Eine Modelabel im Kampf gegen Kinderarbeit


Ethische Kinderarbeit? Tellavision macht’s möglich. Das Modelabel setzt diskriminierte und ausgebeutete Kinder an die Designtafeln statt an die Nähmaschinen. Wir haben mit Sascha Ivan, dem Gründer der Organisation über dieses ungewöhnliche Projekt gesprochen.

Was ist Tellavision und warum heißt es so?

Tellavision ist Hilfsorganisation und Modelabel in einem. Wir geben bedürftigen Kids die Möglichkeit ihre Meinung, ihre Wünsche und Visionen in ein Design zu packen, es auf ein T-Shirt zu drucken und damit öffentlich und sichtbar zu machen. Jeder Käufer trägt somit nicht nur eine einzigartige authentische Message auf der Brust, sondern wird zugleich zum Sprachrohr der Kids und zum solidarischen Unterstützer seines Designers. Wir sehen Tellavision als  Informationskanal, “Television”, mit dem wir Aufmerksamkeit und Aufklärung leisten. Zugleich steckt aber auch der Appell “Tell a vision” drin, mit dem wir an die Gesellschaft herantreten und sie auffordern, die Message der Kids weiter zu erzählen.

Was ist das Ziel Eurer Organisation? Was war die Idee dahinter?

In erster Linie wollen wir ausgebeutete und diskriminierte Kinder unterstützen, deren Schicksal keine oder zu geringe Hilfe von der Öffentlichkeit erhalten. Wir wollen ihnen eine Plattform bieten für ihre Wünsche, Interessen und Visionen. Wir schaffen mit jeder Kollektion Aufmerksamkeit für sie. Missstände und Menschenrechtsverletzungen, bei denen die Kinder die Leidtragenden sind, weil sie keinerlei Lobby haben und mediales Interesse hervorrufen machen wir öffentlich. Wir regen die Öffentlichkeit zum solidarischen Handeln an und setzen Unternehmen und Politik unter Druck. Dabei ist für uns eines immer klar; wir zeigen die Kids ausschließlich stark und voller Würde. In jedem von diesen Kindern stecken eine Menge Potential und Kraft, die es zu fördern gilt. Denn jedes Kind hat ein Recht auf eine gesunde Entwicklung. Das Ganze in eine Modekollektion zu packen hat einfach den Vorteil, den Zugang für Unterstützer zu erleichtern und einer Hilfsorganisation damit ein völlig neues Gewand zu verpassen. Weg von schüchternen Infoständen und Flyer verteilen, hin zu einzigartigen, lauten Statements verbunden mit dem Vibe der Subkulturen aus der Musik- Mode- und Kunstszene. Lifestyle und Engagement sind bei uns eins.

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Die Kinder sollen nicht nur finanziell unterstützt werden, es soll auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt werden. (Foto: ©Tellavision)

Wie kam es zur Gründung? Welche Hindernisse musstet Ihr überwinden?

Im Jahre 2009 gab es diese eine zündende Idee, die sich in meinem Kopf breit gemacht hat. Inspiriert wurde ich dabei durch die damals 7 Jährigen Nichten meiner Freundin, die mir zum Geburtstag ein selbst designtes T-Shirt schenkten. Darauf waren fliegende Häuser und Pferde zu sehen und ich erntete jede Menge Aufmerksamkeit und interessierte Nachfragen, wenn ich das Shirt in Clubs oder auf Konzerten trug. Mir wurde damit bewusst, wie viel Öffentlichkeit ein derartiges Design erzielen kann. Die Idee, damit genau den Kindern eine Plattform zu geben, die unter Missständen leiden und nicht gehört werden, weil beispielsweise das mediale Interesse fehlt, war geboren.

Aus der Idee dann Tellavision entstehen zu lassen war harte Arbeit. In den ersten 3 Jahren habe ich Tellavision parallel zu meinem Job aufgebaut. Das bedeutete 80-Stunden-Wochen am Fließband und der Jahresurlaub ging für Kollektionsreisen drauf. 2012 quittierte ich dann meinen sicheren Job in einer Werbeagentur, um mich voll und ganz auf Tellavision zu fokussieren. Damit stieg natürlich der finanzielle Druck. Einen Gründungszuschuss vom Amt gab es nicht. Das ganze Projekt war ein finanzieller Drahtseilakt. Wir haben in den letzten Jahren jedoch enorm viele Partner gewonnen und Menschen erreicht. Es geht erfreulicherweise langsam und kontinuierlich nach oben.

Wie sieht Euer Arbeitsprozess genau aus? Von der Idee zum fertigen Kleidungsstück und was danach kommt.

Zunächst steht viel Recherchearbeit an. Wir entscheiden uns für ein Thema, unter dem die neue Kollektion stehen soll und suchen dann nach dem richtigen Partnern im Ausland, der uns zu den Kids bringt und uns somit bei der Kollektionsentstehung unterstützt. Dabei handelt es sich um Hilfsorganisationen, die sich immer für eine spezielle Thematik einsetzen und arbeiten. Wir beginnen dann eine intensive Korrespondenz, erarbeiten Zeitpunkt und Abläufe, organisieren Dolmetscher und Ansprechpartner vor Ort und informieren uns gründlich über die Möglichkeiten, die wir mit den Kids haben. Wichtig ist uns dabei, dass jede Kollektion ein anderes Menschenrechtsthema beleuchtet.

Wenn dann alles steht, geht es in den Flieger zu den Kids. Das ist immer ein sehr aufregender Prozess. Wir kommen zwar mit ausschließlich guten Absichten, sind aber dennoch zunächst Fremde für die Kids. Deshalb müssen wir uns zuerst kennenlernen. Wir stellen uns ausführlich vor und zeigen ihnen, wie wir uns mit unserer Öffentlichkeitsarbeit und der neuen Kollektion für sie einsetzen werden. Und natürlich sagen wir ihnen, dass sich alles um ihre Interessen dreht. Das ist immer eine hoch respektvolle Begegnung auf Augenhöhe. Letztendlich werden wir immer zu Freunden, die leidenschaftlich und mit viel Freude und Engagement dasselbe Ziel verfolgen.

Nach diesem intensiven kennenlernen starten wir dann unsere Kreativworkshop. Wir besprechen mit den Kids das Thema, hören ihnen aufmerksam zu und machen dann mit ihnen aus Begriffen und Themen Designs. Wir fördern ihre Kreativität, ihre malerischen Fähigkeiten und helfen ihnen ihre Message zu finden und ihr Design zu erstellen.

Nachdem die Kids ein Prototyp-Shirt gemalt haben, wird dieses abfotografiert, digitalisiert und somit in Deutschland reproduzierbar gemacht.

Wir drucken ausschließlich auf Bio-zertifizierte Shirts, die zudem, für uns selbstverständlich, auch unter fairen Bedingungen hergestellt wurden. Wir machen den Zugang zur Unterstützung der Kids für den Träger unserer Shirts ganz einfach. Unser Slogan: Kids werden zum Designer und der Käufer zum Träger ihrer Stimme. Das ist wie eine persönliche Verbindung untereinander.

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Die Designs zeigen, was die Kinder beschäftigt. (Foto: ©Tellavision)

Was sind das für Kinder, die für Eure Organisation T-Shirts designen und was haben sie davon?

Die Kinder, die für unser Projekt zu Designern werden, leiden massiv unter Missständen und nicht selten sogar unter menschenrechtswidrigen Bedingungen. Wie in unserem aktuellen Projekt: Die minderjährigen Näherinnen in Indien, die durch das sogenannte Sumangali-System (ein ungesetzliches System, das unverheiratete Frauen und Mädchen aus armen Familien in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse zwingt, um eine Mitgift zu erwirtschaften und so auf dem Heiratsmarkt begehrenswerte zu werden, Anm.) wie Sklaven in Nähfabriken für bekannte Marken unmenschlich schuften müssen. Unsere Partnerorganisation vor Ort, Cividep engagiert sich seit Jahren dafür, dass Sumangali-System zu bekämpfen, in dem sie viel Aufklärungsarbeit leistet und den Kindern – ehemalige und aktuelle Arbeiterinnen – Zuflucht und Schutz gewährt.

Wir arbeiten dabei immer mit drei wichtigen Faktoren um die Kids zu unterstützen:

  1. Wir bringen die Geschichte der Kids mit der entstehenden Kollektion in die Öffentlichkeit, durch medienwirksame Aktionen, durch Bildungsarbeit an Schulen und öffentlichen Einrichtungen, durch den Verkauf der Shirts und jeden Träger der Designs der Kids.
  2. Die Kids merken durch unsere Arbeit vor Ort, dass ihre Rechte und Interessen ernst genommen werden. Das gibt ihnen Motivation und Selbstwertgefühl. Besonders, wenn sie wissen, dass ihre Designs in Deutschland verkauft und mit Stolz getragen werden. Die Kreativarbeit an sich ist schon ein großer Spaß für alle Beteiligten. Sich künstlerisch auszuleben, Aufmerksamkeit bekommen, Talente zu entdecken und zu fördern und auch einfach mal Kind sein zu dürfen ist für die Kids sehr wertvoll.
  3. Zu guter Letzt unterstützen wir das Projekt und die Kids auch mit Spenden von jedem verkauften T-Shirt. Ein Teil des Verkaufserlöses fließt immer als Direktspende zurück.
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Solidarität wird gefördert. Freundschaften entstehen. (Foto: ©Tellavision)

Tellavision ist Hilfsorganisation und Fashionlabel zugleich. Reicht das für die Finanzierung aus oder seid Ihr auch auf Spenden angewiesen?

Die Shirts sind wichtig um den Käufer direkt einzubinden und eine Öffentlichkeit zu erreichen. Der ideale Erfolg liegt momentan noch über dem Finanziellen.

Spenden sind für uns als Hilfsorganisation das Wichtigste. Im Laufe der Zeit haben wir immer mehr Dauerspender gewonnen, die uns dabei helfen langfristig wachsen zu können. Ohne diese finanzielle Unterstützung von Menschen, die an uns und das Projekt glauben, könnten wir unsere Arbeit nicht fortsetzen. Nach wie vor leisten wir jedoch noch immer sehr viel in ehrenamtlicher Tätigkeit.

Wie kann man Euch unterstützen?

Aktuell ist die Unterstützung unserer Crowdfunding-Kampagne das allerwichtigste. Denn nur so können wir unsere nächste Kollektionsreise nach Indien, in die Textilhauptstadt Tiripur und die damit verbundene Kampagne: “Kinderarbeit ist in Mode”- gegen Kinderarbeit in der Modeindustrie, überhaupt erst realisieren. Jede Spende ist für uns und vor allem für die Kids von großer Bedeutung. Für den Einsatz eines jeden Spenders haben wir tolle Dankeschöns auf startnext zu vergeben.

Desweiteren ist natürlich jeder Kauf eines T-Shirts bei uns ein Support und jegliche Art der Verbreitung unserer Idee und der Visionen der Kids. Jeden ersten Mittwoch im Monat gibt es zu dem ein Info-Treffen in unserem Store in Duisburg, bei dem jeder willkommen ist, uns mit Ideen zu inspirieren. Und über Einzel- oder Dauerspenden freut sich unser Konto natürlich ebenfalls jederzeit.

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Die Kampagne, „Kinderarbeit ist in Mode“ soll auf die Lebensumstände indischer Textilarbeiterinnen aufmerksam machen. (Foto: ©Tellavision)

Wie Wie sieht die Zukunft von Tellavision aus?

Das hängt stark von dem Erfolg der Crowdfunding-Kampagne ab. Erst, wenn unser Finanzierungsziel erreicht worden ist, wissen wir wie es die nächsten anderthalb Jahre weitergeht. Geplant ist auf jeden Fall die Kollektionsreise im September nach Tiripur, Indien und der Release der neuen Designs im November. 2017 wollen wir dann auf eine Filmtour gehen, bei der wir die Kollektionsentstehung für alle hautnah mit erlebbar machen wollen. Außerdem wollen wir natürlich wieder jede Menge medienwirksame Aktionen und Kampagnen, Aufklärungsarbeit zum Thema Kinderarbeit in der Modeindustrie an Schulen und öffentlichen Einrichtungen durchführen.

Die gesamte Kampagne soll bis Ende 2017 befeuert werden. Damit sich in den Köpfen der Menschen etwas ändert und der Umgang mit Mode kritischer und nachhaltiger gestaltet wird. Für die Kids, für die Menschenrechte, für einen umsichtigeren Umgang mit Ressourcen und der Umwelt und damit für uns alle.

Hier entlang geht es zur Startnext-Kampagne von Tellavision.

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