um die Stadtbewohnerinnen zu vernetzen und gesammelte Informationen über Fundorte zu teilen stellt die Plattform mundraub.org eine Deutschland- und Österreich-Karte mit öffentlichen Standorten von Obstbäumen und Beerensträuchern zur Verfügung. Diese wird von ihrer Community befüllt und gewartet. In Österreich können öffentlich zugänglich Obst- und Nussbäume mit der mobilen Applikation Fruchtfliege Vienna aufgespürt werden.
Hinter Zäunen
Die Jäger und Sammler sollten beim durchstreifen der Stadt den rechtlichen Aspekt im Hinterkopf behalten. Grundsätzlich sind Obst, Gemüse, Beeren und Kräuter auf öffentlichen Flächen Gemeingut (Allmende) – das heißt jeder kann ernten und pflücken. Dies gilt auch für Äste die über Grundstücksgrenzen reichen. Zu beachten ist, dass nicht alle frei zugänglichen Orte auch öffentliche Flächen sind. Im Zweifelsfall kann die Gemeinde- oder Stadtverwaltung Auskunft geben. Das Ernten auf privaten Grundstücken darf nur mit der Erlaubnis vom Eigentümer erfolgen, auch wenn es keine eindeutige Begrenzung gibt.
Dicke Luft
Vermutlich stellt sich die Frage in wie weit Schadstoffe urbanes Obst und Gemüse belasten. Die Berliner Studie „Wie gesund ist die „Essbare Stadt“ hat genau diese Frage verfolgt und folgende Ergebnisse zu Tage gebracht: Grundsätzlich sind Obst und Gemüse im städtischen Umfeld höheren Schadstoffbelastungen ausgesetzt als im ländlichen Raum und auch als Obst und Gemüse aus dem Supermarkt. Dabei spielen kontaminierte Böden, Wasser und Emissionen eine große Rolle. Krautige Pflanzen und Beeren akkumulieren mehr Schwermetalle als Obst und Nussbäume. Deshalb sollte auf das Ernten neben verkehrsreichen Straßen oder kontaminierten Industriebrachen verzichtet werden.
Mit dem Sammeln und „Wildern“ hohlen sich die Stadtbewohner ihre Freiräume zurück. Grünflächen erhalten neben ihrer Erholungs- und Repräsentationsfunktion eine größere Bedeutung. Auch Brachen sind nicht nur mehr ein Fleck ungenutztes Land, sondern können zu einer kostenfreien Nahversorgungsquelle aufgewertet werden. Stadtverwaltungen die dieser Bewegung Platz einräumen, geben den Bewohnern ein Stück weit Selbstbestimmung und Unabhängigkeit in stark reglementierten urbanen Strukturen zurück.

Essbares Stadtpflanzen
Obstbäume: Apfel, Birne, Kirschen, Kricherl, Mandel, Maroni, Marille, Maulbeeren, Pfirsich, Quitten, Walnuss, Weichsel, Zwetschke
Bäume: Birke, Buche, Eberesche, Fichte, Linde, Tanne,
Wildgehölze: Berberitzen, Dirndlstrauch, Felgenbirne, Hasel, Mehlbeere, Mispeln, Sanddorn, Schlehe, Weißdorn, Wildrose, Zierapfel
Kräuter: Beerlauch, Beifuß, Borretsch, Brennessel, Gänseblümchen, Girsch, Johanniskraut, Klee, Löwenzahn, Sauerampfer, Wegerich
… und viele mehr.

Buchtipps
555 Obstsorten für den Permakulturgarten und -balkon
Planen. Auswählen. Ernten. Genießen
Siegfried Tatschl, Löwenzahn Verlag
Essbare Stadt: Wildwuchs auf dem Teller. Vegetarische Rezepte mit Pflanzen aus der Stadt
Maurice Maggi, AT Verlag
Meine wilde Pflanzenküche: Bestimmen, Sammeln und Kochen von Wildpflanzen
Meret Bissegger, AT Verlag

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1 Antwort

  1. Jan sagt:

    Das finde ich eine total schöne Idee! Generell bemerkt man die Urban Gardening Bewegung auch immer mehr! Ich liebe es auch in der Stadt draußen Zeit zu verbringen! Oft schnapp ich mir meine Hängematte (die Tahiti Kolibri von http://haengemattenshop.com/amazonas/) und verbringe den ganzen Tag im Park. Grüne Städte sind für mich sehr wichtig! Ich könnte nie in einer Betonburg leben!